Browsing articles tagged with "Fotografie Archive - Sugar Ray Banister Fotoblog"
18. Mai 2013

Autos vor Gebäuden

Unbewusst bin ich diesem speziellen Motiv schon länger auf der Spur. Es gibt da diese eher zufällige Szenerie, in der ein Auto einfach vor einem Gebäude steht. Vermutlich wird dieses Auto in den allerseltensten Fällen mit einem gestalterischen Gedanken dort geparkt, auch wenn es einem manchmal anders vorkommt. Ob nun mutwillig oder nicht, es entstehen für das Fotografenauge durch den Kontrast von Auto und Fassade gerne mal interessante Bilder. Mal passt das Auto in das Bild wie eingeflochten, mal wirkt es wie ein Fremdkörper. Gentrifizierung spielt bei vielen der Bilder eine Rolle. Wenn der fette glänzende Audi sich von einer Seite vor die vernachlässige Fassade schiebt, dann lässt sich die Gentrifizierung gut in das Foto reininterpretieren.

Beispiele sind die folgenden etwas älteren Fotos.

Autos vor Gebäuden in Berlin

Bewusst habe ich bei meinem letzten Berlin-Besuch mal so richtig auf die Suche nach diesem Motiv gemacht. Mit dem Rad ging es durch Kreuzberg, Neukölln und etwas Schöneberg. Eine kleine Fotosafari mit dem Hintergedanken, Autos vor Gebäuden in freier Wildbahn, also in ihrer natürlichen Umgebung, zu entdecken.


Und ich glaube mit der Sigma 10–20mm f/4–5.6 endlich meine Linse gefunden zu haben.

11. Mai 2013

Fotografie von Marco Wenzel

Lange Zeit nur virtuell über Twitter vernetzt war das erste Treffen mit Marco und mir dann direkt ein sehr fruchtbares. Das erste Treffen war der Fotowalk im Quelle Gebäude und das war nicht irgendein Fotowalk, denn es entstand daraus die vielbeachtete Großversandhausfotografie im April in der Weinerei. Marco war mit unter den Teilnehmern beim Walk und später dann mit seinen großformatigen Panoramen auch bestaunter Aussteller im Rahmen der Sammelausstellung. Als Freund der urbanen Fotografie und mit seinem in Panoramafotos verewigten Blick auf Räume und Landschaften darf ein größerer Hinweis auf ihn in diesem Blog nicht fehlen. Es wurde also Zeit für ein paar Fragen an Marco Wenzel aka @DerWenz. Bitteschön!

Bitte stell Dich kurz vor.
Ich bin Marco, 31 Jahre alt, Diplomingenieur. Ursprünglich komme ich aus Thüringen, doch schon nach dem Abitur hat es mich regelmäßig in unterschiedlichste Ecken Deutschlands verschlagen. Vor knapp drei Jahren bin ich dann in Nürnberg gelandet und es gefällt mir hier ganz gut. Ich könnte mir durchaus vorstellen, in dieser Region länger zu verweilen.

Warum fotografierst Du? Seit wann und welche Motive?
Die Fotografie ist für mich ein reines Hobby. Es macht mir einfach Spaß loszuziehen und Dinge zu dokumentieren, außergewöhnliche Ansichten zu produzieren und mich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dies geschieht alles freiwillig, häufig auch spontan und hängt stark von Lust und Laune ab. Aufträge nehme ich nicht an – dann wäre es kein Hobby mehr, sondern Pflicht und würde jegliche Kreativität verlieren.
Auf meinen Internetauftritten ist ja nicht zu übersehen, dass mein Fokus ganz klar auf der Panoramafotografie liegt. Dazu kommen auch viele Konzert- und Festivalfotos, Makroaufnahmen, Architektur- und Tierbilder. Kurz gesagt, ich mag es gerne extrem. Solche Dinge wie Weitwinkel, lange Belichtungszeiten, wenig Licht, kurze Distanzen oder einfach ganz ungewöhnliche Perspektiven begeistern mich immer wieder. Langweilen tun mich hingegen Models in Studios mit Blitzanlagen oder sonstiger gestellter Schnickschnack.

