Nürnberg und das Image

Nürnberg Leonhardstr

Es lebt sich unspektakulär in Nürnberg. Die Stadt will zwar irgendwie was sein, irgendwo vorne mitspielen, irgendwas tollstes größtes bestes haben. Will Historie und Urbanität haben, will Nachtleben haben und Urlaubsziel sein mit Flair und Lebensgefühl und vergisst/übersieht dabei leider den größten Vorteil: Nürnberg ist Großstadt (faktisch, nicht gefühlt) in Slowmotion.

Man kann zwei Monate weg sein und man verpasst nichts. Es ist allen einfach verdammt egal was ist und was werden könnte. Und das ist ein Vorteil, in einer Zeit in der der Rest der Welt beim laufen die Beine nicht nach bekommt. Nürnberg ist der Fels in der Brandung. Die Stadt ist offensichtlich gegen jede Art von gesellschaftlicher oder kultureller Strömung immun (seit dem Wiederaufbau).

Natürlich will sich die Stadt auch als Marke verkaufen, klappt nur nicht wenn Realität und Werbung etwas auseinanderklaffen. Egal was es zu sein gibt, Nürnberg ist es nicht und das ist verdammt nochmal ein Aushängeschild mit gestrecktem Mittelfinger und eine Oase in einer Welt, in der alles eine Marke sein muss!

3 Kommentare

  • Das Foto fasziniert mich. Vor allem, weil wirklich schwer zu beschreiben ist, was daran so bedrückend ist.
    Die wärmegedämmte Stirnseite des Heilsarmee-Hauses dominiert mit brachialer Lebensfreude aus der RAL-Dose das Bild. Daneben grau und verschlissen Überreste von alter Sandsteinherrlichkeit und 50er Jahre Kargheit. Die Fassade hat sich den Normfenstern der Nachkriegsjahre angepasst, nicht umgekehrt. Unterschiedliche Pflaster, die sich bereitwillig der Asphaltstraße unterwerfen. Gutgemeinte Poller schützen Passanten vor Blechlawinen und sonstigen Unverschämtheiten der Nichtpassanten. Unterschiedliche Traufhöhen, Dorf und Stadt in einem. Die Straße eng und schattig, kein Lichtstrahl lässt die Blätter der Bäume hell aufleuchten. Wie schwarze Spinnen sitzen die gestutzten Baumkronen lauernd in der Bildmitte und künden von kommendem Unheil. Gleich wird der Clown aus Steven Kings ES durchs Bild laufen.

    (Räusper)

    Gebrochenheit? Stillosigkeit? Ungleichzeitigkeit?
    Es stimmt, damit lässt sich kein Hochglanzprospekt ausstaffieren, da hilft auch keine Stadterneuerung, schon gar kein Corporate Design.

    Sollte man also den Schwächen ins Auge sehen, die eigenen Schwächen als Stärken begreifen und so den Stier bei den Hörnern packen?
    Zumindest ein sympathischer Ansatz.

    Den »Fels in der Brandung« schnelllebiger Strömungen haben allerdings schon andere für sich entdeckt , die damit vielleicht besser fahren.

    Die »Unaufgeregtheit« der Nürnberger (positiv formuliert) fällt aber auch andernorts auf.
    Bei der Gelegenheit möchte ich auf die Masterarbeit »10x Stadt« von Carolin Rauen hinweisen, die sich mit der Frage beschäftigt hat, wie man den Charakter von Städten visualisieren kann.
    Hier ein Interview mit ihr zu dieser Arbeit aus Slanted und hier die entsprechende Seite auf ihrer Homepage.
    Ganz unten auf ihrer Seite läuft der Städtevergleich Duisburg – Leipzig – Nürnberg als kleiner Film und man bekommt einen schnellen Eindruck davon, wie das Konzept funktioniert. Man kann sich die drei Bücher auch als PDF schicken lassen.

    Nachdem ich anfänglich sehr begeistert über das Konzept war, haben ein paar Kleinigkeiten mich doch davon abgehalten, mir die PDFs schicken zu lassen. Beispielsweise die Gegenüberstellung der Mensen. Duisburg und Leipzig bekommen schöne Ausblicke aus Panoramafenstern, für Nürnberg wird hingegen unbegreiflicherweise ein trostloser Blick auf eine fensterlose Wand gezeigt, obwohl die Nürnberger Mensa mit schönen Ausblicken auf die Stadt auch nicht geizt.
    Stimmt es also, wenn Carolin Rauen schreibt, dass sie »eine ehrlichere Alternative zum Stadtmarketing« bietet?
    Ist »subjektiv« wirklich »ehrlicher«? Oder ist »zufällig« ehrlicher, müsste man Kameraposition und Richtung und auch alle sonstigen Kategorien auswürfeln (bei einigen Bildern macht sie das tatsächlich so ähnlich)?
    Oder müsste man das Konzept umkrempeln, 10 unterschiedliche Personen berichten subjektiv nach streng vorgegebenem Konzept über dieselbe Stadt. Heraus kämen 10 unterschiedliche Interviews, 10 unterschiedliche Dürer-Porträts, 10 unterschiedliche Fotoreportagen, die in ihrem Kern doch etwas gemeinsam hätten und sich von ebensolchen Porträts einer anderen Stadt klar unterscheiden würden.

    Ehrlichkeit im Marketing ist schwierig, mehr fällt mir als Resümee nicht ein. Genug genörgelt.

  • Tja, Frankenbashing scheint wieder in Mode zu kommen. Zuletzt auf größeren Plattformen wie nordbayern.de (Nürnberg: Die langweiligste Großstadt Deutschlands?).

    Deshalb erstmal danke @noribori für die Fotokritik die etwas Objektivität in die Subjektivität des Fotografen legt und danke für den tollen Hinweis auf die Masterarbeit.
    Und wieso fotografiert man nun gerade in Nürnberg trostlose Wände? Warum mache ich das und warum kommt Carolin Rauen auch auf die Idee? In den interessanten Kommentaren zu dem nordbayern.de-Artikel wird nicht nur einmal auf die Introvertiertheit und die Schüchternheit der Stadt hingewiesen. Ist wirklich auffällig und wie soll man mit piepsiger Stimme auch Marketing machen? Wie soll man Frankenkultur in die Welt tragen wenns es außer Matthias Egersdörfer niemanden gibt der das Frankenflair standfest über die Frankengrenzen hinaus trägt?
    Die Antwort ist, dass ein (guter) Fotograf nicht nur dokumentiert, sondern auch die Stimmung einfängt die zu dem Foto geführt hat. Und wenn das in Nürnberg nunmal eine introvertierte Stimmung ist, dann fotografiert man halt enge Straßen und Wände.

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