Hat sich denn nichts verändert?

Es gibt Erlebnisse, die mich dran zweifeln lassen, dass sich Nürnberg in irgendeiner Weise entwickelt. Dazu eine kleine Geschichte. Als ich damals alleine und nichtsahnend nach Nürnberg gezogen war, schlug mir ein unterkühlter sozialer Wind entgegen. Ich empfand es als unfassbar schwierig in diesem Landkreis Menschen kennenzulernen. Mit den oftmals familiär gebundenen Arbeitskollegen nach Feierabend was zu unternehmen, war so gut wie ausgeschlossen. Auch wurde zwischen Beruf und Privatleben sauber getrennt. Ich musste auf eigene Faust mir meine Leute suchen. Und das war nicht einfach, um es mal positiv zu formulieren. Eine erste Bekanntschaft in einem Club erkläre mir direkt: „Wenn du es schaffst in Nürnberg Menschen kennen zu lernen, dann schaffst du es überall.“ – Es war wirklich schwierig für mich. In Nürnberg alleine wegzugehen fühlte sich komisch an und sah auch komisch aus. Ich wurde beäugt als wäre ich ein kinderfressender Serienmörder oder als hätte ich irgendwas Ansteckendes. In Nürnberg gingen Leute nur im Schutz einer Gruppe weg. Eine Infrastruktur für eine ausgeprägte, individuelle und unabhängige Unternehmungslust gab es nicht. Jedenfalls dachte ich das, bis ich die Weinerei in Nürnberg kennen lernte. Dort war es üblich, dass ich angesprochen wurde und niemand erschrak oder war irritiert, wenn ich ihn oder sie angesprochen habe. Die Weinerei war und ist ein Ort der Offenheit, ein Ort für ungezwungene Bekanntschaften und für langjährige Freundschaften. Damals ein sehr außergewöhnlicher Ort. Und heute auch noch.

Aber zurück in die Gegenwart. Ich saß jüngst in einem stilvolleren Café und kam nicht umhin, die charmanten Mädels am Nachbartisch zu belauschen. Sie hatten ein Thema, in dem ich mich gut auskannte: sie lästerten über Nürnberg und die Franken. Sie waren jung, offenherzig und die eine war eben gerade, die andere vor wenigen Jahren nach Nürnberg gezogen. Beide aus Berlin und beide klagten wohl artikuliert, aber nichtsdestotrotz, über den unterkühlten sozialen Wind, der ihnen hier entgegenschlug. Sie trauten sich schon gar nicht mehr, ohne weiteres Menschen in der Stadt anzusprechen. Die Erfahrungen, die sie gesammelt hatten, zeigten, dass das keine gute Idee war. Die eine hatte in ihrer Not eine Gruppe auf Facebook gegründet, um zugezogenen Frauen Kontaktmöglichkeiten unter ihresgleichen zu geben. Ich erzählte ihnen meine Geschichte, und das es vor zehn Jahren hier noch ganz anders und viel karger war. Mittlerweile gibt es ja z.B. eine ansehnliche Dichte an interessanten und angenehmen Cafés und Bars, und damit gute öffentliche Treffpunkte, insbesondere im letzten Jahr hat sich einiges getan. Und es gibt nach wie vor die Weinerei als Fels in der Brandung. Die Weinerei kannten sie und sie waren voll des Lobes und trugen dort auch regelmäßig Gruppentreffen aus. „Was es denn für Alternativen gäbe?“, erkundigten sie sich. Ich kam ins Grübeln. Und ich kam ins Grübeln, weil ich dachte, Nürnberg hätte sich mittlerweile geöffnet. Viele Menschen sind in den letzten zehn Jahren in die Stadt gezogen und waren aktiv, haben die Stadt verändert. Aber dass frisch zugezogene in dem Alter, in dem ich damals war, dieselben Erfahrungen machen, die ich damals gemacht habe, überrascht mich nun doch.

Hat sich Nürnberg denn nicht verändert? Ist die Stadt denn nicht offener geworden? Müssen alle Zugezogene durch diese harte Schule gehen? Eine einladende Offenheit gehört zu einer Stadt, die in einer Zuzugsregion liegt. Gerade Neulinge brauchen einen einfachen Austausch und funktionierende Anschlusspunkte. Wir reden hier im Grunde über Integrationswillen und -Politik, wenn man das Thema mal auswalzen möchte.

12 Kommentare

  • Hi Dirk!

    Ändert sich hier nichts, fragst du. Hmm… Ich bin seit März zurück aus Asien, wo ich zuvor mehrere Monate lang gelebt habe. Ich finde deinen Artikel sehr passend und schön geschrieben, denn hier in Oberfranken ist es auch nicht anders. Eigentlich sogar schlimmer, denn Nürnberg hat immerhin noch Bars und Cafés die man besuchen kann. So etwas gibt es hier im Norden Frankens schlicht nicht.

