Nürnberg Impressionen von Astrid Epp

Astrid ist mir zufällig über den Weg gelaufen. Auf flickr stuppste sie eins meiner Fotos an und ich stöberte daraufhin in einer ruhigen Minute durch ihre Bilderwelten – und war sofort begeistert. Da war noch jemand mit diesem besonderen Blick auf Nürnberg, und zwar auf das echte, alltägliche, weitgehend industriell geprägte und schmucklose Nürnberg ohne die verklärte touristische Altstadtromantik. Es ist ein Blick auf die Stadt, der mir insbesondere ästhetisch sehr gefällt. So schielt ihre Kamera vorbei an allen Klischees – und erstellt vielleicht direkt wieder neue und eigene. Und natürlich passt dieser Blick wunderbar in dieses Blog.

Ich stellte Astrid einige Fragen und lud sie ein einige ihrer Fotos zu präsentieren.

Bitte stell dich kurz vor.
Astrid Epp, 40 Jahre, Soziologin. Ursprünglich komme ich aus dem Ruhrgebiet, bin aber gleich nach dem Abitur zum Studium nach Berlin gegangen, mal zwischendurch in Bielefeld gewesen, jetzt aber schon wieder seit etlichen Jahren in Berlin.

Warum fotografierst du? Seit wann und welche Motive?
Angefangen zu fotografieren habe ich so um 2006, 2007 herum. Auf Ausflügen und Radtouren im Berliner Umland fielen mir Schilder, Plakate, Vorgärten auf, die irgendwie noch aus einer anderen Zeit zu stammen schienen (was sie vermutlich auch taten) und die häufig unfreiwillig komisch oder manchmal einfach auch nur traurig und trist wirkten. Damit ging es los. Zudem habe ich mich schon immer auch für Stadtplanung und Architektur interessiert, allerdings nicht für irgendwelche spektakulären oder bekannten Orte, sondern eher für die Gestaltung ganz gewöhnlicher Ortschaften, und vor allem dafür, was die Bewohner aus diesen Ortschaften machen. Menschen wird man auf meinen Fotos selten finden. Wenn man die Menschen weglässt, sehen Städte, Orte, irgendwelche Siedlungen häufig so aus, als seien sie gerade nicht in Betrieb; sie bekommen etwas Kulissenhaftes.
Sie verlieren dadurch auch ihre eigentliche Funktion und das macht häufig dann erst ihre Absurdität oder Hässlichkeit deutlich.

Wann fotografierst du? Hast du genaue Vorstellungen oder passiert es einfach?
Meistens habe ich keine genaue Vorstellung davon, was ich fotografieren werde. Ich bin viel unterwegs, und meistens brauche ich etwas Zeit, um mit einer Stadt oder einer Gegend fotografisch warm zu werden. Ich muss mir die Stadt schon in Ruhe angucken, weshalb ich meistens ziemlich viel rumlaufe und mich ‚warm‘ knipse. Irgendwann passiert es dann einfach, dann sehe ich die Dinge, die ich gesucht habe, ohne dass ich vorher gewusst hätte, was das eigentlich ist.

Einige deiner Fotos zeigen ein Bild von Nürnberg, das mir sehr gefällt, weil es nicht dem typischen Postkartenklischee entspricht. Wie bist du auf diese Ansichten gekommen?
Ich habe Nürnberg noch nie als eine pittoreske Stadt gesehen, die einem Postkartenklischee entspricht, wenn man mal vom Hauptmarkt, der Burg, dem schönen Brunnen absieht. Jenseits dieser touristischen ‚Hot Spots‘ sieht man der Stadt durchaus an, dass sie auch eine industrielle Vergangenheit hat. Und vielleicht sehe ich das, weil ich aus dem Ruhrgebiet komme und gerade diese charmante Schäbigkeit mag, mit der ich groß geworden bin und die ich echter und authentischer finde, als herausgeputzte Sehenswürdigkeiten. Wobei einige meiner Fotos in Nürnberg ja auch in der Innenstadt entstanden sind, oft in unmittelbarer Nähe zu den ‚eigentlichen‘ Sehenswürdigkeiten.

