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27. Dezember 2012

Wunderland Köhnstraße [Ungeschminkt]

Wunderland Köhnstraße

Ich war schon mal in St. Peter. Das ist deswegen so besonders, weil ich sonst nicht so oft nach St. Peter komme. Selbst in kleineren und kompakteren Städten wie Nürnberg ist es so, dass man seine eigenen Regionen und Pfade hat. Wohnung, Büro, Stammkneipe, Lieblingsläden und da wo man was erleben kann, also meist der „Szenebezirk“ (5€ in die Kasse für die überstrapazierten Modewörter). Bei mir wäre das also Johannis, die Altstadt und Gostenhof. Damit wäre dann mein Nürnberg beschrieben. Nach St. Peter komme ich unfassbar selten. Eine Freundin wohnt dort, ein junger Hüpfer und vermutlich auch viele andere junge Leute denn dort gibt es ein Studentenwohnheim. Wir waren auch schon mal auf Entdeckungstour in St. Peter und haben geschaut, ob es dort etwas mehr zu entdecken gibt als in normalen Wohnvierteln mit eher gesetzterer Bevölkerungsstruktur. Denn dem Vernehmen nach hat St. Peter nach GoHo die aktivste alternative Barszene. Es gibt dort so Orte wie das sehr einladend klingende Arsch & Friedrich und auch andere kleine Bühnen, Theater und Kleinkunsteinrichtungen lassen sich wohl dort finden, wenn ich denn nun mal dort hinkommen würde.

Wie so oft im Leben darf man nicht warten, bis es einen irgendwo hin verschlägt, sondern man muss selbst aktiv werden (5€ in die Lebensweisheitskasse). Und dann passierte das unfassbare. Ganz zufällig und beiläufig entdeckte ich an einem grauen Dezembernachmittag mitten in einer eher tristen Ecke in St. Peter nichts weniger als das mystische und sommerliche Wunderland mitsamt Fliegenpilz und Blick ins Grüne. Mir fällt spontan auf meinen ausgetretenen Pfaden nicht eine einzige Wand ein, die nur halb so großflächig und fantasievoll bepinselt wäre. Darf ruhig öfter passieren das Leute ihre Wände bemalen. Nicht nur in St. Peter, sondern auch überall sonst in der Stadt. Eintönige Fassaden gäbe es zur Genüge und vielleicht locken andere Wunderländer auch noch ein paar mehr Leute weg von ihren ausgetretenen Pfaden (5€ in die Kasse mit den unerfüllten Wünschen).

 

Hintergrund
Für den Verlag Nürnberger Presse erstöber ich einmal im Monat eine „ungewöhnliche Stadtansicht“ und erdenke mir einen Text dazu. Beides erscheint dann  im Stadtanzeiger, der Beilage der NN und NZ. Der Name der Fotokolumne ist „Ungeschminkt“. Einen Tag nach der Veröffentlichung in der Zeitung erscheint Bild und Text auch hier im Blog.

29. November 2012

Die Entdeckung des Normalen [Ungeschminkt]

