Herz aus Asphalt – Filmisches Portrait der Fürther Straße

Der »Gostenhofner Boulevard« ist die Inspirationsquelle für eine 42-minütige Filmdokumentation. Norbert Goldhammer hat zusammen mit Philipp Niemöller und Tobias Klink beschlossen, einen Film über eine Straße zu drehen. Herausgekommen ist das Portrait etlicher Zeitgenossen, die den Nürnberger Westen und die Fürther Vorstadt bevölkern. Die Fürther und Nürnberger Straße birgen bunte Geschichten, spannende Ecken und ist für Nürnberg und Fürth viel mehr als eine seelenlose Autostrecke zwischen den beiden Städten.

Sie ist städtisches Leben, pulsierende Kunst und ein Mix der Kulturen. Eine Straße mit Geschichte, mit Charme und viel Potential. Der Film zeigt den Ist-Zustand der Straße, auf der sich wahnsinnig viel tut und die es schon lange mal wert war, sie im Film darzustellen. Geschichtliche Rückblicke findet man daher (außer einem Hinweis auf die Pleite bei AEG und Quelle) vergebens. Der Film hangelt sich mit der Kamera der Straße entlang. Es ist ein Episodenfilm im Doku-Style. Es geht um Heimat, Identität, Kultur und regionale Kunst mit viel Lokalcholorit und O-Tönen vom Oberbürgermeister bis zum Taxifahrer.

Die Geschichte hinter den Bildern – Ein Interview mit Norbert Goldhammer

Herz aus Asphalt - Gerd Schmelzer auf der Terrasse mit Blickrichtung auf das Quelleareal
Herz aus Asphalt – Gerd Schmelzer auf der Terrasse mit Blickrichtung auf das Quelleareal

Bitte stellt euch kurz vor. Wie seid ihr zum Film gekommen?

Norbert Goldhammer ist TV-Redakteur und Geschäftsführer der Firma WERKSBILD. Ihn brachte ein Praktikum 1996 in die Medienbrache. Er arbeitete danach vier Jahre als Redakteur beim Fernsehen und gründete im Jahr 2000 die Produktionsfirma WERKSBILD GmbH, ein Unternehmen für TV- und Filmproduktionen in Nürnberg. Die erste größere Dokumentation mit dem Titel „Nürnberger Zeugen des 2. Weltkriegs sprechen“ realisierte er 2005 in Zusammenarbeit mit dem Garnisonmuseum Nürnberg. In den Jahren 2007 bis 2010 war er als Chef vom Dienst für zwei Fernsehanstalten tätig. Von 2010 bis 2014 arbeitete er als fester freier Online-Redakteur beim Verlag Nürnberger Presse und lernte dort auch die Partner kennen, mit denen er die Dokumentation „Herz aus Asphalt“ in Angriff nahm: Eike Schamburek und Philipp Niemöller, die ebenfalls Online-Redakteure beim Verlag waren. Wenig später stieß zum Produktionsteam noch Tobias Klink dazu.

Während seines Studiums absolvierte Philipp Niemöller zahlreiche Praktika in Medienredaktionen, darunter auch an verschiedenen Filmsets. Filmdramaturgie -praxis bildeten einen Schwerpunkt des medienwissenschaftlichen Teils seines Studiums an der FAU in Erlangen. Von 2008 bis 2014 arbeitete er als freier Redakteur bei nordbayern.de mit dem Schwerpunkt Videoproduktion. Aktuell ist er an der Hochschule Ulm als Online-Redakteur tätig. Als Wahl-Nürnberger kannte er die Fürther Straße vor allem als ‚Gostenhofner Boulevard‘ und entdeckte während des Drehs zahlreiche neue Facetten im Fürther Teil der Straße.

Tobias Klink wohnt seit 2007 in Nürnberg. Im Verlag Nürnberger Presse arbeitete er von 2009 – 2014 als freier Online-Journalist und aktuell bei nordbayern.de als Online-Redakteur. Für verschiedene Auftraggeber produziert er seit mehreren Jahren Webvideos. Als die Anfrage kam, an der Doku „Herz aus Asphalt“ mitzuwirken, musste er nicht lange überlegen. Denn die Straße birgt bunte Geschichten, spannende Ecken und ist für Nürnberg und Fürth viel mehr als eine seelenlose Autostrecke zwischen beiden Städten.