Wann fotografierst Du? Hast du genaue Vorstellungen, wartest du auf gewisse Situationen oder passiert es einfach?
Das kommt immer darauf an. Beispielsweise ist es bei Panoramafotos häufig notwendig, optimale Lichtsituationen zu haben, um die gewünschten 360° auch gut und gleichmäßig auszuleuchten. Dann kommt es durchaus vor, dass ich mir gezielt eine bestimmte Tageszeit und das richtige Wetter aussuche und dann vor Ort auch eine Weile brauche, bis alles im Kasten ist. Eine Vorstellung vom Endergebnis habe ich eher selten, da das menschliche Auge nur einen Blickwinkel von etwa 150° hat. Somit ist es schwierig, sich eine 360° Ansicht im Kopf “zusammen zu setzen”.
Ich verabrede mich außerdem gerne mit anderen Fotografen, um Fototouren zu machen auf denen wir dann bestimmte Motive im Fokus haben. Andererseits habe ich die Kamera oft auch einfach dabei und fotografiere spontan, was mir vor die Linse kommt. Dies führt natürlich dazu dass man nicht immer optimale Bedingungen vorfindet und sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen muss.

Du hast dich unter anderem auf Panoramen spezialisiert, extrem weitwinklige Fotos bis hin zu 360° Panoramen. Warum?
Angefangen hat alles mit einem Urlaub an der Nordsee. Ich wollte das Meer fotografieren und bemerkte, dass ich den gewünschten Bildausschnitt nicht mit einem Foto abdecken konnte. Daraufhin machte ich mehrere Einzelaufnahmen von links nach rechts, welche ich später am PC “von Hand” zusammensetzte. Die dabei entstandene 180° Ansicht hat mich fasziniert, weil man sowohl das gesamte Meer, als auch Teile vom Strand sehen konnte, ohne den Kopf drehen zu müssen.
Heute mache ich meine Panoramen mit vielen tollen Hilfsmitteln, wie einem entsprechenden Stativkopf, Weitwinkelobjektiven und leistungsstarker Software. Somit komme ich schneller und effektiver zu präzisen Ergebnissen. Die Faszination und Spannung bleibt aber trotzdem erhalten, denn man weiß nie, wie das zusammengesetzte Resultat aussehen wird, wenn man auf den Auslöser drückt.

Und warum verzichtest du weitgehend auf Menschen in Deinen Bildern?
Bei vielen Panoramaaufnahmen wirken sich Menschen eher “störend” aus. Durch die vielen Einzelbilder können Personen, die in Bewegung sind, beim Endergebnis mehrfach oder als “Geister” mit fehlenden Körperteilen auftreten. Außerdem mag ich gerade die sehr technische Darstellung von Panoramen. Das heißt, gerade Linien, große Flächen und viel Symmetrie bestimmen das Bild. Auch hier würden Objekte wie Menschen, Autos oder Tiere eher störend wirken.
Bei meinen Konzertfotos hingegen sind fast ausschließlich Menschen zu sehen. Gerade bei größeren Veranstaltungen, wie Open Air Festivals, mag ich es, auch Besucher und das “drumherum” zu fotografieren, um die Stimmung einzufangen.

Gibt es Fotografen die Dich inspirieren oder beeinflusst haben oder ging das alles von selbst los?
Es gibt zahlreiche Fotografen, von denen ich Tipps und Tricks erlernt habe oder die mir bei technischen Fragen zur Seite standen. Was die Wahl meiner Motive und die Bildgestaltung angeht, hatte ich schon immer meinen eigenen Kopf. In dieser Hinsicht möchte ich mich auch nicht beeinflussen lassen. Trotzdem schaue ich mir täglich die Bilder von anderen Fotografen auf deren Webseiten, Blogs und Community-Profilen an. Wenn ich Zeit dazu habe, gebe ich gerne auch ehrliches Feedback und freue mich auch über eben jenes. Konstruktive Kritik ist mir dabei lieber als Lobeshymnen.

Möchtest du etwas mit Deiner Fotografie erreichen und wenn ja, was?
Grundsätzlich verfolge ich mit meinem Hobby kein konkretes Ziel. Im Endeffekt ist es ein Zeitvertreib, der mir viel Spaß bereitet. Natürlich freue ich mich, wenn anderen Menschen meine Bilder gefallen. Und ein bisschen Stolz bin ich, wenn die Fotos in den Medien oder auf einer Ausstellung gezeigt werden. Außerdem finde ich es gut, wenn ich weitere Fotografen mit meiner Panoramanie anstecken kann.