Freunde von mir betreiben hauptberuflich eine Unternehmung für Abenteuerfreizeiten, Klassenfahrten, Seminare und ähnliches für Kinder und Jugendliche. Die Kids werden aus Deutschland gerne mal in die entlegenen Ecken Europas gekarrt und lernen dort nicht selten zum ersten Mal die Natur kennen oder, was auch spannend ist, bunt gemischt aus den wildesten Ecken Europas kommen Austauschjugendliche nach Deutschland. Sie lernen hier in speziell gestalteten Seminaren die interkulturelle Zusammenarbeit untereinander und auch die oftmals überaus befremdliche Kultur Deutschlands, bzw. der Franken kennen.
Für eins solcher Seminare wurde jüngst auch ein Fotografieworkshop eingeplant und als Kenner der Stadt und der Fotografie sollte ich nun eine Gruppe aus jungen Rumänen, Polen, Estländer, Italienern, Griechen und Türken etwas durch Nürnberg führen.
Nichts leichter als das. Ich konfrontierte die Gruppe mit der Idee, dass wir auf keinen Fall die üblichen Touristenwege mit den Sehenswürdigkeiten ablaufen würden. Es wurden von diesen Sehenswürdigkeiten nämlich schon alle erdenklichen Fotos gemacht. Für das Fotografenauge gäbe es nichts mehr zu entdecken auf einer solchen Tour. Ich erklärte, dass man eine Stadt, die Bewohner, die Kultur, ja das ganze ungeschminkte Wesen am besten erkunden kann, wenn man sich dahin begibt, wo die normalen Leute leben: in die Wohngebiete also. Und somit fanden sich die jungen urbanen Forscher direkt in den Seitenstraßen des sehr unaufgeregten Wöhrd wieder und begannen sich mit den überaus schmucklosen Profanbauten deutscher Nachkriegsarchitektur zu beschäftigen. Der Kenner weiß natürlich, für das Fotografenauge gibt es nichts besseres als schmucklose Langeweile. Denn nun ist es gefordert, das besondere und spezielle zu entdecken. Denn jetzt kommt es auf den Fotografen an, etwas aus der Szene zu machen und Kreativität zu entwickeln. Er kann sich nicht mehr auf die Schönheit des Motivs verlassen.
Die Gruppe entdeckte auf der Tour allerhand, von Häusern, die offenbar den Krieg überlebt hatten und sich optisch nicht so recht in ein Straßenbild einfügen wollten und wie ein Fremdkörper wirkten bis hin zu kleinen sauber geharkten Vorgärten mit Tontieren (gibt es etwas deutscheres?). Und alles wurde schön in Szene gesetzt. Eins der Mädels enteckte dann in der Hohfederstraße eine an einen Baum befestige Uhr, die offenbar zu einer Bar gehört. Neben anderen Dingen ist diese Uhr ein Beweis, dass man mit etwas Beobachtung Besonderheiten im Normalen finden kann, wenn man nur Aufmerksam genug ist. Eine schöne Lektion für die Gruppe. Und noch etwas schönes entdeckte der Seminarleiter, ein Italiener aus Rom: Er machte schon öfter solche Fototouren mit Jungendlichen in diversen Ländern und bislang immer inklusive der jeweiligen Sehenswürdigkeiten. Er lobte die Tour als ein besonderes Zeichen von Reife und Selbstbewusstsein, da sonst immer versucht wird, die schönen Seiten zu präsentieren und eher beschämt mit dem profanen umgegangen wird. Und auch die Gruppe hatte ihren Spaß. Es sind viele tolle Fotos entstanden.

Hintergrund
Für den Verlag Nürnberger Presse erstöber ich einmal im Monat eine „ungewöhnliche Stadtansicht“ und erdenke mir einen Text dazu. Beides erscheint dann  im Stadtanzeiger, der Beilage der NN und NZ. Der Name der Fotokolumne ist „Ungeschminkt“. Einen Tag nach der Veröffentlichung in der Zeitung erscheint Bild und Text auch hier im Blog.

1. November 2012

Außerirdischer am Burgberg [ungeschminkt]

Da auch ich von den 80er Jahren sozialisiert wurde, und damit auch mit den aufkommenden Heimcomputern wie dem C64 oder dem Amiga 500, gibt es für mich eine Ikone dieser Zeit: den Space Invader aus dem gleichnamigen Computer Spiel. Experten wissen, das Spiel gab es schon Ende der 70er auf Spielhallenautomaten, aber er kroch erst mit den Heimcomputern in unsere Kinderzimmer. In dem Spiel musste man sich mit einem kleinen Raumschiff gegen eine Armada aus diesen pixeligen Space Invadern wehren, die immer näher kam. Ein sehr simples Spiel, aber es wusste mich damals zu begeistern.

Nun, vielleicht habe ich das Spiel zu gut gespielt, oder zu schlecht. Oder viel zu oft, denn mich verfolgen die Space Invader seit dem auch im echten Leben. Und sie kommen immer näher! Mittlerweile bevölkern einige von ihnen die Innenstadt von Nürnberg. Einer von diesen possierlichen Zeitgenossen hat sich am Burgberg an einer Wand eingenistet und beobachtet genau was auf dem Platz so passiert. Wer die Augen offen hat, findet diese aus Lego gebastelten kleinen Kunstwerke auch an anderen Stellen der Stadt.

Was sie genau machen, bleibt im Verborgenen. Sie warten und lauern auf etwas. Vielleicht bereiten sie eine Invasion vor und ich bin der einzige, der das erkannt hat. Zum Glück habe ich die Möglichkeit Nürnberg auf diesem Wege zu informieren. Bitte keine Panik, bisher zeigen sich die Invasoren nicht als aggressive Besucher, aber wer mag, kann mir in meinem Bastelkeller beim Bau einen Kampfraumschiffes helfen. Nur um auf alles vorbereitet zu sein.

