Fotografie von Marco Wenzel
Lange Zeit nur virtuell über Twitter vernetzt war das erste Treffen mit Marco und mir dann direkt ein sehr fruchtbares. Das erste Treffen war der Fotowalk im Quelle Gebäude und das war nicht irgendein Fotowalk, denn es entstand daraus die vielbeachtete Großversandhausfotografie im April in der Weinerei. Marco war mit unter den Teilnehmern beim Walk und später dann mit seinen großformatigen Panoramen auch bestaunter Aussteller im Rahmen der Sammelausstellung. Als Freund der urbanen Fotografie und mit seinem in Panoramafotos verewigten Blick auf Räume und Landschaften darf ein größerer Hinweis auf ihn in diesem Blog nicht fehlen. Es wurde also Zeit für ein paar Fragen an Marco Wenzel aka @DerWenz. Bitteschön!
Bitte stell Dich kurz vor.
Ich bin Marco, 31 Jahre alt, Diplomingenieur. Ursprünglich komme ich aus Thüringen, doch schon nach dem Abitur hat es mich regelmäßig in unterschiedlichste Ecken Deutschlands verschlagen. Vor knapp drei Jahren bin ich dann in Nürnberg gelandet und es gefällt mir hier ganz gut. Ich könnte mir durchaus vorstellen, in dieser Region länger zu verweilen.Warum fotografierst Du? Seit wann und welche Motive?
Die Fotografie ist für mich ein reines Hobby. Es macht mir einfach Spaß loszuziehen und Dinge zu dokumentieren, außergewöhnliche Ansichten zu produzieren und mich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dies geschieht alles freiwillig, häufig auch spontan und hängt stark von Lust und Laune ab. Aufträge nehme ich nicht an – dann wäre es kein Hobby mehr, sondern Pflicht und würde jegliche Kreativität verlieren.
Auf meinen Internetauftritten ist ja nicht zu übersehen, dass mein Fokus ganz klar auf der Panoramafotografie liegt. Dazu kommen auch viele Konzert- und Festivalfotos, Makroaufnahmen, Architektur- und Tierbilder. Kurz gesagt, ich mag es gerne extrem. Solche Dinge wie Weitwinkel, lange Belichtungszeiten, wenig Licht, kurze Distanzen oder einfach ganz ungewöhnliche Perspektiven begeistern mich immer wieder. Langweilen tun mich hingegen Models in Studios mit Blitzanlagen oder sonstiger gestellter Schnickschnack.Wann fotografierst Du? Hast du genaue Vorstellungen, wartest du auf gewisse Situationen oder passiert es einfach?
Das kommt immer darauf an. Beispielsweise ist es bei Panoramafotos häufig notwendig, optimale Lichtsituationen zu haben, um die gewünschten 360° auch gut und gleichmäßig auszuleuchten. Dann kommt es durchaus vor, dass ich mir gezielt eine bestimmte Tageszeit und das richtige Wetter aussuche und dann vor Ort auch eine Weile brauche, bis alles im Kasten ist. Eine Vorstellung vom Endergebnis habe ich eher selten, da das menschliche Auge nur einen Blickwinkel von etwa 150° hat. Somit ist es schwierig, sich eine 360° Ansicht im Kopf “zusammen zu setzen”.
Ich verabrede mich außerdem gerne mit anderen Fotografen, um Fototouren zu machen auf denen wir dann bestimmte Motive im Fokus haben. Andererseits habe ich die Kamera oft auch einfach dabei und fotografiere spontan, was mir vor die Linse kommt. Dies führt natürlich dazu dass man nicht immer optimale Bedingungen vorfindet und sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen muss.Du hast dich unter anderem auf Panoramen spezialisiert, extrem weitwinklige Fotos bis hin zu 360° Panoramen. Warum?
Angefangen hat alles mit einem Urlaub an der Nordsee. Ich wollte das Meer fotografieren und bemerkte, dass ich den gewünschten Bildausschnitt nicht mit einem Foto abdecken konnte. Daraufhin machte ich mehrere Einzelaufnahmen von links nach rechts, welche ich später am PC “von Hand” zusammensetzte. Die dabei entstandene 180° Ansicht hat mich fasziniert, weil man sowohl das gesamte Meer, als auch Teile vom Strand sehen konnte, ohne den Kopf drehen zu müssen.
