Schwesternwohnheim 2013
Das Schwesternwohnheim am Nordklinikum in Nürnberg war einst der Artikel hier im Blog, mit dem hier alles losging. Fast sieben Jahre ist das her und eben solange hat es gedauert, bis ich das alte Wohnheim wieder genauer ins Auge genommen habe. Abgerissen, wie damals zu lesen war, wurde es bislang nicht, auch wenn es innen so aussieht, als wäre es versucht worden; und man denkt wohl immer noch über ein neues Parkhaus anstelle des Wohnheims nach.
Es ist offensichtlich wirklich sehr ramponiert. Die Polizei hat geübt, Kids haben gefeiert, Sprayer sind ihrer Profession nachgegangen, Filme wurden gedreht. Und der Zahn der Zeit hat auch Spuren hinterlassen. Viele Fenster stehen offen, es kann reinregnen und es ist dementsprechend feucht und schimmelig in etlichen Räumen. Das Gebäude soll nun richtig versiegelt und zugemauert werden, wohl um weiteren Vandalismus zu vermeiden. Es ist auch nicht so ganz ungefährlich sich in dem Block zu bewegen (Kaputte Treppen, Löcher in Wänden), das Klinikum will offenbar vermeiden, dass jemand zu schaden kommt.
Vielleicht möchte man auch die Überreste und Spuren menschlicher Zivilisation konservieren, denn davon gibt es sehr viel in dem Gebäude. Ich habe mich bei meinem Besuch auf eben diese Spuren konzentriert. Es gibt fast keinen Raum in dem Hochhaus, in dem nicht irgendwas zu finden ist, was auf fremdartige Kulturen hinweist. Es ist eine Mischung aus Originalen, erstellt und hinterlassen von den Mädchen bzw. Schwestern die in dem katholischen Wohnheim einst wohnten, und Graffitis bzw. eher halbherzige Versuche der Wandgestaltung, die während des Leerstandes entstanden sind. Künstlerisch würde ich die Werke eher in die Kategorie der infantilen Experimente stecken, aber vereinzelt sind auch ganz nette Sachen zu finden, die etwas mehr Aufwand verlangten. Eine Auswahl kann man in der Fotogalerie weiter unten sehen.
Das Highlight des ganzen Gebäudes ist die Dachterrasse. Sie bietet einen tollen Blick über Nürnberg, hat vermutlich schon etliche grandiose Sessions in lauen Sommernächten erlebt. Heutzutage hat sie einen tollen verranzten Subkultur-Charme durch all die Graffitis.
Die Fotogalerie mit weiteren Fotos aus dem Schwesternwohnheim. Einfach auf die Bilder klicken.
Es gibt zudem weitere Fotos von René Rdmsky und von Danko.Green.
Die Fabrik im Hafen
Mit Nürnberg assoziiert sich nicht in erster Linie Schifffahrt. Der Hafen entzieht sich auch gekonnt dem Stadtbild und der öffentlichen Wahrnehmung. Ich kenne den Hafen auch nur von Kurierfahrten, wenn mal was mit einer Spedition verschickt werden muss, oder wenn irgendeine Sendung im Zoll hängen geblieben ist. Der Nürnberger Hafen ist ein echtes Industrieviertel. Am Wochenende ausgestorben und ohne nennenswerten Freizeitwert. Was für einen Hafen natürlich schade ist, da ein Blick auf Wasser und vorbeiziehende Schiffe was ungemein Beruhigendes und Entspannendes hat.
Aber kaputte Industrie hat auch was ungemein Beruhigendes, Entspannendes und Faszinierendes. Und dafür ist der Hafen dann doch wieder zu gebrauchen. Eine Fabrik steht in seinem Inneren am Wasser. Leer, einsturzgefährdet und angenehm verbraucht. In diesen Zustand befindet sich das Gebäude offenbar noch nicht so lange. Ein Wandkalender im Meisterkabuff zeigt das Jahr 2009. Ohne diesen Hinweis hätte ich aber nie vermutet, dass die Hallen erst ein paar Jahre leer stehen. Es hätten auch Jahrzehnte sein können, seitdem der letzte Arbeiter durch die Gänge geschlurft ist und versucht hat, den Boden sauber zu halten. Das dürfte eh recht schwer gewesen sein. Was auch immer in den Hallen gelagert, gestapelt und bearbeitet wurde, es hat getrocknete Schlacke und interessante Verfärbungen hinterlassen. Auf die Idee, irgendwas anzufassen, zu streicheln oder abzulecken kommt hier derzeit niemand so schnell.
