Schlagwort: leben
Dieses Foto erinnert etwas an die etlichen sonnigen und flauschig warmen Mittage, die der Autor anstatt bei klimatisierte Einheitsluft und currywurstduftgeschwängerte Einheitsverköstigung in der Firmenkantine, in der zwar warmen aber dennoch verhältnismäßig frischen Luft im Schnepperschütz verbracht hat. Das Publikum ist zwar mittags keine echte Alternative zur Kantine, aber dafür ist das Essen nicht so derb deftig und man gewinnt recht schnell Abstand zum Alltag. Und man badet sich in einem Stück Stadtentwicklung, wenn man sich beim belegten Brot überlegt, wie trostlos das Eck vor recht kurzer Zeit noch war und wie lebendig die Gegend nun geworden ist und was so eine einzige Kneipe alles bewirken kann.
1. September 2011
Es lebt sich unspektakulär in Nürnberg. Die Stadt will zwar irgendwie was sein, irgendwo vorne mitspielen, irgendwas tollstes größtes bestes haben. Will Historie und Urbanität haben, will Nachtleben haben und Urlaubsziel sein mit Flair und Lebensgefühl und vergisst/übersieht dabei leider den größten Vorteil: Nürnberg ist Großstadt (faktisch, nicht gefühlt) in Slowmotion.
Man kann zwei Monate weg sein und man verpasst nichts. Es ist allen einfach verdammt egal was ist und was werden könnte. Und das ist ein Vorteil, in einer Zeit in der der Rest der Welt beim laufen die Beine nicht nach bekommt. Nürnberg ist der Fels in der Brandung. Die Stadt ist offensichtlich gegen jede Art von gesellschaftlicher oder kultureller Strömung immun (seit dem Wiederaufbau).
Natürlich will sich die Stadt auch als Marke verkaufen, klappt nur nicht wenn Realität und Werbung etwas auseinanderklaffen. Egal was es zu sein gibt, Nürnberg ist es nicht und das ist verdammt nochmal ein Aushängeschild mit gestrecktem Mittelfinger und eine Oase in einer Welt, in der alles eine Marke sein muss!
30. Juli 2011
Ein Text der in den Straßen von Nürnberg lange Zeit nachhallte war der Artikel “Geschmeidige Gangart – Demoskopen und Ökonomen haben die langweiligste Großstadt Deutschlands ermittelt: Nürnberg” (als PDF) aus dem SPIEGEL 31/1992. Der Autor dieses Blogs kam etwa 10 Jahre später in die Stadt und dennoch fing er an in fast genau demselben Ton mit denselben Beobachtungen zu schreiben und zwar unbeeinflusst von eben jenen Artikel, denn es mussten fast noch mal 10 Jahre vergeben bis der Autor Inhaltliche Kenntnis des Artikels erlangte.
Die Frage stellt sich nun, ob sich seit dem in Nürnberg irgendwas verändert hat. Vielleicht dazu ein kleines Beispiel. Zu Beginn des neuen Jahrtausends war es in Nürnberg auffällig leer auf den Straßen. Nicht nur fehlte (und nach wie vor fehlt) es an Kunst und Zierrat im öffentlichen Raum, überhaupt fiel die völlige Abwesenheit von Straßenkultur auf. Die Straßen waren, und sind es meist immer noch, auf ihre eigentliche Funktion als Wege reduziert. Bis heute gibt es in der Stadt keine Flaniermeile, geschweige denn einen Boulevard oder ähnliches. Also Orte die auf ihre Weise Eleganz oder Charme versprühen, Orte an denen man sich niederlässt um durch den Ort zu wirken, auf sich und auf andere, um die Wertigkeit des Ortes anzunehmen und um auch von anderen auf diese Weise wahrgenommen zu werden. Das alte Spiel von sehen und gesehen werden.
Der Spiegelartikel erklärt die Fränkische Seele als “selbstzweiflerisch, grüblerisch und nach innen gekehrt” und das spiegelte sich ganz offensichtlich in der Straßenkultur wider. Wer braucht schon ein schniekes Straßencafé, wenn man in der Nachkriegsbehausung vorm Fernseher sitzen kann?
Mittlerweile kann man aber sonderbares in den Straßen der Stadt beobachten: kleine Tischgrüppchen sammeln sich vor den Bäckerstuben, Cafés, Restaurants, Bars und selbst vor Modeboutiquen als wäre es nie anders gewesen. Jede Eckkneipe hat Klapptische vor der Tür und selbst die Norma kommt nicht mehr ohne aus. Es scheint ein Bedürfnis nach Öffentlichkeit oder der beschrieben Straßenkultur zu herrschen. Schätzungsweise haben die Immigranten diese Lebensart nach Nürnberg geschleppt. Der fränkischen Mentalität wäre diese Art des urbanen Lebens nie entsprungen. Ich kann mich irren, aber der erste Stuhl auf einem Gehweg in Nürnberg stand bestimmt vor einem Obst- und Gemüseladen in Gostenhof. Kann auch sein, dass die Globalisierung mit ihren “McCafés” auch in der Frankenmetropole nicht haltgemacht hat (in der Globalisierung haben individuelle Kulturen nun mal zu leiden, warum soll es den Franken da anders gehen? Aber das führt zu weit jetzt).