 

Hintergrund
Für den Verlag Nürnberger Presse erstöber ich einmal im Monat eine „ungewöhnliche Stadtansicht“ und erdenke mir einen Text dazu. Beides erscheint dann  im Stadtanzeiger, der Beilage der NN und NZ. Der Name der Fotokolumne ist „Ungeschminkt“. Einen Tag nach der Veröffentlichung in der Zeitung erscheint Bild und Text auch hier im Blog.

27. September 2012

Fototouren [Ungeschminkt]

Auto vor Wohnung (Nürnberg Impressionen #11)

Fototouren sind für mich eine schöne Art zu entspannen und die Zeit zu vertreiben. Sie sind meist auch nicht so passiv wie ein Abend vor dem Fernseher. Solche Ausflüge müssen nicht notwendigerweise alleine stattfinden. Es ergibt sich gerne mal, dass man zu zweit oder seltener auch in einer Gruppe durch die Gegend zieht und dann natürlich neben den eigenen Beobachtungen auch direkt mit den Entdeckungen der Mitläufer konfrontiert ist.
Bei meinen Touren ist es immer so, dass nichts unkommentiert bleibt. Ich fühlte mich somit auch schon mal dem Feedback von Freunden ausgesetzt, die auf einmal ein Interesse an Architektur und deren Bedeutung gewonnen haben. Sachen, die ihnen vor wenigen Jahren noch völlig egal waren, gelangen auf einmal in ihr Bewusstsein. Das schmeichelt mir natürlich.
Eine typische Diskussion auf solch einer Tour, in diesem Beispiel durch Maxfeld, entzündete sich an der Frage, warum es immer wieder vorkommt, das der Fuhrpark in gewissen Vierteln, repräsentiert durch all die parkenden Vehikel, so gar nicht zu den Wohnungen passt. Wie in dem Bild zu sehen, herrscht ein eklatantes Missverhältnis zwischen der eher billig oder altmodisch wirkenden Hausfassade und dem eher hochwertigen Auto. Es gibt natürlich keinen Beweis dafür, dass das Auto überhaupt zu einem der Bewohner gehört, aber wer ein solches Auto dort parkt, muss sich die Frage nach dem Warum gefallen lassen. Wer ein solches Auto besitzt, möchte sich neben dem eigentlich Zweck der Fortbewegung auch ein Stück weit mit der Außenwirkung des Wagens repräsentiert wissen. Autos sind, oder waren es zumindest bevor es Smartphones gab, Statussymbole. In diesem Fall wirft aber das Statussymbol die Frage auf, was es da soll. Ist es nur zu Besuch? Wer soll beeindruckt werden? Zu welchem Zweck? Und wieso ist das Haus kein Statussymbol, wo man wohnend doch viel mehr Zeit verbringt als im Auto. Wieso repräsentiert man sich viel lieber mit dem Auto als mit dem Haus? Oder repräsentieren sich die Bewohner bewusst auf diese Art? Was läuft da schief? Wären viele Stadtviertel nicht vielleicht einfach hübscher, wenn das Haus – und wenn‘s nur die Mietwohnung ist – viel mehr Statussymbol wäre? Ist die Werbung schuld? Ist der Sprit zu teuer, um das Auto bis zur Villa am Stadtrand zu fahren?
Und schon ist aus der gemütlichen Feierabendfototour eine Diskussion über den Zustand der Gesellschaft geworden. Antworten finden sich meist keine, aber wären wir vorm Fernseher sitzen geblieben, hätten wir auch keine Antworten auf all die offenen Fragen zu unserer Gesellschaft bekommen. Und so waren wir wenigstens zusammen an der frischen Luft.

 

Hintergrund
Für den Verlag Nürnberger Presse erstöber ich einmal im Monat eine „ungewöhnliche Stadtansicht“ und erdenke mir einen Text dazu. Beides erscheint dann  im Stadtanzeiger, der Beilage der NN und NZ. Der Name der Fotokolumne ist „Ungeschminkt“. Einen Tag nach der Veröffentlichung in der Zeitung erscheint Bild und Text auch hier im Blog.

