Da ist er nun, der mehr oder weniger fertige Friedrich-Ebert-Platz. Wobei das Wort “Platz” in dem Namen den Ort nicht sonderlich korrekt beschreibt. Denn es gibt keinen Platz oder irgendeinen Freiraum an diesem Ort. Er ist eng und zugestellt und er ist so abgrundtief hässlich wie damals schon und pflegt damit eine Tradition der Stadt, in der schöne und einladende Plätze und öffentliche Räume praktisch nicht vorhanden sind. Man kann da wirklich bald ein Konzept hinter vermuten. Ein schöner Ort würde ja auffallen, und auffallen möchte man in Nürnberg eher nicht.
Die NZ gibt mit dem Artikel “Was lief falsch am Friedrich-Ebert-Platz?” etwas Einblick in die Wirren die zu Tage treten, wenn man versucht in Nürnberg Architektur und Stadtplanung zu machen.
Falls man mit dem eigenen Wohnort oder mit der Wohnsituation oder mit dem sozialen Umfeld, dem kulturellen Angebot, dem Ansehen, der Hippness oder der Strahlkraft des Aufenthaltsortes leicht unzufrieden ist, dann könnte man sich vielleicht bei Gelegenheit in zwei Diskurse einlesen die unterschiedlicher und gleichzeitig gleicher nicht sein könnten und möglicherweise sogar exemplarisch sind.
Da haben wir zum einen die leicht an Identitätsarmut leidende ewige Nummer zwei in Bayern. Der Stadt in der, seit dem der Vorschlag aufgetaucht ist, wieder die Sperrzeiten zu verkürzen, es praktisch niemanden mehr gibt, der nicht irgendeine Meinung über die Lebensqualität von Nürnberg hat. Manifestiert hat sich das in den Kommentaren zu dem Artikel “Nürnberg: Die langweiligste Großstadt Deutschlands?“. Alle möglichen Meinungen die man zu Nürnberg haben kann wurden niedergeschrieben bzw. gerne auch mal hingekotzt. Wer in Nürnberg wohnt bzw. in vergleichbaren Städten, dürfte die eigene Meinung in den Kommentaren wiederfinden.
Zum anderen haben wir eine Stadt die defacto Hauptstadt ist und sich in der Selbst- und Fremdwahrnehmung quasi über den Rest im Lande stellt, aber eigentlich mitten in der Pubertät steckt. Eine Stadt, die mehr Probleme hat, als der ganze Rest in Deutschland zusammen, aber gleichzeitig über die Anziehungskraft eines schwarzen Loches verfügt und nicht nur theoretisch Lebendigkeit versprüht. Vorbild und Heilsbringer für Orte und Leute mit Profilneurosen. Nun herrscht dort auch ein ganz eigener Diskurs, der in den Kommentaren zu dem anderthalb Jahre alten und immer noch fröhlich kommentierten Text “Der Berliner Szenemensch” hervortritt, denn offenbar nervt es gewaltig, wenn Leute endlich im Hedonisten-Mekka angekommen sind, sich uniformieren und stereotypisieren und zwanghaft versuchen sich abzugrenzen und zu individualisieren und das Schlachtfeld die eigene Stadt ist.
Tja, wo man auch hinkommt, es wird gemeckert. Allerdings ist die Diskussion dieselbe auch wenn das Thema ein anderes ist. Selbst die Argumente sind ähnlich. Es geht um diese leichte Unzufriedenheit mit sich und dem Universum und dagegen hilft ganz gut einfach mal den Blick zu weiten, auf beiden Seiten und über den Tellerrand. Und Humor.
Auf der einen Seite das Killerargument, warum man Details aus dem Privatleben in die Öffentlichkeit trägt die eigentlich unter das Datenschutzgesetz fallen, zum anderen der Hintergedanke, dass natürlich die Welt keine Ahnung hat was man eigentlich tut, wenn man ihr davon nicht erzählt. Außerdem muss man ja ins Internet wenn das lokale persönliche Umfeld Meinungen, Informationen und Aufmerksamkeit nur unzureichend bereit hält.
