“Jojacoma” denkt sich dieser possierliche Zeitgenosse im Schaufenster der Petzoltstraße In Gostenhof. Google verrät, dass es sich dabei um ein Illustratorenduo aus Nürnberg handelt. Allerdings wird auf deren Webseite eine andere Adresse angegeben. Was jetzt die Vermutung nahelegt, dass es sich bei dem Raum hinter dem Fenster um eine Ausstellung oder um Büroräume handelt. Beides wäre durchaus passend bei Illustratoren. Galerieräume sind in dieser Ecke zudem keine Seltenheit. Vielleicht findet jemand da noch genaueres raus. Jedenfalls sieht’s sehr schön aus. Ein auffälliger Farbklecks, der auch ein Graffiti hätte sein können, so aber ein gesellschaftlich akzeptierter und vermutlich auch mit längerer Halbwertszeit ausgestatteter Hingucker ist, in einer sonst eher tristen und bürgerlichen Wohnstraße.
Als ich damals in Hannover noch Nachmittage und Abende verbracht habe ist mir immer dieser eine Typ aufgefallen. Meist in der Innenstadt um den Kröpke herum, manchmal aber auch in der Bahn nach Hause. Ein kleines drahtiges Männchen, auffällig wegen dem unentwegten, übergroßen starken Grinsen Richtung allem und jedem, dem sportlichen Gang, und den riesigen Kopfhörern und der herausquellenden unüberhörbaren Musik. Ich weiß, heute Läuft jeder zweite mit solchen bunten DJ-Kopfhörern rum, die die Portabilität der Wiedergabegeräte ad absurdem führen, aber damals war das nun mal noch nicht so, bzw. wussten wir Altvorderen noch um die Vorteile von Kompaktkopfhörern. Er war auffällig und irgendwie kannte ihn jeder aber niemand wusste wo er herkam, wo er hin wollte, warum er immer da war und warum er tat was er tat.
Jedenfalls scheint jede Stadt und jedes Kiez so seine Spezialisten zu haben, so auch Nürnberg. Und von einem dieser Zeitgenossen ist mir jetzt ein Video, eine kleine Doku zugeflogen. Wenn man sich öfter im K4 oder ähnlichen Dunstkreisen aufhält, wird man Robert schon kennen, manchmal reicht auch ein Schlenderer durch die Altstadt um ihn zu begegnen. Wo er herkommt, wo er hin will, warum er immer da ist und warum er das alles tut was er tut verrät auch diese Doku nicht. Aber wenn man all die Leute in dem Video etwas genauer betrachtet, dann zeichnet das Filmchen ein recht stimmiges Bild der fränkischen Seele.
Aus aktuellem Anlass – denn es ist bald wieder soweit – möchte ich an dieser Stelle kurz das Konzept einer Kneipentour der besonderen Art vorstellen. Vielleicht sogar als Vorbild und Anregung für den einen oder die andere so was auch zu machen. Auch in Nürnberg oder anderswo.
Das ganze wurde in Nürnberg im April 2004 geboren, als Geburtstagsfeier eines (Zufall?) Sozialpädagogen. 44 Leute streiften zu der Zeit bestgelaunt durch die Nürnberger Südstadt auf der Suche nach den “assigsten und abgewracktesten” Kneipen der Gegend. Lokalitäten mit alten verrauchten Gardinen, dunklen Fenstern, den alten Spielautomaten an der Wand, den alten Möbeln, den Holzvertäfelungen und den immer gleichen vom Leben gezeichneten Gesichtern. Arbeiterkneipen, oder Kneipen von Menschen die mal Arbeit hatten. Oder von Menschen, die noch nie Arbeit hatten. Die Regeln wurden vorher festgelegt: rein, jeder “a Bier, an Schnaps, an Schnitt” und dann weiter in die nächste Eckkneipe. Das letzte Abenteuer unserer Zeit. Andere Stadtteile folgten. Stadteile mit einer spürbaren Dichte solcher Kneipen. Also Gegenden wie z.B. St. Leonhard/Schweinau. Am kommenden Samstag ist Wöhrd dran.
