Wie ich Instagram wiederentdeckte

Screenshot: Instagram @urbanistergram

Könnt ihr euch noch erinnern? Es gab mal eine Zeit, als Instagram eine Fotofilter-App rein für das iPhone war. Sie revolutionierte damals so ein bisschen die Art, wie Fotografie gemacht und wahrgenommen wurde. Die Sammlung an Retrofiltern triggerten den Spieltrieb eines hippen und urbanen Klientel, das sich vielleicht vor gar nicht so langer Zeit mit Lomographie und der Verschnappschussung des Alltags beschäftigt hatte. Instagram digitalisierte die Lomos und ihre Anhänger. Eine starke Community mit Hang zur Ästhetik und Vernetzung taten ihr übriges und verhalfen Instagram zum Erfolg.

Und könnt ihr euch auch noch an den Aufschrei erinnern, als Instagram dann auf Andoid portiert wurde? Die starke urbane und möglicherweise leicht elitäre Community sah sich dem gemeinen Pöbel gegenüber, der zombihaft vor den Toren ihrer durchgestylten Festung lauerte und befürchtete das Schlimmste: die Profanisierung und Verwahrlosung der geschmackvoll eingerichteten Bilderwelten.

Nun, das war dann auch der Moment, an dem ich als alter Andoid-Nutzer mit dem stark modifizierten Telefon bei Instagram Zuflucht suchte. Zögerlich und auch immer wieder vergleichend mit anderen Fotoapps und unzähligen Communities von 500px über flickr bis VSCO fand ich schließlich Gefallen an der App mit dem Hipsterflair und den vielen Eindrücken der ansässigen kreativen Klasse. Ich fing an Bilder zu machen und zu posten und mit den obligatorischen Hashtags zu hashtaggen. Eine kleine Schar Follower sammelte sich. Das lief wie andere Netzwerke auch parallel zum Blog, das nach wie vor der Anker und die Plattform war, die alles andere überdauern würde.

Der Drang war da, etwas Community zu machen und aufzubauen. Es war die Zeit der Fotowalks. In meinem Dunstkreis passierten und organisierten wir selbige relativ regelmäßig, auch und zum Glück nicht immer öffentlich. Manchmal ist es besser, wenn spezielle und sehr fotogene Orte nicht ganz so überlaufen werden (dieses Blog dokumentierte einige davon). Es dauerte nicht lange, bis die Instawalks populär und immer professioneller wurden. In Nürnberg kümmerte sich ein Referat der Stadt selbst um die Organisation der Fototouren. Viele Leute, auch aus der professionellen Fotoszene, machten mit. Man scheute sich nicht, neben den obligatorischen touristischen Ecken der Stadt auch Lost Places wie beispielsweise das Volksbad aufzusuchen.

Ich folgte einigen dieser Instawalks und organisierte zusammen mit der Stadt dann auch selbst einen. Mein nachmittägliche Spaziergang führte die Anhängerschaft durch den eher tristen und verwohnten Nürnberger Stadtteil Wöhrd. Es wurde mit allem erdenklichen Equipment geknipst, fotografiert und getaggt was das Zeug hielt. Es war vermutlich ein toller Instawalk und es entstand die ganze Bandbreite an Fotografie, von Quatsch bis Poesie.

„Fotografie ist nie Wahrheit, sondern immer Interpretation.“

Ein Teil von mir wehrte sich aber gegen diese Art, Fotografie zum Event zu machen. Ich verstand die Mechanismen, und den Marketingaspekt, aber sie deckten sich nicht mit dem, wie ich Fotografie verstehen wollte. Es verstärkte sich der Eindruck, dass Hashtags wichtiger waren als das Foto selbst. Die Kunst war und ist, die richtigen Hashtags zur richtigen Zeit zu haben und mit der Community zu schwimmen. Die Kunst in der Fotografie selbst schien vermehrt nebensächlich. Und damit mein Erkenntnisgewinn durch die Sicht auf die Dinge, auf die Stadt, auf das Leben. Der Erfolg von unsäglichen und, mit Verlaub, dummen Inhalten ärgerte, ihre schiere Masse lähmte mich.