Heute mache ich meine Panoramen mit vielen tollen Hilfsmitteln, wie einem entsprechenden Stativkopf, Weitwinkelobjektiven und leistungsstarker Software. Somit komme ich schneller und effektiver zu präzisen Ergebnissen. Die Faszination und Spannung bleibt aber trotzdem erhalten, denn man weiß nie, wie das zusammengesetzte Resultat aussehen wird, wenn man auf den Auslöser drückt.Und warum verzichtest du weitgehend auf Menschen in Deinen Bildern?
Bei vielen Panoramaaufnahmen wirken sich Menschen eher “störend” aus. Durch die vielen Einzelbilder können Personen, die in Bewegung sind, beim Endergebnis mehrfach oder als “Geister” mit fehlenden Körperteilen auftreten. Außerdem mag ich gerade die sehr technische Darstellung von Panoramen. Das heißt, gerade Linien, große Flächen und viel Symmetrie bestimmen das Bild. Auch hier würden Objekte wie Menschen, Autos oder Tiere eher störend wirken.
Bei meinen Konzertfotos hingegen sind fast ausschließlich Menschen zu sehen. Gerade bei größeren Veranstaltungen, wie Open Air Festivals, mag ich es, auch Besucher und das “drumherum” zu fotografieren, um die Stimmung einzufangen.Gibt es Fotografen die Dich inspirieren oder beeinflusst haben oder ging das alles von selbst los?
Es gibt zahlreiche Fotografen, von denen ich Tipps und Tricks erlernt habe oder die mir bei technischen Fragen zur Seite standen. Was die Wahl meiner Motive und die Bildgestaltung angeht, hatte ich schon immer meinen eigenen Kopf. In dieser Hinsicht möchte ich mich auch nicht beeinflussen lassen. Trotzdem schaue ich mir täglich die Bilder von anderen Fotografen auf deren Webseiten, Blogs und Community-Profilen an. Wenn ich Zeit dazu habe, gebe ich gerne auch ehrliches Feedback und freue mich auch über eben jenes. Konstruktive Kritik ist mir dabei lieber als Lobeshymnen.Möchtest du etwas mit Deiner Fotografie erreichen und wenn ja, was?
Grundsätzlich verfolge ich mit meinem Hobby kein konkretes Ziel. Im Endeffekt ist es ein Zeitvertreib, der mir viel Spaß bereitet. Natürlich freue ich mich, wenn anderen Menschen meine Bilder gefallen. Und ein bisschen Stolz bin ich, wenn die Fotos in den Medien oder auf einer Ausstellung gezeigt werden. Außerdem finde ich es gut, wenn ich weitere Fotografen mit meiner Panoramanie anstecken kann.An welchen Projekten arbeitest Du gerade?
Ich habe für dieses Jahr einige “Lost Places” auf dem Schirm – der Besuch des Quelle Gebäudes Ende letzten Jahres und der große Umbau des Z-Baus haben mein Interesse an solchen Themen geweckt. Außerdem plane ich, sofern denn nun endlich mal das Wetter etwas sommerlicher wird, wieder das ein oder andere “Postkarten”-Foto von Nürnberg zu machen. Dabei sollen nicht die Hauptattraktionen im Vordergrund stehen, sondern die kleinen aber feinen Plätze am Rande der großen Touristenmeilen betrachtet werden.Auf welches Projekt oder auf welche Arbeit bist zu besonders stolz?
Hier kann ich keine Konkrete Aussage machen. Ich bin immer stolz, wenn ich mich ein wenig weiter entwickle und Dinge besser mache. Dies können ganz kleine technische Handgriffe sein oder eben die Tatsache, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Aber auch Projekte, die sehr arbeitsintensiv sind, bringen ein gutes Gefühl, wenn ich sie erfolgreich vollende.