An welchen Projekten arbeitest Du gerade?
Ich habe für dieses Jahr einige “Lost Places” auf dem Schirm – der Besuch des Quelle Gebäudes Ende letzten Jahres und der große Umbau des Z-Baus haben mein Interesse an solchen Themen geweckt. Außerdem plane ich, sofern denn nun endlich mal das Wetter etwas sommerlicher wird, wieder das ein oder andere “Postkarten”-Foto von Nürnberg zu machen. Dabei sollen nicht die Hauptattraktionen im Vordergrund stehen, sondern die kleinen aber feinen Plätze am Rande der großen Touristenmeilen betrachtet werden.

Auf welches Projekt oder auf welche Arbeit bist zu besonders stolz?
Hier kann ich keine Konkrete Aussage machen. Ich bin immer stolz, wenn ich mich ein wenig weiter entwickle und Dinge besser mache. Dies können ganz kleine technische Handgriffe sein oder eben die Tatsache, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Aber auch Projekte, die sehr arbeitsintensiv sind, bringen ein gutes Gefühl, wenn ich sie erfolgreich vollende.

Eine Auswahl von Marcos Fotos

Regensburg Skyline - Marco Wenzel

Regensburg Skyline
Eines meiner Lieblingsbilder und ein klischeehaftes “Postkarten”-Panorama. Hier galt die Devise, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Der Mondaufgang und der goldene Sonnenuntergang zur gleichen Zeit waren schon echter Zufall. Zudem waren die Wochen vorher extrem trocken, sodass die Donau sehr ruhig floss und die Spiegelung der Gebäude entsprechend gut sichtbar machte. Das Bild besteht aus 10 Einzelaufnahmen und zeigt einen Blickwinkel von gut 200°.

Little Planet Nürnberg - Marco Wenzel

Little Planet Nürnberg
Hier ist der Hauptmarkt Nürnberg an einem Freitagabend im Mai zur blauen Stunde zu sehen. Viele Leute fragen mich, warum auf dem Bild keine Menschen zu sehen sind, obwohl die Aufnahmen gegen 21 Uhr entstanden. Ganz einfach: Bei einer ausreichend langen Belichtungszeit (hier etwa 5s) werden bewegte Objekte unsichtbar oder höchstens noch als Schatten dargestellt. Der Planeteneffekt entsteht, wenn man das aus 14 Einzelfotos zusammengesetzte 360×180° Bild in stereografischer Projektion betrachtet.

CPO Sex - Marco Wenzel

CPO Sex
Dies sind meine beiden (ehemaligen) Mitbewohner beim Liebesspiel. Die Besonderheit daran ist, dass der Orange Zwergflusskrebs (Cambarellus patzcuarensis sp. orange – CPO) sich häufig nur Nachts paart. Ich hatte das Glück, die beiden tagsüber beobachten zu können. Außerdem sind sie jeweils nur 3-4 cm groß – durch die Aquarienscheibe hindurch ist es also nicht ganz einfach, die Tiere in einer guten Qualität abzulichten.

Low Frequency Assault 2012  - Marco Wenzel

Low Frequency Assault 2012
Dieses Foto entstand bei der letzten großen Veranstaltung der Jungs von “Doom over Nürnberg” Ende 2012. Es zeigt den Sänger der Doom-Metal Band “Kalmen”. Das Bild hat für mich sehr emotionalen Wert, da dies die letzte Band des Abends und somit das letzte offizielle Highlight im alten Kunstverein vor der großen Umbaupause war. Der gesamte Z-Bau in der Frankenstraße und somit auch der Kunstverein sind aktuell leer geräumt und werden in den nächsten zwei Jahren renoviert. Leider gibt es in dieser Zeit keine Ausweichmöglichkeit für die zahlreichen Underground-Konzerte und Subkulturen. Das Foto wurde mit einem 8 mm Fisheye-Objektiv geschossen. Es spiegelt meines Erachtens die düstere und tieftraurige Musik gut wieder und stimmt ein bisschen melancholisch bei dem Gedanken an einen der besten Clubs in Nürnberg.