Instagram war für mich alsbald gestorben. Für die mobilen Bilder wechselten ich für eine Zeit zu VSCO. Bessere Filter, keine Hashtags, keine Kommentare, kein Geschrei nach Aufmerksamkeit wie auf einem Fischmarkt, nur pure Fotografie und die alleinige Wirkung selbiger. Ich vermisste Instagram kein bisschen und bekam sogar überraschend Verständnis für diesen Schritt. An irgendeinem Tag meldete ich mich nach langer Zeit mal wieder an, nahm ein paar verirrte Kommentare und Likes zur Kenntnis, und löschte dann die allermeisten Fotos und entfolgte so gut wie jeden. Aufgegeben habe ich den Account aber nicht, aber ich löschte auch alle Blogposts die mit der Instagram-Phase entstanden sind mit Genugtuung.

Und dann kamen die Stories.

Und könnt ihr euch noch an Snapchat erinnern? Dieses Netzwerk, das sich vor allem dadurch auszeichnete, dass es niemand verstand? Nun, viel zu verstehen gab es da nie. Es wurde vermutlich immer mehr reininterpretiert als am Ende wirklich da war. Es ist zurecht ruhig um Snapchat geworden. Lustig war es in der Folgezeit zu sehen, wie praktisch alle größeren Netzwerke und Messenger mit „Stories“, also die Möglichkeit Inhalte zu veröffentlichen, die sich nach typischerweise 24 Stunden löschten, nachgerüstet wurden. Der zuverlässig funktionierende Internethumor versah auch Tools wie Excel oder Dateimanager aus Prä-Internet-Zeiten mit „Stories“ und kommentierte damit richtigerweise die Unsinnigkeit dieser Funktion in beispielsweise Instant Messengern.

Wo Stories aber für mich furchtbar Sinn ergaben, war die Nutzung in einem Fotonetzwerk wie Instagram. Es war so nun möglich eine Trennung zu haben. Auf der einen Seite: der alltägliche Schnappschuss, der nicht viel mehr war als Hinweis auf die eigene Existenz und nicht viel wirkungsvoller als ein winkender Gruß an die Welt aus einem Vorort einer Kleinstadt. Und auch nicht mehr sein kann als phatische Kommunikation. Diese Fotografie ließ sich jetzt aus dem Newsfeed verbannen, tat auch nicht weh, wenn sie mal nicht gesehen wurde, und löschte sich selbst, ob sie gut war oder nicht, denn meistens ist sie es nicht. Und sie war angenehm frei von Likes, Kommentaren und der Erwartungshaltung auf Interaktion.

Das gab Platz im eigenen Newsfeed für Arbeiten und Werke. Dinge also mit Handwerk, Aussage, Erkenntnis, Weisung, Haltung und all die Dinge, die Fotografie so interessant machten. Konsequenterweise sortierte ich meine Accounts, denen ich folgen wollte, genau nach diesem Anspruch an die Fotografie. Wer in der Lage war, ein Bild mit mehr als nur bunten Pixeln aufzuladen, bereicherte nun meinen Alltag am Smartphone. Inhalte ohne Erkenntnisgewinn, ohne einem Innehalten wie in einer Galerie, wurden abgemeldet, auch wenn es mir um den Kontakt zu der Person vielleicht manchmal etwas leid tat. Aber es gab ja noch andere Netzwerke, bei denen das Foto nicht so der zentrale Bestandteil war.

Natürlich drehte die Marketingmaschinerie in dieser Zeit komplett durch ob der Möglichkeiten auf Reichweite und dergleichen. Auch in den Stories wurde irgendwann Werbung in Form von bezahlten Beiträgen injiziert. Mit einem gut sortierten Netzwerk taten diese Inhalte mir als Rezipienten jedoch nicht weiter weh. Ich nahm sie eher wie die Werbung in einem guten Magazin oder als Sponsoren einer Ausstellung wahr.

Nun, eine hervorragend kuratierte Fotoausstellung konnte auch Instagram nach wie vor nicht ersetzen, aber es war möglich, sich handwerklich begabte Fotografen und Künstler in den Alltag zu holen und ein bisschen an ihrer Welt teilzuhaben.

Dies also als Erklärung, warum mir die Leute auf Instagram wieder mehr ans Herz und ins Bewusstsein gewachsen waren, als auf anderen Netzwerken. Und als Hinweis auf eine mögliche Art und Weise der Nutzung des Netzwerkes: Mut zum entfolgen! Mut zur Kunst! Mut, mit Erwartungen zu spielen und sie zu brechen!

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