Die Fotos sind an einem frostigen Sonntag entstanden. Das trübe Wetter und der unberührte Schnee geben der ganzen Szenerie noch mal eine besondere Note. Der Wind war seicht und kühl. Zu hören war kaum etwas. Hin und wieder tröpfelte mal was von der Decke, oder irgendetwas schlug im Wind gegeneinander und gab metallisch Geräusche von sich. Sehr unregelmäßig, dumpf und entfernt. Bis auf den schlummernden Fernfahrer in dem Lastwagen vor dem Gebäude dürfte auch sonst niemand in der Gegend gewesen sein.
Technik: Canon EOS 550D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind manchmal leicht gecropped und farblich etwas in die richtige (düstere) Richtung geschubst.
Weitere Fotos der Location von Danko.Green.
Still ruht das Freibad
Nicht viele Leute kommen auf die Idee, im Winter ein Freibad zu besuchen. Bei diesem Bad waren auch in den letzten Sommern kaum Leute zu Besuch. Das Freibad Langwasser wird seit einigen Jahren nicht mehr benutzt und ist mittlerweile zu guten Stücken von der Natur zurückerobert worden. Gebüsch wächst bis an den Rand der Schwimmbecken, in manchen Ecken wächst Schilf aus dem seichten Wasser und ohne die offensichtlichen Fliesen und geometrischen Formen könnte man die Gegend für eine natürliche und touristisch wenig erschlossene Winterseenlandschaft halten. Würde mich nicht wundern, wenn man im Sommer hier Angler antreffen könnte. Rausfinden werden wir das jedoch nie, denn im Frühjahr wird diese Idylle abgerissen und es wird Platz geschaffen für ein neues Freibad.
Das hübsche Graffiti ist übrigens nur wenige Tage alt. Im Schnee waren noch Farbreste zu sehen. Vielleicht kommen in den nächsten Wochen bis zum Abriss noch welche dazu. Hat ja auch was natürliches, wenn Graffitis auf kahlen Wänden wachsen.
Silent Dillberg
Es dauert nur etwas über eine halbe Stunde mit dem Auto, und man hat es fast bis nach Neumarkt in den Süd-Osten von Nürnberg geschafft. Der Verkehr ist nicht mehr ganz so dicht wie noch in der Nähe der Stadt. Hin und wieder muss ein LKW überholt werden. Irgendwann führt der Weg hinter Postbauer-Heng ab von der Landstraße und durch den immer dichter werdenden Nebel schlängelt sich der Wagen nur noch langsam und vorsichtig in kleinen Gängen den Dillberg hoch. Es ist fast Mittag, als ich auf der Kuppe des Berges am alten Hotel Berghof ankomme. Ob es wirklich der Gipfel vom Dillberg ist, ob es noch irgendwo weiter geht oder ob ich überhaupt noch auf der Erde bin, lässt sich schwer sagen. Der Nebel ist wirklich sehr dicht. Es ist still und es regnet leicht und es gibt keine Anzeichen von irgendeiner bekannten Zivilisation, die noch am Leben wäre.