U-Bahnhof Fürth Hardhöhe - Marco Wenzel

U-Bahnhof Fürth Hardhöhe
Als Mitglied im 1. Nordbayerischen Amateurfotoclub e.V. habe ich letztes Jahr die Idee gehabt, die U-Bahnhöfe in Nürnberg und Fürth zu fotografieren. Das haben wir mit einigen Mitgliedern kurzerhand zu einem Projekt gemacht und wollen jetzt jedes Jahr im Winter (wenn man draußen nicht gut fotografieren kann/will) eine der U-Bahnstrecken fotografieren. Dieses Jahr war die Strecke Fürth Hardhöhe – Nürnberg Hauptbahnhof an der Reihe. Das Bild entstand aus 12 Einzelaufnahmen.

Mehr Fotos von Marco Wenzel gibts auf seinem Blog und auch in der Fotocommunity.

Danke fürs Interview! :)

3. Mai 2013

Hotel Deutscher Hof vor dem Umbau

Hotel Deutscher Hof vor dem Umbau #02 - Blick über den Frauentorgraben

Hotel Deutscher Hof in Nürnberg (Postkarte)

Historische Aufnahme aus den 1930er-Jahren, die als Postkartenmotiv verwendet wurde. (via franken-wiki.de)

Das Hotel Deutscher Hof ist ein 1912 errichtetes, historisches Gebäude am Frauentorgraben in Nürnberg und steht ein bisschen im Schatten des direkt angrenzenden Opernhauses. Es ist ein sehr geschichtsträchtiges Gebäude und war mal eine der guten Adressen der Stadt. Auch trägt es dunkle Geschichten aus der NS-Zeit mit sich. Die gesamte Historie lässt sich wunderbar auf nuernberginfos.de nachlesen. Das Hotel war bis zur Schließung im Jahr 2004 noch in Betrieb. Seit dem stand es leer und staubte zu. Für mich immer wieder unverständlich, wie Nürnberg es schafft, Brachen und Leerstände in Bestlagen zu konservieren, oder überhaupt erst entstehen zu lassen. In Bahnhofsnähe gibts ja noch weitere Gebäude die auf Nutzung warten. Wie auch immer, mittlerweile kommt beim Deutschen Hof etwas Bewegung in die Sache. Ein Investor fand sich und wie an vielen Ecken der Stadt tummeln sich auch im Deutschen Hof nun die Bauarbeiter. Der vordere Teil, zum Frauentorgraben hin, wird derzeit entkernt und umgestaltet. Es entstehen dort Wohnungen, Büros und ein Restaurant. Der hintere Teil, so ca. die Hälfte in die Lessingstraße rein, wird dagegen verschwinden und wohl einem Parkhaus/einer Tiefgarage und einem Neubau obendrauf weichen. Das ist insbesondere deswegen schade, weil sich in dem Teil der alte Festsaal befindet. Nun-denn. Es gab wohl mal Überlegungen die verrammelten Fenster dieses großen Saals zu öffnen, eine Zwischendecke einzuziehen und Büros draus zu bauen. Aber mit dem Abriss wird der Saal Legende werden.

Die Fotos sind von heute Nachmittag. Die Bauarbeiten sind in vollem Gange. Dem Vernehmen nach waren die Räume vor nicht allzu langer Zeit noch möbliert. Vielleicht tauchen später noch Fotos davon auf. Viel historisches oder Hinterlassenschaften vergangener Zeiten sind mittlerweile leider nicht mehr aufzustöbern. Dennoch haben wir hier einen interessanten Bau mitten in Nürnberg.

Technik: Canon EOS 550D mit 10-20mm F4-5.6. Die Fotos sind manchmal gecropped und farblich kaum bis etwas nachbearbeitet.