30. August 2012

Kellerfenster zu verschenken [Ungeschminkt]

Wer kennt das Problem nicht? Das eigene Haus ist in die Jahre gekommen, der Keller müffelt etwas und so langsam drückt sich auch Wasser durch die alten Kellerwände. Man möchte wenigstens ein Fenster öffnen um etwas frische Luft reinzulassen. Nur wurde beim Bau des Hauses solch ein Fenster nicht eingeplant. Blöde Situation.
Bei einer meiner Touren entlang der Pirchkeimer Straße (jene Straße mit der unerträglichen Dreispurigkeit) stieß ich dann auf eine generöse Lösung für ein solches Problem: jemand verschenkt einfach völlig selbstlos ein Kellerfenster. Warum auch nicht, am Haus selbst sind ja noch genug andere vorhanden. Gut, es ist nicht mehr das neuste und würde optisch auch nicht ganz zu einem der überall wuchernden Townhouses passen, aber dafür ist es kostenlos. Allerdings muss man es sich wohl selbst abholen, was vermutlich nicht jedermanns Sache ist, denn bislang steht das Angebot noch. Vielleicht wäre es eine gute Idee das Fenster zur schönsten Litfasssäule nach Gostenhof am Bauernplatz zu bringen. Dort sammelt sich eh alles was Menschen zu verschenken haben. Warum nicht auch ein Kellerfenster.
Dieses Haus hat aber noch mehr zu bieten als kostenlose Kellerfenster, nämlich kostenlose Lebensweisheiten! In dem Fenster steht z.B. „Eltern müssen ihren Kindern zwei Dinge mitgeben: Wurzeln und Flügel“, ein Zitat von Goethe. Oder ein anderes Fenster meint: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Erich Kästner war derselben Meinung und er hatte Recht. Am Ende der Leseübung konfrontierte mich eins der Fenster mit der Fragestellung: „wenn nicht jetzt, wann dann?“. Mir wurden die Augen geöffnet! Ich ging ein Eis essen.

 

Hintergrund
Für den Verlag Nürnberger Presse erstöber ich einmal im Monat eine „ungewöhnliche Stadtansicht“ und erdenke mir einen Text dazu. Beides erscheint dann  im Stadtanzeiger, der Beilage der NN und NZ. Der Name der Fotokolumne ist „Ungeschminkt“. Einen Tag nach der Veröffentlichung in der Zeitung erscheint Bild und Text auch hier im Blog.

26. Juli 2012

Wir bleiben hübsch draußen [Ungeschminkt]

Es ist unbestritten, dass Nürnberg Geschichte hat. Bei Foto-Touren kümmere ich mich meist aber nicht um diese historische Geschichte, denn sie ist eh allgegenwärtig. Zurzeit wird mir zum Beispiel an jeder Ecke klar gemacht, dass ein gewisser Herr Dürer mal in dieser Stadt gelebt hat. Das stimmt auch, soweit ich informiert bin, aber als Bewohner der Stadt kümmere ich mich nicht den ganzen Tag um die großen Namen, das machen schon andere zur Genüge. Und es gibt vielleicht auch Historie, die es bis jetzt nicht in die Museen der Stadt geschafft hat.Nürnberg hat viele alte, kleine Geschäfte, die nicht für die Touristen fein gemacht wurden, was insbesondere in den Stadtteilen außerhalb der Altstadt der Fall ist. Diese kleinen Läden sehen gerne mal so aus, als wären sie seit Jahrzehnten ununterbrochen in Betrieb und als müsste man sich als Betreiber keine Gedanken über Mode, Trends, gesellschaftliche Entwicklungen oder gar Konkurrenz machen. Manchmal ist auch einfach nur ein Kiosk oder ein Blumengeschäft drin. So was geht ja immer.
Jetzt sind mir aber schon öfter diese kleinen „Hunde bleiben hübsch draußen”- Schilder aufgefallen. Diese Schildchen sind nicht viel größer als eine Hand, befinden sich immer neben der Tür eines solchen Geschäfts, sind immer angerostet oder sonstwie beschädigt und verfehlen mittlerweile meist ihre Funktion. Denn der Haken an so einem Schild, an dem die Hunde anzuleinen wären, ist fast immer weg. Und ich musste erst einige dieser Schildchen entdecken und quasi zusammenpuzzlen, um sie überhaupt lesen zu können.
Interessant ist, dass ich diese Schildchen bisher überall gesehen habe, außer in der Altstadt. Das große Bild stammt aus Schweinau, das kleine Polaroid aus Wöhrd und es gibt noch mehr. Es muss eine Zeit gegeben haben, als diese Schilder wichtig waren. Diese Zeit ist offenbar vorbei, auch nimmt man heute das eigene Getier fast immer fast überall mit hin. Vielleicht entdeckt bald ein Museum diese Epoche, als Hunde noch draußen bleiben mussten.
Für Archäologen hier nun der Trick, um diese Schilder zu finden: Den Blick beim Spazieren gehen nicht mit einem Lächeln in die Gesichter der Passanten wenden, sondern immer circa einen halben Meter über dem Boden konzentriert an der Wand entlang schleifen lassen. Das wirkt zwar nicht sehr freundlich auf die Mitmenschen, dafür entdeckt man hübsche, alte Hinweisschilder!