Das Gebäude war nicht immer ein Hotel, sondern wohl auch mal ein Puff und eine NPD-Tagungsstätte. Intelligentes Leben wurde demnach schon länger nicht mehr gesichtet am Dillberg. Dann waren wahrscheinlich Brandstifter am Werk und nun steht das Gebäude offen, teilweise verkohlt und größtenteils leer vor mir. Ich trete ein und lasse die Kulisse und die Geräusche auf mich wirken. Es gibt keine Scheiben in den Fenstern mehr, die Räume sind kahl und vereinzelt mit Graffitis verziert. Pfützen sind am Boden und es tropft an etlichen Stellen von der Decke. Ich bewege mich vorsichtig durch das Gebäude und erkunde es. Es ist kalt und die feuchte Luft zieht mir in die Klamotten. Es ist nicht völlig still in dem alten Hotel. Es plätschert, knarrt und knaxt unentwegt. Ich halte einige Male inne und versuche zu erlauschen, ob die Geräusche natürlich sind, oder ob sich noch jemand in dem Gebäude befindet. Der Auslöser meiner Kamera klingt mir zu auffällig in der Geräuschkulisse, ebenso meine Schritte auf dem durchnässten Holzboden mit all den Scherben. Meine Lust einem verirrten Gast der letzten NPD-Tagung zu begegnen tendiert gegen Null. Hin und wieder schaue ich, ob mein Auto noch vor dem Hotel steht und ob dessen Scheiben noch ganz sind.
Ich habe im Nachhinein gehört, dass da oben wohl fast immer Nebel ist. Übrigens gibt es auch eine Geschichte, die sich in Neumarkt zu dem Hotel erzählt wird: Früher, vor wenigen Jahrzehnten, soll es in der Nähe eine geschlossene Anstalt für psychisch Kranke gegeben haben. Eines Tages ist dort jemand ausgebrochen und zum Hotel gelaufen. Es war ein Samstag Abend, gegen 20 Uhr, alle Gäste saßen beim Essen. Der Entflohene ging in das Hotel, in die Küche und schlachtete alle Gäste und alle Angestellten mit einem großen Küchenmesser grausam ab und tötete sich danach selbst. Niemand weiß warum. Seitdem, wenn man Samstag Abend zur Uhrzeit des fürchterlichen Geschehens im früheren Speisesaal steht, soll man die Teller der Ermordeten sehen können und ihr Schreien hören…
Danke an Lisa. Auch für die Schauergeschichte.
Update
Mehr Fotos vom Hotel Berghof von Danko.Green auf flickr
Quelle Fotowalk
Das Gebäude des ehemaligen Quelle-Großversandhauses und -Kaufhauses in Nürnberg prägt nicht nur optisch fast den ganzen Westen Nürnbergs, es ist auch emotional sehr aufgeladen. Fast jeder kennt das Bauwerk. Viele waren drin um einzukaufen oder um dort zu arbeiten und jeder hat eine Meinung zu dem beigen Backsteingemäuer. Ein lohnendes Ziel also für eine Fotosafari.
Und so begab es sich, dass sich eine nicht ganz kleine Gruppe aus (Hobby-)Fotografen zusammenfand, und durch das mehr oder weniger leerstehende Quellegebäude stöberte. Ich hatte im Vorfeld über Facebook und via Twitter zu der Begehung eingeladen. Viel Werbung für den Fotowalk habe ich nicht gemacht, dennoch sind 16 Leute zusammengekommen, um das zweitgrößte leerstehende Gebäude Deutschlands (nach dem alten Flughafen Tempelhof in Berlin) in seinem Dämmerzustand zwischen Leben und Tod zu erkunden. Die Tour war angemeldet und offiziell genehmigt und so wurde die Gruppe auch von einem Werksfeuerwehrmann aus Quellezeiten begleitet, der neben Türen öffnen auch aus dem Nähkästchen plaudern konnte. Auch ein dickes Dankeschön geht an Sabrina Bohn, denn ohne ihre Begleitung wäre die Tour weder möglich noch inhaltlich so interessant gewesen.
Ich möchte hier aber den Fokus auf die Bilder denn auf die Geschichten legen, denn wegen denen waren wir dort. Hier in diesem Blogpost möchte ich meine Fotos der Tour präsentieren, weiter unter folgen Links zu den Bildern die von anderen Teilnehmern gemacht wurden, sofern dieses auch frei im Internet verfügbar sind. Viel Vergnügen!
Technik: Canon EOS 550D 50mm f/1.8 und 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind manchmal gecropped und farblich kaum bis etwas nachbearbeitet.
Die Fotos der anderen Teilnehmer
Einige der Teilnehmer haben ihre großartigen und sehr unterschiedlichen Fotos dieser Tour ins Internet gestellt.