Eine Auswahl von Marcos Fotos
Regensburg Skyline
Eines meiner Lieblingsbilder und ein klischeehaftes “Postkarten”-Panorama. Hier galt die Devise, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Der Mondaufgang und der goldene Sonnenuntergang zur gleichen Zeit waren schon echter Zufall. Zudem waren die Wochen vorher extrem trocken, sodass die Donau sehr ruhig floss und die Spiegelung der Gebäude entsprechend gut sichtbar machte. Das Bild besteht aus 10 Einzelaufnahmen und zeigt einen Blickwinkel von gut 200°.
Little Planet Nürnberg
Hier ist der Hauptmarkt Nürnberg an einem Freitagabend im Mai zur blauen Stunde zu sehen. Viele Leute fragen mich, warum auf dem Bild keine Menschen zu sehen sind, obwohl die Aufnahmen gegen 21 Uhr entstanden. Ganz einfach: Bei einer ausreichend langen Belichtungszeit (hier etwa 5s) werden bewegte Objekte unsichtbar oder höchstens noch als Schatten dargestellt. Der Planeteneffekt entsteht, wenn man das aus 14 Einzelfotos zusammengesetzte 360×180° Bild in stereografischer Projektion betrachtet.
CPO Sex
Dies sind meine beiden (ehemaligen) Mitbewohner beim Liebesspiel. Die Besonderheit daran ist, dass der Orange Zwergflusskrebs (Cambarellus patzcuarensis sp. orange – CPO) sich häufig nur Nachts paart. Ich hatte das Glück, die beiden tagsüber beobachten zu können. Außerdem sind sie jeweils nur 3-4 cm groß – durch die Aquarienscheibe hindurch ist es also nicht ganz einfach, die Tiere in einer guten Qualität abzulichten.
Low Frequency Assault 2012
Dieses Foto entstand bei der letzten großen Veranstaltung der Jungs von “Doom over Nürnberg” Ende 2012. Es zeigt den Sänger der Doom-Metal Band “Kalmen”. Das Bild hat für mich sehr emotionalen Wert, da dies die letzte Band des Abends und somit das letzte offizielle Highlight im alten Kunstverein vor der großen Umbaupause war. Der gesamte Z-Bau in der Frankenstraße und somit auch der Kunstverein sind aktuell leer geräumt und werden in den nächsten zwei Jahren renoviert. Leider gibt es in dieser Zeit keine Ausweichmöglichkeit für die zahlreichen Underground-Konzerte und Subkulturen. Das Foto wurde mit einem 8 mm Fisheye-Objektiv geschossen. Es spiegelt meines Erachtens die düstere und tieftraurige Musik gut wieder und stimmt ein bisschen melancholisch bei dem Gedanken an einen der besten Clubs in Nürnberg.
U-Bahnhof Fürth Hardhöhe
Als Mitglied im 1. Nordbayerischen Amateurfotoclub e.V. habe ich letztes Jahr die Idee gehabt, die U-Bahnhöfe in Nürnberg und Fürth zu fotografieren. Das haben wir mit einigen Mitgliedern kurzerhand zu einem Projekt gemacht und wollen jetzt jedes Jahr im Winter (wenn man draußen nicht gut fotografieren kann/will) eine der U-Bahnstrecken fotografieren. Dieses Jahr war die Strecke Fürth Hardhöhe – Nürnberg Hauptbahnhof an der Reihe. Das Bild entstand aus 12 Einzelaufnahmen.
Mehr Fotos von Marco Wenzel gibts auf seinem Blog und auch in der Fotocommunity.
Danke fürs Interview! :)
Bamberg Exkursion
Bamberg ist jetzt das zweite UNESCO Weltkulturerbe innerhalb kurzer Zeit hier im Blog. Eine ungewöhnliche Häufung. Und nicht nur das; dieses hier ist auch tendenziell ähnlich mit Graffiti und Streetart durchsetzt wie die Völklinger Hütte. Würde man kaum vermuten bei einem so erzkatholisch geprägten Städtchen wie Bamberg. Aber die hohe Studentendichte sorgt offenbar dafür, dass es eine gesunde Portion Rebellion im Stadtbild gibt.
