Einen Monat Steinzeit – Paleo-Ernährung im Selbstversuch

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Es ist wirklich nicht so, dass ich jede Diät mitmache. Im Gegenteil. Ernährung war für mich meist auf die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen beschränkt. Natürlich war es mal gut, lecker essen zu gehen, aber im Alltag dominierte der schnelle Döner, der Asiamann mit seinem Wokgemüse oder bei Heißhunger am Abend noch schnell die Burgerbratkette am Straßenrand. Klar, beim Einkaufen wurde schon auf Bio geachtet aber eigentlich lief das mit der Ernährung immer so ein bisschen nebenher. Kochen mit Freunden war ok, aber Rezepte sind mir meist immer dann am besten gelungen, wenn ich sie vor der Zubereitung durch Pizza ersetzt habe. Alles ging also einer durch die (Konsum)-Gesellschaft gegebenen Ordnung nach. Bis der Tag kam, an dem ich von Paleo erfuhr.

Irgendwie muss mein Körper schon vor mir geahnt haben, dass das mit der Ernährung nicht so weiter gehen konnte. Aus einer Mahlzeit ging ich nicht etwa gestärkt hervor, vielmehr verfiel nach dem Mittag gerne mal in das berüchtigte „Suppenkoma“. Morgens brauchte ich manchmal auch recht lange um auf Betriebstemperatur zu kommen. Starker Kaffee brachte irgendwann auch nichts mehr. Das Prinzip hinter Paleo fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Diese Ernährungsform sagt im Prinzip, dass Innovation schneller ist als Evolution. Sprich, der menschliche Körper ist eigentlich nicht für Lebensmittel gemacht, die erst seit einigen tausend Jahren existieren und schon gar nicht für die ganzen industriell verarbeiteten Lebensmittel und die ganzen künstlichen Zusatzstoffe, die es erst seit vielleicht 100 Jahren gibt. Unser Körper hängt noch in der Steinzeit fest, was Nahrungsmittel angeht. Natürlich vertragen wir die ganze neuzeitliche Völlerei, weil wir auch sonst ziemlich robuste Kreaturen sind, aber wieso sollen wir uns das eigentlich alles zumuten? Oder andersrum: bis wir Fertigpizza oder Gummibärchen nahrungsmitteltechnisch so verwerten können wie einen Apfel, dauert es bestimmt noch 400 Generationen.

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Wenn ich etwas um mich schaue, dann sehe ich Leute mit Bluthochdruck, Diabetes, Krebs und anderen Zivilisationskrankheiten. Ich bin mit meinen Mitte dreißig in einem Alter, in dem solche Einschläge im Bekanntenkreis stattfinden und näherkommen. Dabei handelt es sich um Erkrankungen, die vermehrt dort auftauchen, wo eine Industrialisierung stattgefunden hat. Beinahe alle westlichen Gesellschaften sind relativ stark von diesen Leiden betroffen. Und laut diversen Paleopublikationen gilt es als erwiesen, dass diese Krankheiten ihre Ursache im einhergehenden Lebenswandel, und vornehmlich bei der Ernährung haben. Alles Argumente die mir einleuchten und genug, um mich auf ein Experiment einzulassen. 30 Tage lang Paleoernährung. Solange soll es nämlich dauern, bis man Resultate am eignen Leib spürt. Also warum nicht mal testen?

Es gibt genug Literatur zu Paleo und auch das Internet ist voll mit Infos und Rezepten. Dankenswerterweise wird Paleo (noch) nicht gehyped und wird auch nicht wenig von militanten Dogmaten als allumfassende Weisheit gepredigt. Die Szene setzt sich rational und sehr bewusst mit Ernährung auseinander. Es fiel mir nicht schwer genug Informationen zu sammeln um mich auf meinen persönlichen Weg der Nahrungsumstellung zu begeben. Es kam der Tag, an dem ich den Kühlschrank räumte und paleokonform neu bestückte. Kein Brot, keine Nudeln und kein Bier mehr. Dafür viel frisches Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch, am besten direkt vom Erzeuger. Nüsse statt Chips, Honig in den Kaffee statt Milch und komplett keinen Zucker mehr. Eigentlich sollte man auch auf Alkohol verzichten, aber nun ja, so ganz ohne Wein geht es nun wirklich nicht.