Hier die Liste mit Links zu ihren Galerien:
- 1. Nordbayerischer Amateurfotoclub e.V.
- Matthias Merz Photography
- Marco Wenzel – Panoramafotos und “normale” Fotos
- René Rdmsky – analog
- Sarah Sternkopf – Architektin
- Tobias Klink & Lisa Hahn – nordbayern.de
Die Liste wird aktualisiert, sobald neue Galerien weiterer Fotografen online gehen.
Gentrifizierung in Istanbul
Bei meinem letzten Istanbulbesuch kam ich nicht umhin, einen mir bis dahin unbekannten Stadtteil zu besuchen. Zwar kenne ich Taksim (bzw. Beyoğlu) ein bisschen, aber auf die Idee den Tarlabasi Boulevard in Richtung Norden zu überqueren, bin ich nie gekommen. Erst ein Bericht in dem Videoblog “Orient Express“ machte mich auf Tarlabaşı aufmerksam. Ein Stadtteil für Arme, Flüchtlinge oder Randständige (insbesondere Kurden) im Zentrum Istanbuls, dem eine komplette Aufwertung und Umgestaltung bevorsteht. Investoren haben offenbar die Lage und den Wert des Viertels erkannt und bereits große Werbetafeln aufgestellt die nicht nur zeigen, wie das Quartier mal aussehen soll, sondern auch den Blick auf die ramponierten Häuser versperren.
Beyoğlu ist quasi das Zentrum des modernen Istanbuls und zeichnet sich durch sehr geschäftige und lebendige Straßen aus. Insbesondere in den Nebenstraßen und Gässchen steppt nachts der Bär. Es gibt unzählige sehr volle (musikalisch allerdings tendenziell einfältige) Bars und Clubs und viele hübsche Menschen der betuchten Mittelschicht. Die İstiklal Caddesi ist eine funkelnde Einkaufsmeile par Excellence, in der man schnell vergisst, bzw. nicht mal ahnt, dass nur wenige hundert Meter weiter, getrennt durch eine große, stark befahrene Straße, sich ein komplett anderes Bild bietet. Keine funkelnden Läden mehr, keine Bars, keine gestylten Menschen. Dafür viele alte Häuser, oftmals ramponiert und eingestürzt. Es müffelt in den Straßen, Müll liegt rum. Als Fremder ist man schnell enttarnt, denn Touristen sichtet man nicht in den Straßen.
Wir trafen uns mit Sila, einer türkischen Freundin aus Istanbul. Sie kannte Tarlabaşı selbst auch nicht und war auch neugierig auf die Erkundung und wir wollten nicht ohne eine Dolmetscherin nach Tarlabaşı. Auf dem Weg zu unserem Treffpunkt am Taksim Sqare wurde sie vom Taxifahrer vor dem Besuch des Viertels gewarnt. Es sei viel zu gefährlich. Gut, wir schnallten die Rucksäcke nach vorne, kontrollierten die Reisverschlüsse und gingen vorbei an Prostituierten in die ersten nach Urin riechenden Straßen.
Die ersten Fotos entstanden dann auch etwas heimlich und zögerlich, aber nach den ersten Begegnungen mit den Einheimischen legte sich die Mulmigkeit. Eine sehr offenherzige und redegewandte Türkin dabei zu haben erwies sich als Glücksgriff. Wir wurden angesprochen und Sila ging souverän mit den Leuten um. Zwar erinnerte sie uns öfter doch auf unsere Taschen zu achten, aber zugleich wurden wir beim Fotografieren von Kindern umtanzt und auf Gebäude aufmerksam gemacht und manche posierten auch für uns.
Ein spannender Fotowalk und vielleicht Fotos, die es so in Tarlabaşı bald nicht mehr geben wird. Die ersten Häuser sind schon saniert und warten auf neue Bewohner. Die bisherigen werden sich diese Wohnungen in ihrem Viertel bald nicht leisten können. Ob dann noch Mädchen mit Luftballons auf Balkons für Fotos posieren werden, wage ich zu bezweifeln.