Vor 10 Jahren war es doch auch schon nicht anders. Fragen, Ideen, Anregungen und Aufmerksamkeit zu allen möglichen Themen wurden im Internet, in Foren und den damals noch populären Mailinglisten bzw. Newsgroups diskutiert/besorgt/bearbeitet. Mit ein paar Handgriffen hatte man schon damals viel Persönliches über einen Menschen erfahren. Schmeißt man heute die Suchmaschine an sind noch viele der Sachen von damals zu finden, gespeichert an den unmöglichsten Plätzen im Netz. Fast schon unheimlich was da alles wieder zu Tage kommt. Auf der anderen Seite natürlich auch eine Auszeichnung und am Ende der Beweiß, dass man sich schon recht zeitig mit einem Medium auseinandergesetzt hat, in ihm geschwommen ist, es gestaltet hat, dass mittlerweile zur Mutter aller Medien geworden ist. Early-Adopter, ole!
Der Nachteil heutzutage ist, dass sich praktisch jeder unangenehme Mitmensch über jeden informieren kann. Personensuchmaschinen und populäre Netzwerke nehmen jedem Amateur die Recherchearbeit ab und Kontextualisierung findend so sicherlich gar nicht mehr statt. Man wirkt gläsern obwohl man es gar nicht ist. Damals war alleine der Zugang ins Netz schon eine Hürde, für Amateure erst recht, der Zugang zu speziellen Foren oder Szenen für den Ottonormalbürger gar unmöglich. Man war im Internet auch schon wieder für sich und in seinem Personenkreis. Heute stöbert sogar Mutti auf der eigenen Homepage und das komische Gefühl, dass gerade das Kinderzimmer von ihr durchsucht wurde kommt wieder hoch.
Der Schritt sich aus Communities zurückzuziehen ist wohl nicht der richtige und eher mit Kopf-in-den-Sand-Stecken zu vergleichen. Wenns dumm kommt stellen andere den Content über einen ein, oder fast noch schlimmer: gar keiner machts. Kein Treffer in irgend einer Suchmaschine zeugt von mangelnder Relevanz. Das Argument, dass sich die Besitzer einer Community oder eines Dienstes an dem Content bereichern ist auch alt. Eine Community ist nun mal so viel Wert wie ihr Content und wird auch erst über selbigen interessant. Frau Bunz bringt einen ganz anderen Aspekt ein, denn die gesellschaftlichen Kreise verschwimmen. Arbeits- und Privatleben verschwimmen. Was sich komisch anfühlt ist die einzig logische Konsequenz. Man hat nur ein Leben, warum eigentlich Grenzen innerhalb dieses Kosmoses ziehen? Eine Umgewöhnung setzt ein. Gesellschaftliche Normen werden auf den Prüfstand gestellt und Kulturpessimismus dabei ist kein guter Ratgeber, Menschenverstand ist wie immer besser.
Schlimm ist, dass es unangenehmer geworden ist Informationen ins Internet zu stellen, weil der Missbrauch gefühlt ansteigt und durch den Charakter des Massenmediums wurde der Anspruch gesenkt. Dabei ist das Internet doch erst zu dem geworden was es ist, weil Leute Informationen – auch persönliche – eingestellt haben. Das sollte man jetzt nicht einfach abschaffen oder sich verschließen. Man bräuchte vielmehr einen Marcel Reich-Ranicki fürs Internet um zu zeigen wo der Maßstab ist.
Wie kommt man eigentlich auf Augen öffnende Texte und Lyriken? Ist nicht so schwer. Einfach über das schreiben oder singen, was der Mensch im Alltag vor lauter Betriebsblindheit schon gar nicht mehr wahrnimmt.
Bei Deichkind geht das dann so:
Ein sehr weiser Mensch (oder ein sehr frustrierter, man kann es heute nicht mehr so genau bestimmen. Es gibt übrigens mehr frustrierte als weise User) sagte mal den Satz: “Computer sind dazu da uns bei Problemen zu helfen, die wir ohne sie nicht hätten”.