1. Mai 2013

Taubenstereoskopie

Taube #4René Rdmsky fotografiert Tauben mit einer analogen Kamera namens Nishika. Die Kamera ähnelt dem Lomo Supersampler, allerdings mit dem Unterschied, dass sie simultan vier Fotos macht. Die vier Linsen des Supersamplers lösen dagegen zeitversetzt aus, was auch einen interessanten Effekt gibt, aber stereoskopische Bilder unmöglich macht. Mit etwas Fummelarbeit lassen sich dann aus den eingescannten Fotos der Nishika 3D-wackel-GIFs machen. Rdmsky tut genau das und spezialisiert sich offenbar auf Tauben.

Mehr Fotos der Serie sind hier zu sehen.Taube  #10

20. April 2013

Bamberg Exkursion

Bamberg ist jetzt das zweite UNESCO Weltkulturerbe innerhalb kurzer Zeit hier im Blog. Eine ungewöhnliche Häufung. Und nicht nur das; dieses hier ist auch tendenziell ähnlich mit Graffiti und Streetart durchsetzt wie die Völklinger Hütte. Würde man kaum vermuten bei einem so erzkatholisch geprägten Städtchen wie Bamberg. Aber die hohe Studentendichte sorgt offenbar dafür, dass es eine gesunde Portion Rebellion im Stadtbild gibt.

Bamberg Exkursion 15 - SugarRayBanister

Die weiter unten folgenden Fotos sind im Rahmen eines Fotowalks entstanden. Die Idee war, das touristisch komplett erschlossene Städtchen „von hinten“ zu erkunden. Zwar schon innerstädtisch, aber dennoch weg von den Touristenpfaden. So gut das halt geht in einem touristischen Ort. Zwei befreundete Bambergerinnen wurden engagiert eine kleine Gruppe an Leuten durch ihr mehr oder weniger alltägliches Bamberg zu führen.

Was in Bamberg sofort auffällt sind die vielen Leichen in den Straßen. Als aufgeklärter Mitteleuropäer mit wenig Interesse an Geschichte kann ich den folgenden Umstand nicht anders interpretieren. Denn da kommt man wirklich auf die Idee, tote, halbnackte, an Holz genagelte Männer gut sichtbar und schmückend im kompletten Stadtbild zu verteilen. Eine bizarre Szenerie, die offenbar kaum jemanden stört. Ich kam mir jedenfalls etwas vor wie in einem Zombiefilm.

Bamberg Exkursion 01 - SugarRayBanister

Geschichtliche bzw. religiöse Traditionen leben in Bamberg offenbar recht nah an der zeitgenössischen Realität. Zu sehen ist das vielleicht nicht so direkt, aber das schöne bei Touren mit einheimischen Guides sind nicht nur die kleinen Geheimtipps, sondern auch die Stories aus dem Alltag. Und Alltag ist kein Spaß in Bamberg, insbesondere nicht für hübsche Studentinnen. So war z.B. zu vernehmen, dass der Pöbel auf der Straße gerne mal maßregelnd zur Wortkeule greift, wenn der Rock zu kurz ist, das Kleid zu bunt, der Mund zu offen oder die Gerüchte vom letzten Wochenende zu obszön. Auch werden krasse Verstöße gegen Recht und Ordnung, wie das unerlaubte Überqueren einer Straße bei rotem Ampellicht, mit verbaler lebendiger Häutung geahndet. Solche Geschichtchen passen wunderbar in mein Bild einer katholischen Enklave.

Es ist natürlich nie gut sich als Tourist zu outen. Wo auch immer. Mit einer dicken Kamera vorm Bauch konnte man aber den Eindruck, ein Tourist zu sein, an diesem Tag nur schwer unvermittelt lassen. Und so kam es dann wirklich zu der Situation von Anfeindungen am helllichten Tag. Mitten auf einem verkehrsberuhigten Weg in unmittelbarer Ufernähe mussten wir uns von einem älteren Autofahrer beschimpfen lassen, der Verzögerungen bei seiner Reisetätigkeit nicht hinnehmen wollte. Wir stünden im Weg. Eine weitere Passantin schaltete sich geistesgegenwärtig ein und gab uns zu verstehen, dass man als Tourist auch in Bamberg nicht alles dürfe, vor allem nicht dort sein. An Touristenfeindlichkeit kann Bamberg locker mit Berlin mithalten.