Technik: Canon EOS 550D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind manchmal ein wenig gecropped und farblich gar nicht bis mittelstark nachbearbeitet um die Kontraste und die noch vorhandenen Farben der Häuser hervorzuheben.
Gastspiel in einem Mietshaus in Fürth
Durch den werten Herrn Weber von eyeshots.net bin ich überhaupt erst auf diese kleine Perle aufmerksam geworden. An der Stadtgrenze bzw. im Niemandsland zwischen Nürnberg und Fürth steht seit ca. zwei Jahren ein Wohn-/Mietshaus leer welches im Rahmen des Gastspiels 2012 von Künstler und Kreativen okkupiert wurde und dieses Wochenende für den Besucher freigegeben ist.
Raummalerei ab dem 19.10. Stadtgrenze Nürnberg/Fürth. #kunst twitter.com/srbanister/sta…
— Sugar Ray Banister (@srbanister) Oktober 11, 2012
Völlig wunderbar ist diese Wechselwirkung aus Kunst und der oftmals noch vorhandenen biederen Wohnungseinrichtung und Gestaltung die teilweise bewusst in die Ausstellung der verschiedenen Künstler mit eingebaut wurde. Ein Großteil der Wohnungen und Zimmer waren zugänglich und es gab somit Einblicke in die Hinterlassenschaften der ehemaligen Bewohner. Ich hab mich beim Besuch Freitagnacht fast lieber mit dem Gebäude als mit der Ausstellung beschäftigt. Da war z.B. die Wohnung mit den vergilbten Tapeten auf der noch die Umrisse von Bildern zu erkennen waren die dort Jahrzehnte gehangen haben müssen. Oder die ausgetretenen Teppiche und aus der Mode und Zeit gefallenen Einrichtungsgegenstände und Verzierungen. Ein anderes Zimmer im Gebäude wurde so gestaltet, als wäre es das Jugendzimmer eines Bundeswehrsoldaten gewesen und Christian Weber hat seine Räume gleich komplett mit künstlichen Schatten ausgestattet. Sehr schön, aber nicht von allem habe ich Fotos gemacht.
Und noch was ist mir aufgefallen: das Publikum war angenehm schräg, schrullig und authentisch. Wenn die Lokalpresse was vom hippen Fürth schreibt, dann hat sich das an diesem Ort manifestiert. Meine Fotos geben das nicht sonderlich gut wieder, weil sich Gespräche und spontan entwickelnde Szenen nun mal schlecht fotografieren lassen und ich lass die Kamera auch gerne mal weg wenn sich was ulkiges entwickelt. Man muss ja nicht immer alles dokumentieren. Ich hab mich beim Knipsen lieber auf die Räume konzentriert wenns mal etwas ruhiger war.
Urban Exploration durch Jonathan Danko
Urban Exploration wird in Nürnberg, wenn nicht gar in ganz Bayern etwas unzureichend betrieben. Bekanntere Protagonisten oder Publikationen dieser Szene oder dieses Betätigungsfeldes kann man mit der Lupe suchen. Das mag daran liegen, dass entdeckungswürdige Orte und Gebäude ziemlich aus dem öffentlichen Stadt- und Landschaftsbild verschwunden sind und sich somit nicht sonderlich viele Orte auftun um so ein Hobby überhaupt zu entwickeln oder aktiv betreiben zu können. Meine persönlichen Urban Exploration Aktivitäten sind hier im Blog dokumentiert und stießen recht bald an Grenzen. Geniale Areale wie der Milchhof am Wöhrder See sind verschwunden und bis auf das Volksbad scheint es nicht mehr sonderlich viel zu geben.
Aber wenn man so denkt, dann kennt man Danko nicht. Selbst der Ästhetik des Verfallenen verfallen stöbert er immer wieder interessante und vergessene Orte in Nürnberg und Umgebung auf. Fotos seiner Erkundungen werden über sein Blog und Flickraccount publiziert. Dazu gesellen sich dokumentarische Arbeiten über Abrissarbeiten und Stadtumgestaltungen und man erfährt von ihm viel über die Hintergründe zu solchen Bauvorhaben.