Die Umstellung ging nicht ohne Leid. Mein Körper war es gewohnt, durch Kohlenhydrate und Zucker schnell an Energie zu kommen. Beides fehlte ihm jetzt und das signalisierte er mir durch einen starken Wunsch nach Cola und Süßspeisen. Doch Heißhungerattacken sind normal während einer Ernährungsumstellung und man darf ihnen nicht nachgeben. Ich fütterte meinen Körper also mit Obst und Nüssen, was er zähneknirschend hinnahm.

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Überhaupt war Energie und Leistungsfähigkeit ein Thema. An Sport war in der ersten Zeit nicht zu denken. Nach 10 Kilometern auf dem Fahrrad fühlte ich mich wie nach zwei Marathonläufen am Stück und es dauerte lange um mich zu regenerieren. Im Bekanntenkreis hörte ich von einem Fall, bei dem es zu Kreislaufproblemen kam und abgebrochen werden musste. So schlimm war es bei mir nicht, aber ich spürte sehr stark, welchen Einfluss die Ernährung auf Ausdauer und Wohlbefinden hat.

Mein Zustand begann sich allerdings nach zwei bis drei Wochen zu verbessern. Der Heißhunger verschwand und auch ein paar Kilos. Ich entdeckte immer mehr und sehr leckere Rezepte. Überhaupt verschwand der Eindruck der Mangelernährung. Die Liste der Zutaten, die bei Paleo in Ordnung gehen, ist lang. Brot und Pasta vermisse ich mittlerweile so überhaupt nicht mehr, gleichzeitig ärgere ich mich über so manchen nur unzureichend ausgerüsteten Supermarkt. Selbst in größeren Läden ernte ich nur Achselzucken, wenn ich beispielsweise nach leckerem Kokosöl frage.

Die Testphase liegt nun einige Zeit hinter mir und ich bin beim Paleo geblieben, trotz der Umstände. Im Alltag in Deutschland ist es nicht möglich sich komplett wie in der Steinzeit zu ernähren. Gerade wenn man unterwegs, auf Kantine oder Restaurants angewiesen ist, hat man kaum eine Möglichkeit sich paleokonform zu versorgen. Ich nehme das hin und versuche gute 80% zu erreichen. Im Restaurant kann man das Brot zum Hähnchenbrustsalat weglassen und das Balsamico- statt Joghurtdressing nehmen und schon ist wieder alles ok.

Und ja, ich fühle mich besser und fitter seit der Umstellung. Ich schlafe besser, bin gleichzeitig weniger müde und die Energie für Sport ist auch wieder da. Ob ich jetzt die nächsten Jahre insgesamt weniger krank sein werde, die Haut reiner wird und auch sonst die ganzen Versprechen eingelöst werden, die mit Paleo zu einhergehen, wird sich zeigen. Auch wenn nur die Hälfte oder noch weniger davon zutrifft, so hat das 30-Tage Experiment mir gezeigt, wie wichtig es sich mit dem zu beschäftigen, was man den ganzen Tag so in sich rein stopft und dass es keine vier Wochen dauert, bis Gewohnheiten abgelegt sind.

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Was ist Paleo?

Der Begriff Paleo ist die Kurzform für den Zeitraum des Paläolithikums, der Altsteinzeit. Paleo orientiert sich an der ursprünglichen Ernährung der Jäger und Sammler, ahmt diese mit den heute verfügbaren Lebensmitteln nach und setzt einen verstärkten Fokus auf hohe Lebensmittelqualität und Nachhaltigkeit. Die Grundlage der Paleo-Ernährung bilden daher Lebensmittel, die in ähnlicher Form während der etwa 2,5 Millionen Jahre langen Evolution der Gattung »Mensch« verfügbar waren und die eine ideale Nährstoffversorgung für unseren Organismus bieten.