Bevor jetzt aber das große ja-so-isses-raunen ob dieses oberflächlichen Satzes durch die Lande geht, sei doch bitte noch kurz angemerkt, wo wir denn währen in unserer globalisierten Welt ohne unsere Plastikkameraden. Wie würde man sich denn organisieren, kommunizieren, kennenlernen, vergessen ohne die Rechenmaschinen? Man muss sich nur trauen sie zu benutzen.
Eigentlich sollte man denken, dass diese Stadt so aus dem Gröbsten raus ist. Industrialisierung und Arbeitercharme versucht man zu vergessen, Kriegsschäden findet man eigentlich nur, wenn man ein Auge dafür hat (dann aber genug!), Baubrachen verschwinden auch langsam (sehr langsam), aber zufrieden ist man einfach lange noch nicht. Wer dachte der Sugar Ray ist der einzige der was zu jammern hat (da versucht sich eine Stadt zu entwickeln, scheitert aber schlicht an mangelndem Geschick), der irrt.
Die beiden Topthemen der letzen Wochen könnten gegensätzlicher nicht sein: Die Kneipenszene und damit das junge bunte Leben sieht sich gerade der totalen Ausrottung ausgesetzt (Thema Sperrzeiten, Statements von Kneipen hier oder hier), und im Gegenzug sieht sich die Fraktion der eingefleischten Hardcorefranken erniedrigt und unterdrückt, solange man ein Teil von Bayern ist und Fürth nicht vernichtet wurde (letzteres ist reine Interpretation aber weit hergeholt ist dieses Ziel sicher nicht).
Beide Themen sind von außen betrachtet lächerlich, sorgen aber hier in der Gegend für ordentlich Bewegung und Diskussionsstoff. Wenn man keine Probleme hat, macht man sich einfach selber welche, gell Nürnberg?
Update:Stirbt die Kneipenkultur? Blubbernde Diskussion plus sehr eindeutigem Antiordnungsamtvoting bei der NZ.
Natürlich kann man die Augen vor dem stetigen gesellschaftlichen Wandel nicht verschließen. Der Underground spielt sich heutzutage einfach nicht mehr in zugetagten Hinterhöfen und alten Fabrikhallen ab, sondern auf myspace und wer dagegen ist, der ist draußen, einfach nicht mit dabei. Man kann nicht mal dagegen protestieren, denn wie soll man ohne myspace-Profil gegen myspace sein? Man wird doch schlicht nicht gehört.
Aber solche Gedanken sind 2007 und ich habe mich gebeugt. Unter www.myspace.com/inanace_digitaljockey hat mein DJ Alter Ego nun sein Profil und jeder darf sein Freund sein. Ich habe bald wieder Einblick in die Szene und dann wieder wirklich ein Gefühl dafür, wo der Hase läuft. Längst vergessene Netzbekanntschaften werden wieder auftauchen und alles wird so sein wie früher, zu guten alten Netz-, und Chatterzeiten. So weit die Theorie. Doch noch existiert die betagte Seite www.inanace.de mit all der schönen alten Musik und das wird sich so schnell nicht ändern, denn diese Seite gehört mir, mir ganz alleine und ich habe die volle Kontrolle. Myspace hat Haken, die mich nach wie vor zweifeln lassen. Es sieht nun mal verdammt scheisse aus. Selbst mit guten Webdesignkenntnissen hat man auch kaum eine Chance da groß was zu ändern, denn ein weiterer Haken kommt dazu: myspace bedient sich wie ein russisches Atomkraftwerk. Auch wenn es für einen Webdienst erstaunlich viele Freiheiten in der Gestaltung gibt, so bringt einem das alles nichts, weil myspace dann doch ein undurchsichtiges Eigenleben hat und an machen Stellen wieder recht restriktiv ist. Selbst an so einfachen Sachen wie Einstellen der Schriftgröße bin ich verzweifelt. Wie soll man sich denn im Netz ordentlich präsentieren, wenn einem durch myspace beide Hände auf den Rücken gebunden werden? Jeder Billigproviderhomepagebaukasten bringt bessere Ergebnisse zustande als dieser olle Profileditor des Murdoch-Imperiums.
Also ich könnt kotzen, schon weil ich nun trotzdem ein Profil habe, aber es wird immer Stiefkind bleiben.