Woher kam die Idee zum Film? Welche Motive spielten eine Rolle?

Norbert: Die Idee zur Filmdokumentation stammt schon aus dem Jahr 2011. Damals wollte Norbert zusammen mit dem Künstler Karsten Neumann einen eher künstlerisch-experimentellen Film über die „Avenida Mahatma Gandhi“ drehen. Diese fiktive Straße bildet den Mittelpunkt der vom Künstler entwickelten Stadtutopie „Bethang“ und ist auf der Fürther und Nürnberger Straße verortet. Leider konnte diese erste Idee aus verschiedenen Gründen damals nicht realisiert werden.

Zwei Jahre später griff Norbert die Idee nochmals auf und entschied sich nun, bei der Realisation dokumentarisch vorzugehen. Die Fürther Straße in Nürnberg und die Nürnberger Straße in Fürth bilden eine direkte Verbindungslinie zwischen den beiden Nachbarstädten. Diese Lebensader sollte der Film vorstellen. Neben der Auseinandersetzung mit den Themen Kunst, Kultur, Religion, aber auch Wirtschaft, Verkehr und öffentlicher Raum sollte er auch der unterschwelligen Rivalität der beiden Städte Nürnberg und Fürth entgegenwirken. Er sollte das Lebensgefühl der an den Straßen wohnenden und arbeitenden Menschen beschreiben und zeigen, wie bunt und lebendig die auf den ersten Blick eher graue und triste Straße doch sein kann.

Uns wurde bei den Recherchen zum Film bald klar, dass auf diesen knapp sechs Kilometern ein Herz aus Asphalt schlägt. So kamen wir dann auch schnell zum Titel unserer 42-minütigen Filmdokumentation. Einen Anspruch auf vollständige Abbildung des Lebens auf der Straße besitzt der Film natürlich nicht. Kann er auch nicht besitzen, denn es gibt einfach zu viele Details und Facetten, die es zwar wert gewesen wären, in die Produktion aufgenommen zu werden, aber aus zeit- und produktionstechnischen Gründen nicht berücksichtigt werden konnten. Trotzdem sind wir stolz auf das entstandene Werk und hoffen damit, vielen ein filmisches Stück Heimat zeigen zu können. Denn wir sind der Meinung, dass die Nürnberger, Erlanger, Fürther und überhaupt alle Franken danach lechzen, gute und professionelle Filmaufnahmen aus ihrer Region zu sehen. Das hat der Hype um den Franken-Tatort ja eindrucksvoll bewiesen.

Wie lange wurde gearbeitet und wie lange hat das Projekt gedauert. Was war am aufwendigsten?

Norbert: Die Suche nach Sponsoren war die erste Hürde, die wir nehmen mussten. Wir danken im Nachhinein daher ausdrücklich dem Kulturreferat der Stadt Nürnberg und dem Kulturamt der Stadt Fürth für die Förderung und finanzielle Unterstützung. Denn ganz ohne finanzielle Mittel kann man ein solches Mammutprojekt natürlich nicht stemmen. Auch die Bestandsaufnahme und Auswahl geeigneter Protagonisten und Drehorte entlang der Straße gestalteten sich sehr aufwendig, so dass die Dokumentation erst im Frühjahr 2015 veröffentlicht wurde. Die Konzeption nahm schon ein knappes Jahr ein. Gedreht wurde dann nochmal fast ein Jahr lang immer wieder auf, unter und neben der Straße. Wir mussten nebenbei ja auch noch unsere Brötchen verdienen. Leider hat sich auch das Produktionsteam während der Erstellung immer wieder verändert. Eike ist nach Kanada und Philipp nach Ulm gezogen. Man musste sich also immer wieder neu finden. Letztendlich wurde die Filmdokumentation in einem Kraftakt im Frühjahr 2015 von Tobi und Norbert bei WERKSBILD zu einem guten Ende gebracht. Unser Anspruch und unsere Motivation war, den Film noch vor der Ausstrahlung des Franken-Tatorts zu veröffentlichen.

Wie seid ihr auf die Protagonisten gekommen? Wie wurden sie ausgewählt?