Soweit, so gut. Nur gibt es da ein kleines peinliches Problemchen: Nürnberg wurde nie für ein öffentliches Leben gebaut. Die Architektur der Stadt funktioniert mit diesem Lebensstil nicht mehr. Die Straßen sind zu klein und zu eng, es gibt keine Plätze und es gibt vor allem keine einladenden Plätze (ja, es gibt den Tiergärtnertorplatz, aber der ist auch klein und eng). Selbst Neubauten werden in dem Stil der introvertierten Stadt geplant und errichtet. Der öffentliche Raum beschränkt sich meist auf drei-vier Meter Gehweg zwischen Fassade und zugeparkter und/oder befahrener Straße ohne Baumbestand und drum rum die ewig hässlichen eintönigen Fassaden die selbst einen üppigen Teil der Altstadt ausmachen. Und so kommt es dann, dass diese wenige Meter Gehweg die neue Nürnberger Urbanität definieren. Urbanes Flair auf fränkische Art.
Und jetzt noch mal die Frage: Hat sich was seit 1992 verändert?
28. April 2011
Nicht wenige Menschen nutzen Städte, um ihr Leben in Erfüllung gehen zu lassen. Nürnberg ist sicherlich ein Ort um erwachsen zu werden, aber auch einer um alt zu werden?
Name/Pseudonym: Pandoras Täschchen
Alter: 28
Beschäftigung: studieren und dies und das
URL: bald
Warum Nürnberg?
Ein privater Unfall; dem Verursacher nicht unbedingt zu danken, der ist wieder von hier weg gezogen.
Ist Nürnberg schön?
Na klar, wenn man nicht immer auf die Strasse schaut, um nicht in Hundescheiße zu tappen.
Was sollte man in Nürnberg tunlichst unterlassen?
Nicht mit dem 43er und 44er Bus nach Zabo fahren; es stinkt, es engt ein, es zieht einen in trübe Gewässer, man möchte niemals Kinder und ein eigenes sauberes und wohlriechendes Auto, um über den Frankenschnellweg zu düsen…
Was sollte man in Nürnberg unbedingt tun?
Mit den Strabas bis zur Endhaltestelle und zurück.
Nur Nürnberg hat…
Die Strasse der Menschenrechte.
9. April 2009
Nürnberg besteht nicht nur aus Nürnberg selbst, sondern auch aus dem Großraum, der Metropolregion. Es hängt alles zusammen. Die Brücke nach Erlangen schlägt der Realitätsfilter.
Name/Pseudonym: Onkel Alex
Alter: 32
Beschäftigung: Herausgeber eines Stadtmagazines, Barkeeper und Therapeut
URL: realitaetsfilter.de
Warum Nürnberg?
Ich bin in Erlangen geboren. Wohne in Erlangen. Den Realitaetsfilter gibt’s auch in Nürnberg, weil Erlangen zu klein ist. Warum Nürnberg? Nürnberg bietet einfach mehr in Bezug auf Anti-Kommerz. Kleine Kneipenalternativen und alternative Szene Veranstaltungen. Genau das brauch ich für mein Stadtmagazin.
Ist Nürnberg schön?
Meine Freundin ist schön. Wie soll man eine Stadt mit dem Prädikat schön oder hässlich versehen? Gibt es doch in jeder Stadt schöne und weniger schöne Ecken zu entdecken. Ich für meinen Teil finde Nürnberg interessant. Und ehrlich gesagt, gefallen mir die verwohnten Ecken besser als die durchgestylten.
Was sollte man in Nürnberg tunlichst unterlassen?
Sich am Hauptbahnhof nach Spielende als Bayern Fan outen.
Was sollte man in Nürnberg unbedingt tun?
Fürth verneinen.
Nur Nürnberg hat…
… alles getan, um nicht mehr ins Weltkulturerbe aufgenommen zu werden.
18. September 2007
Mit Nürnberg leben lernen ist etwas, womit sich auch der werte Herr Rationalstürmer hätte auseinandersetzen können. Er scheint sich aber einfach hingesetzt zu haben um sein Ding zu machen. Vielleicht ist das der Trick.
Name/Pseudonym: Rationalstürmer
Alter: 38
Beschäftigung: Lohnschreiber & Lügenbaron
URL: rationalstuermer.twoday.net
Warum Nürnberg?
Billig, aber so was schreit ja geradezu nach der Gegenfrage! Vielleicht würde ich mich anderswo genauso wohl fühlen wie hier. Vielleicht sogar noch wohler. Fakt ist jedoch: Ich sehe keinen Grund, aus Nürnberg wegzugehen. Ich bin hier nicht aufgewachsen. Ich bin nicht unbedingt unrausreißbar mit der Stadt verwurzelt, aber ich mag es einfach, und mir fehlt nichts. Okay, Berge wären schon noch super, aber mit den Jahren wird man ja auch bescheiden.
Ist Nürnberg schön?
Könnt ich gar nicht sagen. War mir auch immer egal. Vielleicht ein kleiner Exkurs dazu: Frauen haben mich immer nur interessiert, wenn ihre Nasen ein bisschen schief waren oder ihre Hintern eigentlich viel zu groß. Ich brauchs nicht schön, ich brauchs geil. Nürnberg ist geil.
Was sollte man in Nürnberg tunlichst unterlassen?
Das, was man andernorts auch tunlichst unterlassen sollte. In der U-Bahn laut rülpsen, alten Muttis die Tür vor der Nase zuknallen, wegschauen, wenn man eigentlich was tun könnte.
Was sollte man in Nürnberg unbedingt tun?
Ohweia, das wird Werbung: Die Brezen beim Kolb kaufen und die Bratwürscht nicht an einem dieser bekackten Metallbunker. Currywurst im Salon Regina in der Fürther Straße. Matthias Egersdörfer im Loft (Dank ans Stilhäschen).
Nur Nürnberg hat…
…mich.
15. September 2007