Die Berlinifizierung in Nürnberg ist im Mainstream angekommen

So, deuten wir mal die Zeichen. Es sieht so aus, als wäre die Berlinifizierung Nürnbergs jetzt endgültig kein Phänomen der hipperen Straßencafés in den subkulturell angehauchten und berlineskeren Stadtteilen mehr. Sie ist oben angekommen, beziehungsweise da, wo sich auch Publikum aus den Randbezirken und dem Umland trifft. Den Gegenden also, die jetzt noch weniger Berlin sind, als es Nürnberg schon nicht ist. Und es ging schnell. Das Ganze hat meiner Wahrnehmung nach von den ersten zarten Anzeichen bis zum Aufschlag in der Fußgängerzone so ungefähr 2-3 Jahre gedauert.

Fürs Protokoll: Wöhrl, ein allseits bekanntes Bekleidungsunternehmen mit Hauptsitz in Nürnberg, bewirbt seine Mode großformatig mit der fiktiven Adresse „Potsdamer Platz, Nürnberg“ und dem Hinweis, dass Nürnberg mit Wöhrl zur Modehauptstadt wird. Man geht vermutlich davon aus, dass Berlin Modehauptstadt ist und dass man ihr ganz einfach den Rang ablaufen kann, wenn man den Streetstyle Berlins kopiert. Interessanter Plan!

Nürnberg Berlinifizierung 2

Ein weiteres Schaufenster zeigt eine tendenziell modisch und sehr hipsteresk gekleidete Herrengang in Max-Herre-Gedächtnisposen. Das Foto wurde offenbar in der Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg inszeniert. Kann man machen. Ist eine fantastische Location und transportiert auch ganz wunderbar das raue und unbändige Image der Stadt, dass man ihr nach wie vor nachsagt. Aber das Berlin was da transportiert wird, ist ja selbst in Berlin nur noch ein Schatten seiner selbst. Ganz zu schweigen davon, dass das anvisierte Flair in Nürnberg nicht mal ansatzweise reproduzierbar ist. Aber schön, dass es chic ist, durch mit Graffitis zugemalten Industrieruinen zu laufen. Schade nur, dass die in Nürnberg mittlerweile alle wegsaniert sind. Blöd, wenn man sich die Klamotten gekauft hat. Wann und wo soll man die jetzt anziehen? Zu der in Nürnberg gängigen farblosen Profanarchitektur oder vielleicht noch zu dem gerne vermittelten mittelalterlichen Charme passt davon ja maximal nur die starke Gesichtsbehaarung.

3 Comments

  • Das triffst du auf den Punkt. Kultur lässt sich nicht importieren, sondern sie entsteht aus sich selbst heraus, und kommt von den Menschen. Und die brauchen dafür Raum, der sich in Nürnberg durch das Baugeschehen immer weiter ausdünnt. Nürnberg entwickelt sich nach meiner Beobachtung immer mehr zu einer Wohn- und Zuhausebleib-Stadt, Rückzugsorte und Treffpunkte, die nicht kommerziell sind, sind mir kaum noch bekannt. Einzig die Initiative der Quelle-Künstler, das Ding zu kaufen, finde ich wegweisend!

    • Ja, es fehlen manchmal die Orte wo man sein kann, ohne Kunde zu sein. Ein generelles Problem, nicht nur in Nürnberg. Die Weinerei gibts noch (schamlose Eigenwerbung). Großartig auch, dass sich die Quelle-Leute nicht unterkriegen lassen. Den Hemdendienst nicht vergessen (hängt ein bisschen mit den Quelle-Leuten zusammen) und dann war letztens noch das hier: http://www.geheimagentur.net/afz-eroeffnung-ich-bin-eine-filiale/

      Das gute an einer ordentlichen Berlinifizierung wäre ja, dass sich auch ein guter Schwung an Off-Kultur, Gegenkultur und Underground etablieren könnte.

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