Grund genug ihm ein paar Fragen zu stellen.
Bitte stell Dich kurz vor.
Hallo ich bin Jonathan, 24 Jahre alt und wohne seit etwa 4 Jahren in Nürnberg.
In meiner Freizeit fotografiere ich recht viel und arbeite in längeren Abständen immer wieder an meinem Blog.
Damit begonnen habe ich etwa vor 2 Jahren als bei mir in der Straße eine alte Fabrik abgerissen wurde. Es war die alte Fleischmann Fabrik in Johannis welche mir damals irgendwie besonders am Herzen lag. Das Gebäude war die erste Fabrikgebäude der Firma Fleischmann und strahlte eine tolle Atmosphäre aus.
Ich fand es von Anfang an faszinierend und wollte es zumindest auf Foto noch für die Zukunft erhalten. Mit dem bevorstehenden Beginn der Abrissarbeiten am alten Tuchergelände in der Nürnberger Nordstadt kam mir damals dann die Idee zu meinem Blog.Warum fotografierst Du? Seit wann und welche Motive?
Ich fotografiere seit etwa 2 Jahren regelmäßig. Dabei haben es mir vor allem verlassene und dem Verfall preisgegebene Gebäude, die Architektur sowie Abriss- und Bauarbeiten besonders angetan. Ich fotografiere weil es mir sehr viel Spaß macht und weil ich die Veränderung der Stadt und ihrer Gebäude dokumentieren und Vergessenes und Verborgenes zugänglich und erfahrbar machen möchte.Wann fotografierst Du? Hast du genaue Vorstellungen, wartest du auf gewisse Situationen oder passiert es einfach?
Da gibt es keine feste Regel. Mal so mal so. Tendenziell geh ich aber eher spontan auf Tour und lass mich vor Ort von der Situation überraschen.Viele deiner Fotos zeigen ein Bild von Nürnbergs Verfall, Abbruch, den vergessenen Orten aber auch von Erneuerung. Wie kommst Du auf diese Ansichten und warum?
Die Stadt befindet sich im stätigem Wandel, vieles verändert sich rasant und einmal Verschwundenes gerät schnell in Vergessenheit. Ich möchte mit meinem Blog und meinen Fotos ein Teil von Nürnberg dokumentieren den ich sehr spannend finde und hoffe das er so noch in vielen Jahren erfahrbar und erreichbar bleibt.Gibt es Fotografen die Dich inspirieren oder beeinflusst haben?
Hm, gute Frage. Ich achte meisten nicht auf Namen, weshalb ich hier keine Fotografen nennen kann. Es gibt aber eine Menge Fotos die mich inspirieren und beeinflussen. Ich mag es sehr gern mich durch unterschiedliche Fotobücher oder Fotosets im Internet zu arbeiten und zusehen worauf andere Fotografen so achten und was und wie sie etwas zeigen.Möchtest du etwas mit Deiner Fotografie erreichen und wenn ja, was?
Das sich Menschen in Zukunft sich ein gutes Bild darüber machen können wie sich bestimmte Gebäude, Orte oder Plätze im laufe der Zeit gewandelt haben und wie einzelne verschwundene Gebäude einmal im Detail mal aussahen.An welchen Projekten arbeitest Du gerade?
Oh an viel zu vielen gleichzeitig …
Momentan ist die Situation so, das ich zwar sehr viel zum Fotografieren komme dafür aber weniger zum schreiben und verarbeiten der Fotos.
Anfang August war ich in Barcelona unterwegs kurz vorher in Thüringen und im Juni habe ich alte Bunker und Wehranlagen aus dem ersten Weltkrieg in den Dolomiten besucht.
In Nürnberg beschäftigen mich momentan vor allem die Quelle, das Hotel Deutscher Hof, die Bunkeranlagen und noch ein paar kleinere Gebäude.
Online gibt es bisher aber nur einige Fotos von der Quelle.Auf welches Projekt oder auf welche Arbeit bist zu besonders stolz?
Auf die Dokumentation der Tucherbrauerei in Nürnberg und die anschließenden Abrissarbeiten.