Gibt es Fotografen die dich inspirieren oder beeinflusst haben?
Bevor ich angefangen habe zu fotografieren, habe ich mich tatsächlich kaum für Fotografie oder bestimmte Fotografen interessiert. Das war vielleicht auch ganz gut, weil ich so nicht beeinflusst worden bin oder gar versucht hätte, irgendjemandem nachzueifern. Bis heute hat sich das nicht groß geändert – neulich habe ich allerdings eine Ausstellung von Thomas Ruff gesehen, die mir sehr gut gefallen hat. Und klar – auch die Bechers gefallen mir. Insofern gefällt mir wohl die Düsseldorfer Fotoschule. Aber das ist eher ein Zufall und wie gesagt, ich habe es erst gemerkt, als ich schon längst fotografiert habe.

Eine Auswahl von Astrids Eindrücken aus Nürnberg

Langwasser von hinten
Dieses Foto ist bei einem Spaziergang durch Nürnberg Langwasser entstanden. Langwasser wollte ich schon immer mal sehen, zum einen weil mich die Idee der Trabantenstädte interessiert und zum anderen, weil in der kurzen Zeit, in der Beckstein Ministerpräsident war, plötzlich überall von Langwasser die Rede war. Ich war auf jeden Fall begeistert.

 

Baulücke in der Nürnberger Innenstadt
Auch dieses Foto ist mitten in der Innenstadt entstanden. Man fragt sich, wie es dazu kommen konnte – zum einen scheint es diees Baulücke(?) schon länger zu geben, zum anderen fragt man sich aber auch, wie diese Balkone in die Lücke ‚reingezimmert‘ wurden. Die Balustrade über den Glasbausteinen perfektioniert den Anblick.

 

Braun/Beige/Rosa
Ein absoluter Zufallstreffer. Ich weiß auch nicht, ob die Besitzerin den Roller absichtlich in genau diese Ecke gestellt hat. Während ich das Foto machte, kam sie aus dem gegenüberliegenden Laden, ich habe aber versäumt sie zu fragen, ob sie den Parkplatz wegen der Farbgebung ausgesucht hat. Frauen ist so etwas ja zuzutrauen.

 

Christo in Nürnberg
Die Eisenbahnsiedlung fand ich besonders beeindruckend, weil sie eine Stadt in der Stadt ist. Auch dort waren kaum Menschen auf der Straße. Dafür aber dieses wunderbare Ensemble: eine Motorradschutzhülle in Camouflage, noch dazu in lila.

 

Der rote BMW
Der BMW sah aus, als würde er schon seit 30 Jahren dort stehen, es muss sich um ein älteres Modell handeln. Mir gefiel auch, dass die ganze Ecke schon etwas runtergekommen ist, und auch der Rasen schon länger nicht mehr gemäht wurde.

 

Vorgarten in Langwasser
Die Form dieser Bäumchen hat mich beeindruckt. Als ich das Foto machte, kam der Besitzer/Gärtner um’s Haus, um zu sehen, was ich da treibe. Um meine leichte Verlegenheit zu überspielen habe ich schnell ein Gespräch über die Vorgartenpflege angefangen und erfahren, dass diese Bäumchen hier nicht öfter als ein Mal im Jahr in Form geschnitten werden müssen. Der Gärtner war sichtlich stolz darauf, dass sich mal jemand für seine Bäumchen interessiert.

 

Untitled
Auch dieses Bild ist in Langwasser entstanden, obwohl es tatsächlich in einer x-beliebigen Stadt entstanden sein könnte. Ich habe solche Häuser schon in allen möglichen Städten gesehen und es gibt hier keinen einzigen Hinweis darauf, wo das sein könnte. Diese Siedlungen sehen in allen Städten gleich aus.