Aber Bamberg hat auch schöne Ecken. Wir haben es hier in der Tat mit einem Städtchen mit Flair zu tun. Es drücken sich leicht Tränen in die Augen wenn man sich vorstellt, wie Nürnberg heute aussehen könnte, wäre das Stadtbild nicht kriegerischen Aggressionen und geschmacklosem Wiederaufbau ausgesetzt gewesen. Selbst abseits der Touristenpfade zeigt sich die Stadt nicht wirklich unhübsch. Und es zeigt sich ein gewisser Hang zu Graffiti und Streetart. Sind mir bei einem Besuch vor Jahren bereits kleinere Werke in den Gassen aufgefallen, so wurden uns auf unserem Walk noch weitaus größere Arbeiten offenbar. Bamberg hat nur ein Siebtel der Größe Nürnbergs, aber gefühlt doppelt so viel Urban Art im öffentlichen Raum, selbst in der Altstadt. Und das in einem katholisch geprägten Nest! Das protestantische Nürnberg darf sich da gerne mal eine Scheibe abschneiden.

Es folgt eine Bilderserie des Fotowalks. Danke an Manu und Niko!

ps: Nürnberg hat nach wie vor kein When you really live in… -Tumblr, Bamberg dagegen schon.

7. April 2013

Urban Art Biennale 2013

Urban Art Biennale 2013 im Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Urban Art Biennale 2013 - 01 - SugarRayBanister

Während andere Ostereier suchten, suchte meine Kamera Urban Art Referenzwerke und rostigen Stahl. Eine perfekte Symbiose findet man noch bis November im Saarland, genauer im Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Dort hat man nämlich die Urban Art Biennale 2013 geschaffen:

Die Metropolen der Welt sind die Inspirationsquellen der Künstler der Urban Art. New York, Los Angeles, Paris, Berlin, London, und das Weltkulturerbe Völklinger Hütte werden zu Orten der Begegnung mit einer Kunst, die dank Digitalkamera und Internet den Siegeszug auf den Straßen und in die Museen angetreten hat. Der Anfang der Urban Art liegt im Graffiti. Von den Jugendlichen der New Yorker Bronx in den späten 60ern auf U-Bahnwaggons und Häuserfassaden gesprüht, entwickelt sich der Graffiti Style zu einem globalen Ausdruck von Jugendkultur.

Urban Art ist ein weltumspannendes kulturelles Phänomen: Kunstmuseen und Galerien nehmen die Arbeiten der Post-Graffiti-Generation in ihre Sammlungen auf. Leinwandarbeiten der Urban Art-Künstler erzielen auf Auktionen bisweilen Höchstpreise. Die Stadt, die Straße bleiben das Arbeitsfeld der Urban Art-Akteure, die heute auch ohne Sprühdose auskommen und mit Leinwand und Pinsel das Erbe der Graffiti-Generation antreten. Das Weltkulturerbe Völklinger bietet der UrbanArt ein regelmäßiges Forum – die UrbanArt Biennale.

Ostern war auch offenbar genau der richtige Zeitpunkt für die kleine Exkursion. Entweder wussten nicht viele von dieser Kombination von urbaner Kunst und Industrie, oder es waren wirklich alle Ostereier suchen. Jedenfalls waren das Areal und die Ausstellung angenehm unterbesucht.

Urban Art Biennale 2013 - 03 - Arbeit von Augustine Kofie

Angenehm ist dieser Schritt über den Tellerrand. In Nürnberg hat jedes Graffiti, jedes Stück Urban Art um Aufmerksamkeit und um eine Daseinsberechtigung zu kämpfen (ja, ich weiss hin und wieder passiert auch hier großartiges, aber eher im Kleinen). In Völklingen wird das Ganze dem gemacht, was es ist, nämlich die spannendste und vielleicht auch wichtigste Kunstströmung im 21. Jahrhundert. Ein riesiges altes Stahlwerk als Galerie zu verwenden ist wunderschön, richtig und nicht weniger als angemessen.

Urban Art Biennale 2013 - 06 - SugarRayBanister

Urban Art Biennale 2013 - 08 - SugarRayBanisterUrban Art funktioniert nirgends besser als im Rahmen von alter Industrie, umweht vom Geruch des rostigen Stahls. Jedes Werk bekommt in Völklingen richtig viel Raum und viele der Sachen wirken, als wären sie für den Raum, in dem sie dort existieren, extra gemacht. Sie interagieren farblich und ästhetisch mit der Umgebung.