Solch eine Kneipentour ist in der Tat eine Erfahrung. Für die Kneipen sowie für die Teilnehmer der Tour. Für die Kneipen ist es der reinste Flashmob. Kommt nicht oft vor, dass einige Dutzend Leute (junge Leute!) solch eine Eckkneipe stürmen und dort was trinken wollen. Verwunderte Gesichter bei Barkeepern und den typischerweise nur eher vereinzelnden meist männlichen Gästen. Zudem werden die Getränke sofort bezahlt, was nicht so komplett selbstverständlich ist in jenen Kneipen mit den Strichlisten hinten an der Bar.
Und dann gibt es Annäherungen. Begegnungen der dritten Art. Biere, Schnäpse und Schnitte erleichtern die Interaktion mit den anderen Gästen und dem Barpersonal. Begegnungen, die sonst wohl so nie stattfinden würden. Wann kann man sich denn schon mal mit Dittsche unterhalten?
Etwas Mut gehört indes dazu, zu solch einer Tour. Es ist nicht für jeden ein unbedingt leichter Schritt die angetraute Gesellschaftsschicht zu verlassen, insbesondere wenn’s nach unten geht, in das “Milieu der Gescheiterten”. Ein regelmäßiges selbsterwirtschaftetes Einkommen ist etwas, was normalerweise Abstand von solchen Kneipen und den Schicksalen in ihnen schafft. Dittsche im Fernsehen gucken ist das eine. Dort ist es eine mit einem Fernsehpreis ausgezeichnete Improvisationskomiksendung. Solche eine Kneipentour und ihre Protagonisten sind real. Und man kann nicht umschalten wenn’s unangenehm wird, denn Reibungen sind nicht ausgeschlossen. Man kann aber dabei gewesen sein, wenn’s lustig war!
Fotos vom Gelände des ehemaligen Quelle Möbelhauses im Bereich Fürther Straße / Adam-Klein-Straße in Nürnberg Gostenhof. Auf dem Areal soll nun der zentrale Softwareentwicklerstandort der DATEV mit ca. 1.800 Büroarbeitsplätzen zuzüglich Software-Testplätzen sowie 850 Pkw-Stellplätzen (Tiefgarage/Parkhaus) errichtet werden.
Technik: Canon EOS 550D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind teilweise gecropped.
Winfried Baumanns Arbeiten kreisen um Themen wie mobiles Leben, Armut und modernes Nomadentum: Seit 2001 entwickelt er Wohnsysteme für „urbane Nomaden“, bei denen Kunst, Design und sozialer Aktivismus ineinandergreifen. Für die aktuelle Ausstellung entwickelte Baumann eine Installation für die Rückfront des Kunstraums Sterngasse 18 Wohnsystem-elemente, die eine Art urbaner Pueblo-Architektur vorführen.
Installation im Rahmen von 30 KÜNSTLER / 30 RÄUME im Innenhof des Kunstraums Sterngasse in der Hinteren Sterngasse 25-27. Noch bis zum 17.06.2012
Es gibt dieses eine Foto von der Erde in ihrer vollen Fülle, aufgenommen während der Mondumkreisung von Apollo 8 im Jahr 1968. Man sieht die Erde als kleine blaue Kugel mitten im ewigen Nichts des Weltalls. Alle Grenzen, alle Konflikte, die Geschichte, alle Kunst, das ganze menschliche Dasein reduziert sich auf diesen fingernagelgroßen Punkt der sich im Raum verliert.
Um diese Wirkung mit Nürnberg zu erzielen muss man nicht zum Mond fliegen, es reicht ein bisschen aus der Stadt raus zu fahren. Man merkt wie das, womit sich die Stadt identifiziert schon nach wenigen Kilometern im Dunst verschwindet. Die Bratwürste (deswegen der Dunst?), die Geschichte, die weitläufige Nachkriegsbebauung, selbst die Burg ist nur mit etwas Mühe zu erkennen. Heraus sticht nur das aufgepiekste Ei (aka Fernsehturm) in mitten einer schmucklosen Betonpfütze die in einem beliebigen und auswechselbaren Acker zu liegen scheint.
Lustig, dass ich diese Bild erst jetzt mache. Ich kenne die Strecke durch den Vorort Stein hindurch nach Westen, bin ihn aber offenbar noch nie bei Tageslicht in Richtung Nürnberg gefahren, oder noch nie mit offenen Augen. Diese Ansicht ist mir optisch sehr neu. Gefühlsmäßig nicht so.