Mehr Fotos von Astrid, aus Nürnberg und von anderswo, gibts auf ihrem flickr-Account.

Danke fürs Interview! :)

3 Kommentare

  • Sehr schöne Bilder.
    Mich überzeugt auch die Erklärung, warum keine Personen auf den Bildern zu sehen sind, das ist bei Dirks Bildern ja auch meistens so. Man sieht eine zeitlose Welt, in der es keinen Unterschied zwischen dem flüchtigen Zusammentreffen von Gegenständen und der langwierigen Veränderung des architektonischen Raums gibt. In dieser erstarrten Welt spielt es keine Rolle, ob sich eine Hausecke über Jahrzehnte nur unmerklich ändert oder ein Motorroller nur für einen kurzen Moment dort abgestellt ist. Das Willkürliche und das Geplante, das Flüchtige und das „Ewige“ verschwimmen ineinander. (Und oft gibt es da ja auch keinen großen Unterschied, das Willkürliche wird als selbstverständlich akzeptiert, sobald es nur lange genug vorhanden ist).

    Die Texte zu den Bildern sind ein reizvoller Kontrast – weit mehr als nur eine Beschreibung von dem, was man sowieso sieht. Durch die Texte wird die Zeitlosigkeit wieder relativiert, das starre „So und nicht anders“ wird ironisch wieder in Frage gestellt.
    (Das gilt übrigens auch für die Fototouren mit Terence Jones: ich empfinde eure Texte als eine ganz wesentliche Ergänzung, bei einer Fotoausstellung würde ich sie vermissen).

    • So langsam kristallisiert sich raus, wohin dieses Blog gehen könnte. Reine Bildergalerien scheinen als Transportmedium für ein Flair nicht sonderlich geeignet zu sein (hats früher öfter hier gegeben). Es wird ja doch wieder individuell interpretiert. Vielleicht kommt ja irgendwann noch Musik dazu. Jedenfalls ist es bei mit so, dass ich, wenn ich alleine zum Fotografieren losziehe, immer Musik im Ohr habe und somit auch ein Soundtrack existiert.

      Und wie macht man das jetzt in Galerien und Ausstellungen? Lange Texte an der Wand zu einem Bild liest sich ja keiner durch.

      ps: ich glaube du bist an diesem Beitrag bzw. meinem Kontakt zu Astrid nicht komplett unschuldig. Danke!

      • Ausdrucke von digitalen Bildern an der Wand („Fotoausstellung“) sind überbewertet.
        Irgendwie auch nur ein Rückgriff auf Dürer ;-)

        Eine Website ist auch ein Original, und wenn man Leute hinzubitten möchte, dann vielleicht in Form eines Vortrags (auf modische Formen wie Pecha Kucha hast Du selbst schon hingewiesen, und man kann sich ja auch selbst ein Format ausdenken). Und wer sagt, dass man überhaupt eine Wand braucht? Eine Ausstellung in Nürnberg, an die ich mich gerne erinnere, zeigte die Fotos einer Durchquerung der USA von Osten nach Westen, in vorher genau festgelegten Zeitintervallen aus dem Zugfenster fotografiert. Die Ausstellung fand im Nürnberger Marienbergpark statt, man wanderte eine lange Strecke zu Fuß ab und betrachtete so die zahlreichen, mit Holzlatten aufgestellten Bilder (das ist schon eine ganze Weile her und war natürlich aufwendig).
        Aber was liegt bei Bildern über den öffentlichen Raum näher, als diesen öffentlichen Raum in eine Ausstellung/Führung/Wasauchimmer miteinzubeziehen?

        Das mit der Musik hab ich mir schon so in etwa gedacht. Vor allem bei der ersten Tour durch Erlenstegen merkt man, dass Du versucht hast, die Räume in Rhythmen und Texturen zu zerlegen. Die späteren Touren sind dann aber anders, sachlicher und dokumentarischer, wie bei Astrids Bildern.

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