    Die Einheimischen kommen mir hier vor wie Energievampire, nein es sind Energievampire! Ich bemerke einfach, dass ich ich immer mehr auf Distanz zu den Menschen hier gehe, weil ich Angst habe, bei zu viel Kontakt in eine Depression zu verfallen.

    Wenn ich nette Leute treffen will, steige ich in die Bahn und besuche Freunde und Bekannte im ganzen Bundesgebiet. Hauptsache hier weg! Ich muss zusehen, im Studium bessere Noten zu bekommen, denn das könnte die letzte Chance sein, hier weg zu kommen.

    Dank diesem Beitrag weiß ich nun, dass meine Vermutung richtig ist, dass es hier selbst in einer fränkischen Großstadt nicht anders ist, als hier in der Gegend um Hof. Vielen Dank!

    • Ich würde ja mittlerweile auch sagen, dass wegrennen nicht unbedingt eine Lösung ist. Ich arbeite seit über 10 Jahren in der Weinerei mit, auch weil es wichtig ist, solche Orte hier zu haben. Weglaufen hat noch nie was genützt, engagieren indes schon. Bring doch mal den Spirit aus Asien hier nach Franken :)

      • Weglaufen hat noch nie was genützt, engagieren indes schon. Bring doch mal den Spirit aus Asien hier nach Franken :)

        Engl. Spirit heißt auf Deutsch Seele. Die Seele von Asien ist und bleibt in Asien und sie lässt sich nicht nach Franken bringen.

        Ich hab hier in Franken schon einiges getan. 2008 habe ich z.B. die Demokratie nach Münchberg gebracht, worauf die Stadtverwaltung noch heute sauer auf mich ist. Ich hab an Demonstrationen teilgenommen und diese organisiert damit die Studiensituation vor Ort verbessert wird. Nein, ich brauch mir ganz sicher nicht sagen lassen, dass ich mehr Engagement bringen solle.

        Mit Flucht hat meine Reaktion nichts zu tun. Die Neonazis hier in der Gegend werden stärker und stärker, die Oberfranken jammern mir die Ohren zu und ich finde, dass ich ziemlich stark in Vorleistung gegangen bin und die Oberfranken ihr Schicksal mal selbst in die Hand nehmen sollten. Mehr als CSU wählen kam bisher nicht. Es ist einfach Verantwortung auf andere zu übertragen. Jetzt noch weitere Energie aufwenden würde bedeuten, dass ich mich aussaugen lassen würde und da mache ich nicht mit. Nein, ich glaube es ist an der Zeit den Wohnsitz zu ändern in eine Gegend in der ich mich mehr zu Hause fühle.

  • Ich kann dem nicht ganz zustimmen :)

    Vor 3 Jahren kam ich – nach dem absoluten Schwaben-Koller – auch nach Nürnberg und muss sagen, dass die Menschen hier wesentlich offener, freundlicher und geselliger sind, als jene dort unten im Südwesten der Republik. Ich habe hier in den ersten 6 Monaten mindestens doppelt so viele Menschen kennengelernt und Freunde gefunden, als in 3 Jahren Schwaben.

    Ein Mittel der Wahl ist es, Gleichgesinnte zu treffen – beispielsweise aus meinem Musikgeschmack und den entsprechenden Konzertbesuchen sind zahlreiche wertvolle Kontakte entstanden. Mit dem Hobby Fotografie habe ich unglaublich viele tolle Menschen und sehenswerte Orte in der Region kennengelernt. Und es gibt unzählige weitere Möglichkeiten…

    Kurz gesagt – es hilft immer, in „Nischen“ hinein zu schnuppern (die Weinerei ist hier sicher auch eine davon) und Leute zu treffen, die auf der gleichen Wellenlänge liegen. Der Rest geht dann ganz von alleine – auch ohne Facebook oder hippe Kneipen in der Innenstadt ;)

    • Für mich haben sich damals in Nürnberg ja selbst die Nischen versteckt. Subkultur fand hier nur in homöopathischen Dosen statt. In Hannover war sie zu der Zeit im Stadtbild präsenter und dann war ja noch mein Faible zu Berlin. Mit eben jenem Verständnis von Stadtkultur traf ich auf Nürnberg und war baff, dass Menschen sich auch so ganz ohne Lebendigkeit in einer Stadt aufhalten konnten. Es gab nicht den netten Schnack beim Bäcker morgens, es wurde einem kein Spruch in die die Seite gebufft, wenn man mal komisch guckte, und Abends hatte ich dann manchmal auch keine Lust mehr mich in diese kühle und befremdliche Welt aufzumachen. Die gleiche Wellenlänge wurde in Franken nicht mal ansatzweise gesendet…

      Mit Alkohol gehts aber. Irgendwann werden auch die Franken locker. Vielleicht hats auch deswegen in der Weinerei so gut geklappt. Angenehmer und gediegener Alkohol steht dort nach wie vor zur Verfügung :)

  • Kann Marco nur zustimmen. Der Schlüssel ist sich zu engagieren, und sich mit Gleichgesinnten zu Treffen. Sei es ein Sportclub, ein Chor, oder einer der unzählihen sonstigen Vereine. Zugegeben, die Franken sind anscheinend erst dann offen, wenn sie hinter sich die Tür geschlossen haben. Wenn du es schafft mit hinein zu schlüpfen steht dir alles offen.
    Aber eine ausgeprägte Kultur des Chillen in der Öffentlichkeit, der Kontakteknüpfen „einfach mal so“ gibt es nicht. Nach nun 10 Jahren Nürnberg bemerke ich das aber auch nicht mehr.