 

Hintergrund
Vom Verlag Nürnberger Presse habe ich den Auftrag einmal im Monat eine „ungewöhnliche Stadtansicht“ einzufangen, eine Art Fotokolumne. Ihr Name ist „Ungeschminkt“ und erscheint im Stadtanzeiger, der Beilage der NN und NZ. Dieser Text und das Bild ist ihm Rahmen dieser Kolumne entstanden.
Einen Tag nach der Veröffentlichung in der Zeitung erscheint Bild und Text auch hier im Blog.

28. Juni 2012

Der Barbierstuhl hinterm Volksbad [Ungeschminkt]

Mein erster Besuch im Volksbad in Nürnberg kam überraschend. Ein Filmteam vom Bayrischen Rundfunk meldete sich bei mir und war für eine kleine Dokumentation über “Urban Exploring” auf der Suche nach Leuten, die in Bayern leben und “urban Exploring” machen. Also Leute die am liebsten in Industrieruinen einsteigen und sich an der Ästhetik des Verfallenen erfreuen und fotografisch dokumentieren. Diese Szene ist in Bayern unfassbar klein und so fällt man schon auf, wenn man auf der eigenen Webseite zwei-drei Mal was über solch ein Hobby schreibt und entsprechende Bilder veröffentlicht. Man erkundigte sich auch nach einem Ort wo man drehen könnte und nachdem der Milchhof ja leider Geschichte ist, blieb fast nur das vorbildlich runtergekommende Volksbad übrig. Mit seiner schön verfallenden, verschlissenen, verstaubten und verdreckten Jugenstilästhetik bietet es nach wie vor das perfekte Ambiente für solch ein Vorhaben.

Ich beitreibe “Urban Exploring” maximal als Nebenhobby und bin bei aller Unscheinbarkeit der Szene zwar nicht der einzige in Bayern aber ich war offenbar der einzige, der sich überhaupt auf Anfragen vom BR zurück gemeldet hat und somit kam der Auftrag, zusammen mit den Leuten vom BR im Volksbad zu drehen. Nach der Frage, nach weiteren Bekannten mit diesem Hobby wurde Fotografiefreundin Hanna durch Handauflegen direkt zur Urban-Exploring-Spezialistin und es konnte losgehen. Wir drehten fast einen ganzen Tag im Volksbad, stellten Szenen nach, taten so als würden wir staunend das Gebäude erforschen (war nicht geschauspielert, war wirklich so), machten Interviews und vor allem fotografierten wir. Das Filmteam war voll ausgestattet mit Lichttechnik und Nebelmaschine und so entstanden grandiose grandiose Bilder.

Man unterschätzt das Gebäude komplett, wenn man es nur von außen kennt und seine Ausmaße sind nur schwer zu erahnen. Es ist sehr weitläufig, hat drei große Schwimmbecken, etliche Räume mit Badewannen, diverse Umkleide- und Duschräume, riesige Technikbereiche im Keller, einen großen Wasserturm und einen separaten Club- und Saunabereich mit Dachterrasse, der aber offensichtlich nachträglich installiert wurde, weil die hässlichen Holzvertäfelungen so gar nicht zu dem geschmackvollen Ambiente des restlichen Bades passen wollen. Man kann sich wirklich einen ganzen Tag drin aufhalten und die Ecken erforschen und beim durchstöbern der Räume fanden wir nicht nur die offensichtlichen Relikte der Nassnutzung, sondern auch Spuren von Technoparties, Modenschauen und insbesondere Ecken, die für Fetischfotografie dekoriert wurden.

Der Beitrag wurde nie gesendet und wir bekamen das Filmmaterial (wird ordentlich viel gewesen sein) nie zu Gesicht. Aber der Tag hat die ganzen letzten Jahre des freudlosen GEZ-zahlens locker wettgemacht. Wann bekommt man für seine Gebühren schon mal professionelles Equipment samt Techniker gestellt?