Die weiter unten folgenden Fotos sind im Rahmen eines Fotowalks entstanden. Die Idee war, das touristisch komplett erschlossene Städtchen „von hinten“ zu erkunden. Zwar schon innerstädtisch, aber dennoch weg von den Touristenpfaden. So gut das halt geht in einem touristischen Ort. Zwei befreundete Bambergerinnen wurden engagiert eine kleine Gruppe an Leuten durch ihr mehr oder weniger alltägliches Bamberg zu führen.
Was in Bamberg sofort auffällt sind die vielen Leichen in den Straßen. Als aufgeklärter Mitteleuropäer mit wenig Interesse an Geschichte kann ich den folgenden Umstand nicht anders interpretieren. Denn da kommt man wirklich auf die Idee, tote, halbnackte, an Holz genagelte Männer gut sichtbar und schmückend im kompletten Stadtbild zu verteilen. Eine bizarre Szenerie, die offenbar kaum jemanden stört. Ich kam mir jedenfalls etwas vor wie in einem Zombiefilm.
Geschichtliche bzw. religiöse Traditionen leben in Bamberg offenbar recht nah an der zeitgenössischen Realität. Zu sehen ist das vielleicht nicht so direkt, aber das schöne bei Touren mit einheimischen Guides sind nicht nur die kleinen Geheimtipps, sondern auch die Stories aus dem Alltag. Und Alltag ist kein Spaß in Bamberg, insbesondere nicht für hübsche Studentinnen. So war z.B. zu vernehmen, dass der Pöbel auf der Straße gerne mal maßregelnd zur Wortkeule greift, wenn der Rock zu kurz ist, das Kleid zu bunt, der Mund zu offen oder die Gerüchte vom letzten Wochenende zu obszön. Auch werden krasse Verstöße gegen Recht und Ordnung, wie das unerlaubte Überqueren einer Straße bei rotem Ampellicht, mit verbaler lebendiger Häutung geahndet. Solche Geschichtchen passen wunderbar in mein Bild einer katholischen Enklave.
Es ist natürlich nie gut sich als Tourist zu outen. Wo auch immer. Mit einer dicken Kamera vorm Bauch konnte man aber den Eindruck, ein Tourist zu sein, an diesem Tag nur schwer unvermittelt lassen. Und so kam es dann wirklich zu der Situation von Anfeindungen am helllichten Tag. Mitten auf einem verkehrsberuhigten Weg in unmittelbarer Ufernähe mussten wir uns von einem älteren Autofahrer beschimpfen lassen, der Verzögerungen bei seiner Reisetätigkeit nicht hinnehmen wollte. Wir stünden im Weg. Eine weitere Passantin schaltete sich geistesgegenwärtig ein und gab uns zu verstehen, dass man als Tourist auch in Bamberg nicht alles dürfe, vor allem nicht dort sein. An Touristenfeindlichkeit kann Bamberg locker mit Berlin mithalten.
Aber Bamberg hat auch schöne Ecken. Wir haben es hier in der Tat mit einem Städtchen mit Flair zu tun. Es drücken sich leicht Tränen in die Augen wenn man sich vorstellt, wie Nürnberg heute aussehen könnte, wäre das Stadtbild nicht kriegerischen Aggressionen und geschmacklosem Wiederaufbau ausgesetzt gewesen. Selbst abseits der Touristenpfade zeigt sich die Stadt nicht wirklich unhübsch. Und es zeigt sich ein gewisser Hang zu Graffiti und Streetart. Sind mir bei einem Besuch vor Jahren bereits kleinere Werke in den Gassen aufgefallen, so wurden uns auf unserem Walk noch weitaus größere Arbeiten offenbar. Bamberg hat nur ein Siebtel der Größe Nürnbergs, aber gefühlt doppelt so viel Urban Art im öffentlichen Raum, selbst in der Altstadt. Und das in einem katholisch geprägten Nest! Das protestantische Nürnberg darf sich da gerne mal eine Scheibe abschneiden.
Es folgt eine Bilderserie des Fotowalks. Danke an Manu und Niko!
ps: Nürnberg hat nach wie vor kein When you really live in… -Tumblr, Bamberg dagegen schon.