Norbert: Als der erste Artikel in den Nürnberger Nachrichten erschien und wir die ersten Trailer zur Doku produziert hatten, kamen natürlich viele Anfragen und Anregungen. Wir hatten uns aber schon früh auf einen Roten Faden festgelegt.

Wichtig für uns waren ansässige Künstler, und Offizielle der beiden Städte. Die Sikh-Gemeinschaft fanden wir eher zufällig und waren uns sofort einig, dass der Tempel und die Gemeinde auf jeden Fall mit in den Film müssen. Der Kontakt zu Ercan „Jilet“ Güzey, dem Taxifahrer im Film, stellte Philipp her. „Jilet“ hat sich als echtes Juwel für die Doku erwiesen. Besonders stolz sind wir auch darauf, dass wir Matthias Egersdörfer für den Film gewinnen konnten. Die Dreharbeiten mit ihm gestalteten sich äußerst unkompliziert und wir hatten den Eindruck, dass er das auch wirklich gerne gemacht hat. Wir haben jedenfalls ein sehr positives Feedback von ihm bekommen. Und der Herr ist immerhin frisch gebackener Tatort-Darsteller.

Was fehlt noch an der Fürther Straße?

Norbert: Eigentlich nichts. Die Nürnberger und Fürther Straße haben alles, um als große Lebensader zu gelten. Vielleicht könnte man den Verkehr etwas reduzieren und dafür den Fuß und Radfahrern mehr Raum geben.

Was macht sie für Nürnberg so einzigartig?

Norbert: Die Straße verbindet mehr als nur die beiden Städte Nürnberg und Fürth. Sie ist städtisches Leben, pulsierende Kunst und ein Mix der Kulturen. Eine Straße mit Geschichte, mit Charme und viel Potential. Wir wollten mit dem Film den Ist-Zustand der Straße beschreiben, auf der sich wahnsinnig viel tut und die es schon lange mal wert war, sie im Film darzustellen. Geschichtliche Rückblicke findet man daher (außer einem Hinweis auf die Pleite bei AEG und Quelle) vergebens. Wir haben versucht, uns an der Straße mit der Kamera entlangzuhangeln. Es ist daher ein Episodenfilm im Doku-Style. Zentrale Schlagwörter, die die Doku beschreiben, sind Heimat, Identität Kultur und regionale Kunst.

Gibt es Veränderungen die ihr während der Dreharbeiten bemerkt habt und wenn ja, welche?

Norbert: Diese Straße ist ständiger Wandel. Während der Dreharbeiten entstand beispielsweise das große DATEV-Gebäude gegenüber dem Landgericht. Auch dazu hätte man eine schöne Episode bringen können. Kaffees und Kneipen entstehen und verschwinden. Künstler verlassen ihre Ateliers oder siedeln neu in Gostenhof an. Auch nach der Zwangsversteigerung des Quelle-Areals im Juni werden die Karten wieder neu gemischt werden. Leider bemerkt man auch die zunehmende Gentrifizierung immer stärker in den angrenzenden Stadtteilen. Es entsteht viel Schönes aber auch Teures, die alten Strukturen der Stadtteile verschwinden. Es gibt jedoch viele Menschen, die etwas gegen diesen negativen Trend tun. Das wollten wir auch mit dem Film aufzeigen.

Wo soll es mit dem Film hingehen? Gibt es Pläne?

Norbert: Der Film gehört den Nürnbergern, Fürthern und allen an ihrer Heimat Interessierten. Wir sind in erster Linie froh, dass wir das Projekt gestemmt haben. Im Netz wird er gut geklickt und das macht uns Freude. Wir wollen ihn aber auch noch bei verschiedenen Festivals präsentieren und die ein oder andere öffentliche Aufführung in ausgewählten Locations ist auch geplant.

Macht ihr in 10 Jahren den Film nochmal und schaut was passiert ist?

Norbert: Eigentlich eine interessante Idee, aber wir denken eher nicht. Es gibt andere spannende Straßen im Großraum Nürnberg-Fürth-Erlangen, die es wert wären, filmisch vorgestellt zu werden. Man muss sich auch nicht unbedingt auf eine Straße festlegen. Filmthemen für Dokumentationen gibt es hier wie Sand am Meer. Interessant wäre aber auch mal ein Kurzfilm mit fiktivem Inhalt.

Vielen Dank Norbert und Tobi für das Interview und die Fotos!

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