Jedenfalls war ich seit dem öfter im Volksbad. Bei einer der Führungen durch das alte Bad, organisiert und durchgeführt vom Förderverein Volksbad e.V. war es nach dem Ende der offiziellen Tour und nach etwas Klönschnack mit den Vereinsmitgliedern möglich, durch Türen zu gehen, die dem normalen Besucher der Tour verschlossen blieben. Man kann nämlich auf einen südlich gelegenen Hinterhof gelangen und dort einen alten Barbierstul finden. Nachdem im Volksbad selbst mittlerweile praktisch jede mögliche Ecke aus jedem erdenklichen Winkel von vielen Leuten fotografiert wurde (man findet viele Fotos im Netz) ist solch ein Foto von einem Gegenstand aus dem Orbit des Bades wieder etwas besonderes. Die Zeiten in denen Menschen in dem Stuhl Platz genommen haben sind offenbar lange her und er fristet nun ein Dasein irgendwo zwischen Liebhaberstück und nicht abgeholtem Schrott, wie vergessene Oldtimer in alten Garagen.

 

Hintergrund
Vom Verlag Nürnberger Presse habe ich den Auftrag einmal im Monat eine „ungewöhnliche Stadtansicht“ einzufangen, eine Art Fotokolumne. Ihr Name ist „Ungeschminkt“ und erscheint im Stadtanzeiger, der Beilage der NN und NZ. Dieser Text und das Bild ist ihm Rahmen dieser Kolumne entstanden.
Einen Tag nach der Veröffentlichung in der Zeitung erscheint Bild und Text auch hier im Blog.

31. Mai 2012

Die hübsche Unbekannte am Geländer [Ungeschminkt]

In der recht sterilen Dammstraße in Gostenhof beobachtete ich bereits im Juni vor zwei Jahren diese Dame am Fenster. Wenn ich abends nach dem Essen und zur Entspannung um die Häuser und durch die Stadtteile ziehe, bekomme ich öfter mal Gelegenheit, Menschen beim leben zu beobachten. Gardinen sind vielleicht mal nicht zugezogen oder Türen stehen offen. Schon kann man sehen, wie Leute in der Küche was schnibbeln, regungslos von einer Flimmerkiste bestrahlt werden oder sich unaufgeregt unterhalten.Alles furchtbar unspektakuläre Erlebnisse, aber das ist wohl die Bedeutung des Begriffs „wohnen”, nämlich in den eignen vier Wänden faul und langweilig nichts besonderes zu machen. Jedenfalls sah ich diese Dame am Fenster. Eigentlich war es gar kein Fenster, sondern ein Loch in einem entkernten Ge
bäudeteil, wo wohl mal ein Fenster hin soll.
Sie stand da, hatte ein schickes gelbes Abendkleid an und war offensichtlich eine Puppe. In einem Rohbau. Sie stand da und guckte mich an. Ich fotografierte sie.
Knapp zwei Jahre später schlich ich wieder durch die Dammstraße, eher zufällig, aber ich erinnerte mich an die Szene mit der Puppe. Bemerkenswerter Weise war der Rohbau so gut wie unverändert. Auch die Puppe war noch da, hatte diesmal aber weniger an. Und sie stand vor einem Bild, fast wie in einer Galerie. Ob das Gelände wirklich Baustelle ist, bezweifle ich jetzt. Aber ich plädiere dafür, dass mehr Leute Puppen in ihre Fenster stellen, sie gut kleiden und so die Passanten unterhalten. Das wohnen wirkt dann nicht so unspektakulär, selbst eine Baustelle wird so fast zum Erlebnis.

Hintergrund
Wie bereits im Portrait vor Kurzem angekündigt, habe ich vom Verlag Nürnberger Presse den Auftrag einmal im Monat eine „ungewöhnliche Stadtansicht“ abzuliefern, eine Art Fotokolumne. Ihr Name ist „Ungeschminkt“ und erscheint im Stadtanzeiger, der Beilage der NN und NZ.
Soweit ich weiß wurde das Bild inklusive des Textes bislang auch nur im Print veröffentlicht und nicht auch parallel auf einer der Webseiten des Verlages. Mit einem Tag Verzögerung erscheint Bild und Text auch hier im Blog plus einer zusätzlichen weitwinkeligen Szene.

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