Ein neues SimCity
Vielleicht war es sogar das gute alte SimCity das in mir den Hang zum Urbanismus weckte. Lange bevor ich mit Kameras durch Seitenstraßen huschte, verbrachte ich Tage und Nächte um mich mit den Wünschen und Sorgen pixeliger Bewohner meiner Stadt und ihrer Infrastruktur zu kümmern. Ich kenne allerdings nur die ersten Versionen dieses genialen Spiels. SimCity 2000 habe ich exzessiv gezockt. Insbesondere die ganzen Ableger die dann später alle kamen waren wenig interessant und dann wurde es auch irgendwann ruhig um das Spiel. Bis jetzt. Wie Heise berichtet ist ein neues SimCity im Anmarsch und ein Gameplayvideo zeigt wie es aussehen könnte. Und ja, es hat diesen Charme von damals mit der Technik von heute. Wenn schon die reale Stadt um einen rum nicht sonderlich hübsch ist, kann man ja mal versuchen es im Spiel etwas besser zu machen.
Meanwhile in Nürnberg (13)
Nüchterne deutsche Nachkriegsarchitektur. Nürnberg.
Das Bild von Wien
Jetzt war ich schon so oft in Wien, Sommers wie Winters, und habe noch nie was drüber geschrieben. Soll jetzt nachgeholt werden. Allerdings fehlt nun ein wenig das belegbare Vorher-/Nachherbild, denn Wien hat sich etwas verändert, oder zumindest hat sich die Wahrnehmung von Wien verändert.
Früher, also vor ein paar Jahren erst, war mein Wienbild relativ stark mediengeprägt. Wenn man sich in Bayern befindet, dann ist man medial eher auf Entzug und muss z.B. bei Interesse an Popkultur, Hintergrundinfos oder Selbstironie auf FM4 ausweichen, also auf den 24h Zündfunk. Obwohl das auch nicht mehr stimmt. Der Zündfunk ist ja arg alt geworden. Bayerisches Radio ist ansonsten praktisch nicht hörbar, Fränkisches noch weniger. Die leider allgegenwärtige heimelige und belanglose Dudelfunkigkeit ist abstoßend. Zum Glück gibt’s Internet und Streams.
So rund um die Mitte der Nullerjahre habe ich dann auch sehnsüchtig auf jede neue Folge der Sendung ohne Namen im ORF gewartet. Mit ihr kam dann auch endgültig der ordentlich mit Randwissen angereicherte, mit Popkulturreferenzen verfeinerte und tendenziell intellektuelle Blick auf Wien. Und das sah gut aus! Wien selbst sah eh gut aus. Viel unzerbombte großbürgerliche Architektur aus der Kaiserzeit gepaart mit neumodischem Hauptstadtwahnsinn und dazwischen tolle entdeckenswerte Orte und Ecken. Und es kam auch einfach viel Spannendes und Interessantes aus dieser Stadt, u.a. so ein unfassbar schlaues und charmantes Fernsehformat wie die Sendung ohne Namen. Wien war das Berlin Bayerns. Und wenn ich da war, dann spürte ich das auch.
An dieser Stelle möchte ich dann auch kurz eine Folge der SoN einspielen, falls sie jemand nicht kennt oder sie in Vergessenheit geraten ist. Es ist natürlich die Folge über Wien.
Weiter mit Teil 2 und Teil 3. Ich erinnere mich an eine weitere Folge über bzw. in Wien. Und zwar eine, die komplett ohne Schnitt (eine SoN-Folge ohne Schnitt!) an einem Stück in den Innenbezirken der Stadt gedreht wurde. Eine Michel Gondry-eske Meisterleistung. Aber ich weiss nicht mehr welche Folge das war.