    • Ich habe aber gedacht, dass „Chillen in der Öffentlichkeit“ mittlerweile auch nach Nürnberg geschwappt ist. Mittlerweile hats wie oben schon angedeutet eine gute Dichte an netten Cafés und Bars etabliert. War vor zwei Jahren auch noch anders. Habe mich da auch dran gewöhnt, vermisse es dennoch regelmäßig.

  • Ich bin vor 5 Jahren hergezogen und habe die „Eingeborenen“ leider genau so kennen gelernt. Jedoch gab es auch schon vor 5 Jahren viele „Zugezogene“, die sich erst online und dann offline treffen :)

  • Hm, ich kam vor 15 Jahren nach Franken und hab mich vom Kulturschock immer noch nicht erholt. Die meisten Franken sind an neuen Kontakten schlicht nicht interessiert. Warum auch? Sie sind ja auch nie aus ihrer Heimat weggezogen und mussten sich neu einleben. So hat man Familie, Sandkasten- und Schulfreunde, Nachbarn, Arbeits- und Vereinskollegen immer um sich gehabt. Dazu die eher verschlossene Mentalität und der ausgeprägte Hang zur Tradition, und der neu Zugezogene hat’s echt schwer. Ausnahmen gibt es natürlich auch, aber aufgeschlossen ist anders.

  • Mal aus einer ganz weiblichen Perspektive:
    Ich bin zwei Mal nach Nürnberg gezogen. Beim ersten Mal beruflich bedingt, beim zweiten Mal als Mutter in Elternzeit und Anhängsel eines beruflich bedingten Umzugs. Beim ersten Mal habe ich niemanden außer den Kollegen kennengelernt und von denen auch niemanden nach der Arbeit getroffen. Wäre ich solo gewesen, hätte es wohl anders ausgesehen.

    Als Mutter hat man ja ein Interesse das man mit anderen teilt und Angebote, um Gleichgesinnte zu treffen (Krabbelgruppen etc.). Ein halbes Jahr habe sich die einheimischen Damen vor meiner Nase zum Kaffee trinken verabredet, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Dann haben sie mich aber zu einem sehr unterhaltsamen Discoabend eingeladen. Aussitzen ist der Schlüssel! Leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon aus Trotz einen Gruppenwechsel beantragt.
    Mein Fleckchen windelfreie Subkultur fand ich im Frauenbuchladen um die Ecke. Aus Mangel an Alternativen habe ich nun einen differenzierten Blick auf die feministische Szene Nürnbergs.

    Mein Mann traf sich gelegentlich mit Kollegen. Alle waren zugezogen.

    Inzwischen wohnen wir in einer subkulturfreien Kleinstadt und müssen für offline-Treffen mit Gleichgesinnten lange Wege auf uns nehmen. Es geht immer schlimmer.

  • Nur mal so nebenbei: In einem aktuellen Text zum Thema Umbau des AEG Geländes bzw. dem Quelle-Areal geht es darum, dass Söder und Maly mehr Uni in Nürnberg wollen. Dort stehen dann Sachen wie: „Von allen Großstädten Bayerns hat Nürnberg den mit Abstand höchsten Altersdurchschnitt. Mit 19.500 Studenten hat Nürnberg im Vergleich zu anderen Großstädten viel zu wenig wissenschaftlichen Nachwuchs“. Sprich, in Nürnberg ist bislang nur eine Minderheit körperlich und geistig überhaupt in der Lage, proaktiv Kontakt mit Mitmenschen aufzunehmen, um es mal etwas zu verpolemisieren. Die langen Jahre als dumpfe Arbeiterstadt haben in der lokalen Gesellschaft massiv Spuren hinterlassen.

  • Hallo,

    als Erstes: Danke für Deinen Blog …stillt die Sehnsucht nach Nürnberg ..und macht sie schlimmer ;-).

    Mich verschlug es 2000 nach N und die ersten Jahre liess ich fast keine Gelegenheit verstreichen gegenüber den Eingeborenen kleine Lästereien a la Pseudogroßstadt oder Großstadtdorf zu plazieren (nie wirklich bösartig *g)

    Letztes Jahr musste ich gezwungenermaßen umziehen …mir fehlt Nürnberg sehr. Alles Schöne, alles hässliche, alles widersprüchliche, das provinzielle, das manchmal verschnarchte …und sogar „allmächd“ ;-)

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