Über 1 Jahr war ich dort unterwegs und habe dabei sehr viel gelernt.
Eine Auswahl von Dankos Fotos
Quelle
Seit Februar bin ich regelmäßig in der Quelle und verbringe dort viel Zeit. Es ist ein spannender Ort an dem gerade viel Neues entsteht und passiert, voller Atmosphäre und Geschichten.
Vor wenigen Jahren noch Arbeitsplatz von über 7000 Menschen und jetzt ein Spielplatz für viele Junge Menschen.
Die Bilder oben sind im Mai entstanden als das Wetter gerade mies war und das Gebäude ziemlich surreal aussehen lies.
Gerade arbeite ich an einem Artikel für meinen Blog über das Gebäude.
Möbel Quelle
Nur einen Steinwurf vom Quelle Hauptversand entfernt stand bis vor kurzem die Möbel Quelle.
Das Gebäude alleine war nicht so spannend. Dafür aber die Geschichte des Grundstückes und der Abriss des Gebäudes.
Ich bin immer wieder von Abbrucharbeiten fasziniert.
Davon wie sich das Gebäude in kürzester Zeit verändert, wie die Dinosaurier ähnelnden Maschinen sich durch Gebäude fressen und von den Motiven die entstehen und nur für einen kurzen Moment bestehen bleiben.
Müll-Schwelbrennanlage
Ziemlich cooles Teil. Steht nach nur einem Jahr in Betrieb seit 1998 leer und rostet langsam vor sich hin.
Straßenbahndepot Muggenhof
Die Fotos zeigen 2 Hallen des ehemaligen Straßenbahndepots in Muggenhof.
Das unter Denkmalschutz stehenden Gebäude steht seit 2003 leer und zieht mich immer wieder an.
Beim Fotografieren dort begleitet mich immer ein Arbeiter der dort über 30 Jahre lang gearbeitet hat und eine Menge spannender Geschichten von dort zu erzählen hat.
Bunker unter der Stadt
Die Bunkeranlagen unter der Nürnberger Altstadt wirken oft surreal und lassen in einem immer wieder das Gefühl aufkommen auf einem anderen Planeten zu sein.
Total verrück, spannend, entspannend und beim Gedanken an deren Vergangenheit, auch mal bedrückend.
Bin immer wieder gerne dort.
Wasserturm der Tucher Brauerei
Neben dem Sudhaus, das einzigen was von der alten Brauerei übrig geblieben ist.
Er hat maßgeblich dazu beigetragen das ich meine Höhenangst überwunden habe unbehütet einen sehr schönen Ausblick auf Nürnberg.
Die Fotos oben zeigen den Turm nach dem Abriss der Brauerei. Innen entkernt wartet er nun auf einen neuen Anbau und seine Sanierung.
Tucher Brauerei
Seit nun bald 2 Jahren dokumentiere ich die Veränderungen auf dem Tucher Gelände und es zieht mich immer noch an.
Anfangs war es die Unberührtheit und die Ruhe auf dem Gelände die mich immer wieder anzog. Die Gebäude waren größtenteils noch voll eingerichtet und standen seit Jahren leer. Der Verfall der Gebäude war bereits weit fortgeschritten.
Ich kam mir manchmal vor wie auf einer Zeitreise oder einen verlassenen Planeten wenn ich hier durch die Gänge und über das Gelände streifte.
Später brachten mich die Abrissarbeiten regelmäßig auf das Gelände und nun die Bauarbeiten welche weiterhin für einen stetigen Wandel auf dem Gelände sorgen.
Volksbad
Stadtbekannt und immer wieder interessant.
Zuckerbär
Hier hab ich mich auch gerne aufgehalten. Das ganze Areal war von Kletterpflanzen zugewuchert und wirkte sehr verwunschen.
Wie man auf dem Foto gut sehen kann war der Verfall der Fabrik damals bereits sehr weit fortgeschritten.
Auf dem Gelände entstehen momentan Wohnhäuser.
Mehr Fotos von Jonathan Danko gibts auf seinem Flickraccount und zusammen mit hintergründigen Informationen in seinem Blog.
Danke fürs Interview! :)
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