Aber ich schweife ab. Wo war ich gerade? Na jedenfalls hat sich das Bild von Wien gewandelt. Spätestens seit dem letzten Besuch in Mai. Es liegt vielleicht an der Berlinschablone die ich mittlerweile auf jeden Urbanen Raum lege und schaue, wie sich dieser im Vergleich so macht. Wien fällt da mittlerweile etwas ab, leider. Es wirkt allmählich konservativ, was mir früher nie aufgefallen war. Beispiel Museumsquartier. Das MQ hat sich nicht sonderlich entwickelt oder gewandelt. Was noch vor 5 Jahren sehr hip und weit vorne gewirkt hat, wirkt heuer etwas bemüht (ich mein das Areal an sich, einzelne Ausstellungen mögen immer noch großartig sein). Nicht falsch verstehen, es ist nach wie vor einer der besten Orte um stilecht abzuhängen, nen Gespritzten zu konsumieren und lustigen, interessanten und hübsche Menschen beim existieren zuzusehen. Es ist ein quirliger und wertiger Ort, gerahmt von Architektur, Kunst und Hedonismus. Vielen Städten fehlt so was. Aber nunja, der Retrospielekonsolenladen ist immer noch da und der Lomoshop auch. Alles wie schon seit Jahren. Was vor 10 Jahren vielleicht die Speerspitze von urbaner Kultur war, ist mittlerweile und in Zeiten von Instagram leider wirklich nur noch was fürs Museum. Es ist nicht mehr der Ort der Gegenwartskultur und der Impulse, der er mal war für mich.
Schlendert man etwas durch die Gassen der Bezirke, dann zeigt sich auch ein etwas gewandeltes Bild. Wien wirkt hochverdichtet. Das ist es sicherlich nicht erst seit gestern so aber hochverdichtete Städte nerven. Nürnberg hat dasselbe Problem. Die Straßen sind zu eng. Viel zu eng um mal Stühle rauszustellen oder um wenigstens ein bisschen mehr zu machen als Autos zu parken. Viele Straßen wirken sehr leblos und der Eindruck wird noch durch etliche leblose Fenster unterstrichen. Da sind viele dunkle Fenster mit alten Gardienen, ohne schmückendes Gedöns. Löcher in kahlen Räumen. Oftmals wirken komplette Gebäude einfach unbewohnt, aber man soll sich wohl nicht täuschen lassen: „Die Leute die dort wohnen, sind die ersten, die die Polizei rufen wenn irgendwas zu laut ist.“ Der Satz hämmert seitdem er gesprochen wurde mit aller Gewalt auf mein sorgsam gepflegtes Discowienbild.
Nun kenne ich jedoch nur die Ecken des ersten Bezirks und die der angrenzenden Bezirke. Mag sein, dass der 16. Bezirk jetzt wirklich brummt aber leider war ich da noch nicht. Der zweite brummt westlich vom Prater, anders als es die Gerüchte vermuten lassen, jedenfalls nicht nennenswert. Jedenfalls nicht sehr offensichtlich. Der 7. hat nach wie vor seinen Charme und vermag dieses gewisse laissez-faire zu versprühen. Bemerkenswerterweise wirkt diese Ecke auch seit Jahren unverändert. In Berlin hätte man ein solches Kiez in derselben Zeit dreimal durchgentrifiziert.
Zum Glück gibt’s den Donaukanal und da passiert dann auch das, was in gut sortierten Städten so passiert. Zwar schön ordentlich und aufgeräumt aber immerhin. Die Wände sind voll mit teilweise sehr großartigen Graffitis und dazwischen tummeln sich Bars und Clubs mit (manchmal) dufter Musik und Liegestühlen. Vom Donaukanal zeugen dann auch die meisten der folgenden Fotos. Wie ordentlich und aufgeräumt der Kanal trotz der subkulturigen Atmosphäre dann wiederum ist, zeigt das eine Erlebnis, als wir uns mit mehreren Leuten die Liegestühle etwas zurecht gerückt hatten um uns besser unterhalten zu können. Ein Barmann (mit Rastas, yo!) bat uns dann recht umgehend, die Stühle doch wieder so hinzuräumen, wie sie aufgestellt waren. Was wir dann auch murrend taten. In Wien hat einfach alles seine Ordnung zu haben.
Technik: Canon EOS 550D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind teilweise gecropped und farblich leicht nachbearbeitet.
