Kartoffelparade

Dem Vernehmen nach waren ja mehr Leute auf der allerersten Loveparade als diese überhaupt Teilnehmer hatte. Ist ein Event erstmal etabliert ist es natürlich sehr chic sich damit zu schmücken und als Kenner dazustehen. Allerdings hat die Loveparade spätestens an dem Zeitpunkt an Charme verloren, als zum ersten Mal ein Wagen der Jungen Union mit von der Partie war (das war 1999). Das sind dann so Anzeichen wo auch der letzte Depp merken sollte, dass es mit dem Spirit vorbei ist. Also muss man sich nach Alternativen umsehen. Festivals gibt es 1000de, eins größer, besser, geiler als das andere. Ne, da muss schon was Spezielles her wenn man sich über Events definieren will. Festival kann ja jeder, vor allem kann Beilagenfestivalguide jeder.

Wer den Elektroacker nicht kennt und jetzt so richtig früh dabei gewesen sein will, hats auch schon wieder verpasst. Er findet dieses Jahr nämlich zum dritten Mal statt. Irgendwo auf einem Hochplateau mitten in der Fränkischen stehen auch dieses Jahr fette Boxen auf Strohballen auf einem Acker und erzeugen eine ungewöhnliche Klangkulisse.
Samstag, 23.08.2008 ab 18:00, Elektroacker III, bei schlechtem Wetter vorraussichtlich eine Woche später.

Also hingehen, bevor die Junge Union kommt. Wer allerdings eine Technotanzveranstaltung erwartet, wird enttäuscht werden.

4 Kommentare

  • die kleine Ergänzung „spätestens“ war notwendig, denn der Charme ist meiner Meinung nach mit dem Auftauchen des Rosa T eingetreten. Da die LP eigentlich eine politische Kundgebung war und sich auch als solche regelmäßig unter den Augen von Millionen Besuchern (die auch die Junge Union gesehen haben) angemeldet hat, finde ich die Dissonanz zwischen verschiedenen politischen Ansichten und Beteiligungsfeldern geringer (nicht un-)dramatisch, als den den geplatzten Spagat zwischen Kulturanspruch und kommerziellem Verkauf!

    Dennoch sind 1,6 Millionen Besucher nicht wegzudenken und ich halte es für wichtig zu beobachten inwiefern McFit diese Sache unterstützt oder ausnutzt. Die Besucher in Dortmund sind ja nicht irgendein Publikum, sondern größtenteils die Besucher der Veranstaltung, die Berlin aus Gründen von Überbürokratie bereits VORHER den Rücken zugekehrt hat, nämlich der Mayday!

    Der Untergrund hat zu keinem Zeitpunkt ohne eine entsprechende Spannung zur Popkultur existieren können, daher muss auch beim Lamentieren über solche Veranstaltungen meiner Meinung nach umgedacht werden, da sie in unserem Interesse nicht nur das Zentrum einer Gesellschaft mitdefiniert, sondern auch dessen Rand, wie du mit Deinem Artikel auf genau gleiche Weise beweist.

  • Das bringt mich dann eigentlich zu der Frage: wo ist denn die Loveparade jetzt? Sie ist medial nicht mehr so präsent* wie noch zu den Ausverkaufzeiten in Berlin, jedenfalls nicht in Deutschland. Haben wir hier ein Millionenevent mit dem Charme einer Hinterhofparty? Hat sich das nivelliert? Wäre ja zu wünschen. Leider habe ich die Parade etwas aus den Augen verloren. Dein kleiner Blogeintrag war in etwa die einzige Quelle zum aktuellen Stand.

    * Die Loveparade stellt einen neuen Rekord bei Fernsehübertragungen auf: 53 Länder übertragen den Techno-Umzug morgen aus Dortmund, darunter Länder wie Afghanistan, die Fidschi Inseln oder Kasachstan. (quelle)

  • Das ist wie mit Low Spirit. Urplötzlich vereinigt sich der Mob gegen ein vorher zentrales Element ihres eigenen Aufbaus, obwohl dieser eigentlich ‚konsequent‘ dem Kommerz gefolgt ist, der sich aus den Bedürfnissen generiert hat und den sie selbst unterstützt haben. Wen interessiert schon wie die Müllabfuhr finanziert wird… und wen interessiert, warum aus dem Maximilian Lenz der mal gesagt hat, dass er keine Zeitungsinterviews gibt der „New World Order“ Westbam geworden ist.
    Selbstverständlich ist es verachtenswert seine Werte zu verkaufen, besonders, wenn es dann dem reinen Kommerz geopfert wird: Der Plattendeal mit der UFA, dann später BMG brachte beispielsweise mit sich, dass die Loveparade Compilation 1997 (oder 98?, jedenfalls die grüne!) die erste CD mit Kopierschutz war. Kann man das vorher wissen ?
    Unter Umständen ist der BMG/UFA deal schädlicher gewesen als der Verkauf der LP an McFit.. aber keiner weiss es so genau. Generell scheint niemand daran interessiert, dass dafür Medienzeit zur Verfügung gestellt wird – allerdings ist das dann letzten endes doch auch genau das was die Leute wollten, oder ? Fotoverbot im Berghain erzeugt die gleiche Ambivalenz.

    Wenn jedenfalls Leute so lange gefeiert und als Stars bejubelt werden bis es egal wird was sie sagen… dann darf man sich glaube ich nicht über solche (T-Werbung, CSU, New World Order) Ergebnisse wundern.

    Unterm Strich bleibt es ein Fakt… auf der Loveparade 2008 waren mehr Menschen als auf jeder anderen Loveparade…. und ich möchte fast garantieren, dass nächstes Jahr ein unheimliches Medienspektakel dabei sein wird – es hatte nur in diesem Jahr niemand damit gerechnet… Erst recht nicht bei dem Wolkenbruchwetter dort.

    In Detroit stellt man sich in diesen Jahren auch die Frage der Existenzberechtigungen und wundert sich, dass sie den Hype in Deutschland verpasst haben. Wie aber sind sie an die Information gekommen, dass hier überhaupt einer war ? Mund-zu-Mund Propaganda ?
    Welcher Investor kauft denn heute irgendeine Marke ohne ein Interesse dem seinen eigenen Stempel zu geben ? Und wer legt sich vor Vertrag offensichtlich fest ?

    Was also ist jetzt richtig, wenn man sich in einem kapitalgesteuerten Markt bewegt ? Das wir alles verschenken ? Das wir nach Spenden fragen ?

    Sobald es also medial nach oben geht, stehen Investoren mit dabei. Die Leute die in Dortmund gefeiert haben sind jedenfalls von der genau gleichen Generation wie die, die es schon hier immer gefeiert haben… und es ist wohl deutlich an der Zeit unsere Werte nicht mehr zu verheimlichen sondern an die nächsten Generationen weiterzugeben… und zwar nicht nur in passiven Blogs, die mit einem Trackbackping die erreichen, die sowieso im gleichen Metier arbeiten ;)

    PS: in 32 Minuten: Start der Hanfparade am Alex
    und in 7 Tagen Fuckparade.

    ,Max

  • Es gibt scheinbar nicht mehr genügend Wochenendtermine für all die Paraden in Berlin. Aber wenn dann noch das Verwaltungsgericht Berlin in zwei Eilverfahren über die versammlungsrechtliche Qualifikation von Techno-Umzügen entscheidet, dass die Fuckparade eine Versammlung ist, die Love Parade dagegen ein Volksfest, dann wird spätestens klar, wie fortgeschritten die Institutionalisierung doch schon ist.

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