Zur Paleoernährung gehören alle „echten“, unverarbeiteten und nährstoffreichen Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Nüsse & Samen, Fleisch & Fisch, Eier, gesunde Fette. Verzichtet wird hingegen auf die meisten verarbeiteten Lebensmittel, die erst nach der Einführung von Ackerbau und Viehzucht verfügbar waren, sowie auf Lebensmittel mit einem hohen Anteil an für den menschlichen Organismus schädlichen Antinährstoffen. Dazu gehören: Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Zucker, stark verarbeitete pflanzliche Fette und künstliche Zusatzstoffe.

Mehr Infos beispielsweise bei Paleo 360.

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Kokosöl in der Paleo Ernährung

In der Paleo Ernährung spielen gute Fette & Öle eine wichtige Rolle und sind elementarer Bestandteil des Speiseplans. Kokosöl hat neben einem guten Geschmack noch jede Menge gesundheitlicher Vorteile. Kokosöl ist reich an gesättigten Fettsäuren. Es ist leicht verdaulich und unterstützen den Körper beim Stoffwechsel und die Funktion der Schilddrüse. Nebenbei stärkt es das Immunsystem und schützt vor Bakterien, Viren und Pilzen. Man kann es praktisch überall verwenden. Als Fett zum Braten oder als Zutat zum Backen. Es eignet sich auch als Aufstrich, als Ersatz von Kräuterbutter zum verfeinern von Steaks und Filets. Auch im Kaffee eignet es sich als Ersatz für Milch oder Sahne. Manche Menschen schwören gar auf den Einsatz von Kokosöl auf Haut und Haaren. Angeblich spendet es Feuchtigkeit, verbessert den Hautton, verhindert Falten und Hautalterung und macht die Haare geschmeidiger.

Es stellt sich etwas die Frage, ob unsere Vorfahren überhaupt Kokosöl zur Verfügung hatten. Nun legen da Hardcore-Paleos in der Tat wert drauf. Sie lassen ihren DNA-Stammbaum überprüfen und schauen, wo sie ethnisch herstammen. Als echter Urzeit-Europäer müsste man dann eigentlich auch auf Kokosöl verzichten. So weit treiben es aber die wenigsten. Wichtig ist vielmehr, dass die Zutaten für unser Essen grundsätzlich dem Körper förderlich sind und das ist bei Kokosöl der Fall.

Mehr dazu auch bei Paleo 360.

Mehr Infos und interessante Links

Das Internet ist voll mit Informationen rund um Paleo und decken die ganze Bandbreite von pro bis contra ab. Einen kleinen Überblick habe ich hier zusammen getragen und dabei auch die Kritiker nicht vergessen.

Hier gibt es viele lecker Paleo-Rezepte. Man kann auch das schön gemachte Buch „Paleo – Power for Life“ (Amazon-Werbelink) kaufen.

Etwas kritischer Artikel in der Zeit über Paleo, den man wiederum kritisch sehen kann: Wurzeln, Nüsse, Beeren satt.

Wer Brot, Nudeln und Käse weglässt, dafür mengenweise Schweinshaxen, Salami und Koteletts isst, wird kaum eine wundersame Wandlung des Körpers erfahren. Wer dagegen viel Gemüse isst, verziert mit Nüssen, dazu hin und wieder mageres Wildfleisch, der lebt ziemlich gesund. Nur – das ist keine neue Erkenntnis, sie stimmt mit den gängigen Ernährungsempfehlungen überein.

Noch ein kritischer Text: Real Paleo Diet: Early Hominids Ate Just About Everything.

Reconstructions of human evolution are prone to simple, overly-tidy scenarios. Our ancestors, for example, stood on two legs to look over tall grass, or began to speak because, well, they finally had something to say. Like much of our understanding of early hominid behavior, the imagined diet of our ancestors has also been over-simplified.

Auch lesenswert: Grundlagen und Auswirkungen eines Lifestyles: Das Paleo-Prinzip

„Ihre Blutfettwerte sind phänomenal – sowas habe ich in meiner gesamten Laufbahn noch nicht gesehen! Wie machen Sie das?“ (Dr. med Bernd Rebell, Facharzt für Innere Medizin)

zu guter Letzt: Der Wikipediaartikel zur Steinzeiternährung.

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Hinweis in eigener Sache

Dieser Text und die Fotos erschienen zuerst dezent redaktionell bearbeitet im SamSon Magazin und zwar in der Ausgabe „Prägnant„.

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