Schöne Ecken
Kenner dieser Seiten werden es wohlmöglich mittlerweile bemerkt haben: hier werden die zwar hässlichen, aber deswegen nicht uninteressanten Ecken insbesondere von Nürnberg nach außen getragen. Und zwar mittels Fotografie. Wenn man so etwas tut oder auch rezipiert, dann beschäftigt man sich zwangsläufig mit einer Stadt. Man erforscht, entdeckt und interessiert sich für sie und ihre Ecken und Kanten. Unzulänglichkeiten werden kritisiert, dokumentiert, hervorgehoben und diskutiert, vielleicht auch mit dem Hintergedanken, dass mal etwas besser und angenehmer wird. Vielleicht macht’s aber auch einfach Spaß am Image zu kratzen. Wie auch immer.
Einen anderen, sehr interessanten Ansatz zum Thema Stadterforschung haben Helge Kletti und Cornelis Kater aus meiner alten Heimat Hannover bereits letztes Jahr gestartet. In ihrem exquisiten und schön subjektivem Podcast Schöne Ecken suchen sie nach „dem Wahren, Schönen, Lebenswerten und Gutem in unseren Städten“. Begonnen haben sie dann direkt mit dem hässlichen Raschplatz in Hannover, allerdings ohne da jetzt bis auf das Indiekino eine besonders schöne Ecke rauszuarbeiten (was auch schwierig ist). Sie sind mittlerweile aber auch in Berlin Kreuzberg/Friedrichshain unterwegs gewesen und haben aktuell die architekturbesessenen Spanier besucht.
Ich konnte z.B. der akustischen Tour durchs Wrangelkiez mit meinem geistigen Auge komplett folgen und habe fast jede Ecke wiedererkannt (inkl. Graffitis). In dem Podcast entdeckt man eine Stadt oder ein Kiez durch Leute, die dort leben und somit auf eine wahrhaftigere Art und Weise, als es jeder Touristenführer je könnte.
Ich bin gerade dabei, meine Heimatstadt akustisch neu zu entdecken und hoffe, dass noch viele weitere Städte folgen und vielleicht wäre ja auch mal Nürnberg eine Erforschung wert. Vielleicht findet man ja eine schöne Ecke ;)
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Quelle: Schöne Ecken Podcast
(via wir müssen reden. Auch so ein schöner Podcast.)
Umgestaltung
Fotos vom Gelände des ehemaligen Quelle Möbelhauses im Bereich Fürther Straße / Adam-Klein-Straße in Nürnberg Gostenhof. Auf dem Areal soll nun der zentrale Softwareentwicklerstandort der DATEV mit ca. 1.800 Büroarbeitsplätzen zuzüglich Software-Testplätzen sowie 850 Pkw-Stellplätzen (Tiefgarage/Parkhaus) errichtet werden.
Technik: Canon EOS 550D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind teilweise gecropped.
Nürnberg Impressionen #12
Edition Humboldtstraße
„Nürnberg in zwei Stunden? Schlendern Sie durch die Humboldtstraße in der Südstadt!“, steht wohl in noch keinem einzigen Reiseführer. Zu Unrecht, findet der Autor. Die Humboldtstraße flankiert fast das ganze südliche Zentrum der Stadt und schlängelt sich bzw. sticht durch verschiedene Quartiere und Epochen. Von West nach Ost geht’s von schlichter Arbeitersiedlung und Nachkriegsarchitektur, vorbei an Backsteinindustrie bis hin zu Jugendstilensemblen. Vieles hat zwar schon mal bessere Tage gehabt, aber das ist ja in Nürnberg auch allgemein so. Ist dennoch ein guter und facettenreicher Querschnitt durch die Stadt. Etwas verträumt mit vielen verschlossenen Fenstern, schmucklosen Fassaden und insgesamt wenig einladend. Könnte ein quirliges Kiez sein, ist es aber nicht. Da ist noch viel Platz für Cafés, Boutiquen und Straßenleben, gerade im östlichen Teil. Aber für einen Fotowalk ists genau richtig:
Die Fassaden in der ganzen Straße sind übrigens erstaunlich frei von Graffitis, Stencil, Stickern und ähnlichem. Etwas bedenklich in einem urbanen Quartier wie diesem. Lässt insgesamt auf älteres, regungsloses, wenig studentisches Publikum schließen. Da wird so schnell nix hippes draus. Gostenhof ist dagegen ja das Leben pur.
Technik: Canon EOS 1000D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind gecropped und meist farblich etwas nachbearbeitet.
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