Allerdings nicht alle. Es gibt viel Großartiges zu sehen (ich habe bei weitem nicht alles fotografiert), aber ich muss dann doch mitteilen, dass mich gerade der Invader enttäuscht hat. Er bekommt zwar mit seinem plastischen Space Invader den mit Abstand meisten Raum zugewiesen, aber die Kunststoffpixelfigur funktioniert nicht mal annähernd so gut, wie die betonierten Kacheloriginale aus z. B. Paris. Hier fehlt wieder die „Natürlichkeit“, die diese Arbeiten haben, wenn sie spontan an Fassaden auftauchen. Schade, dass man sich da in Völklingen nicht zu durchringen konnte echte Invaderkacheln auf dem Areal zu verteilen.

Das ist aber nur ein winzig-wenig Kritik an der grundsätzlich großartigen Ausstellung.
Und es gibt ja auch noch mehr zu sehen.

Urban Art Biennale 2013 - 17 - SugarRayBanister

Wir haben es hier mit einem unfassbar komplexen, schön in die Jahre gekommenen, fast komplett (offiziell!) begehbaren und erforschbaren Industriedenkmal zu tun. Die Urban Art Biennale ist zwar umfangreich, belegt aber nur einen relativ kleinen Teil der alten Stahlhütte. Begibt man sich erst mal auf Entdeckungstour, kommt das Auge eines Urban Explorers ja gar nicht mehr aus dem Staunen raus. Ging mir jedenfalls so. Ich staunte die 3-4 Stunden der Tour. Viel weniger Zeit sollte man nicht einplanen, eher mehr. Die folgenden Fotos sollen meine Staunerei und den Forscherdrang ein kleinbisschen dokumentieren.

Die Tagesschau hat Biennale auch angekündigt. Für ihre Verhältnisse erstaunlich fresh sogar.

via Freundeskreis Street-Art Berlin

14. März 2013

Großversandhausfotografie

Quelle - Ausstellung Großversandhausfotografie

Im Dezember letzten Jahres bin ich mit einer beachtlich großen Gruppe durch das riesige Gebäude der alten Quelle gelaufen. Wir haben uns die Räume zeigen lassen und haben natürlich viel fotografiert. Schon damals gab es schnell die Idee, die Fotos nicht nur online zu zeigen, sondern sie auch im Rahmen einer Ausstellung zusammenzuführen. Kurzum, ich freue mich, dass sich 8 Fotografinnen und Fotografen gefunden haben, die nun im April gemeinsam inklusive meiner Wenigkeit in der Weinerei in Nürnberg Fotos aus dem alten Versandhaus ausstellen.

Das Quelle-Versandgebäude ist das derzeit zweitgrößte “leerstehende” Gebäude Deutschlands, nach dem alten Flughafen Tempelhof in Berlin. Es befindet sich derzeit in einem Dämmerzustand zwischen Leben und Stille. Teile des Areals werden von Künstlern, Designern, Musikern und Kreativen genutzt, die ideale Räume für ihr Schaffen gefunden haben. Ein weitaus größerer Teil, meist riesige Räume der alten Versandflächen, aber auch Bürotrakte, stehen derzeit tatsächlich leer.

Die Ausstellung dokumentiert diesen Zustand der ungewissen Nutzung und des großflächigen Leer- und Stillstandes, aber auch den aufkeimenden Neuanfang.
Die Sammelausstellung präsentiert Fotografien von:

Mehr Infos gibt es hier. Wir werden alle zur Vernissage anwesend sein und natürlich über die Bilder und die Quelle selbst viel zu erzählen haben.

Die Vernissage findet am Donnerstag, den 04.04.2013 um 20 Uhr mit musikalischer Begleitung durch DJ Nosmoke statt (es gibt ein Facebook Event).
Die Ausstellung wird in der Weinerei bis zum 27.04.2013 zu sehen sein.

 

Update

Bei nordbayern.de sind Bilder von der Vernissage zu sehen.
Das Franken Fernsehen hat zudem einen wunderbaren Fernsehbeitrag über die Weinerei Nürnberg und die Ausstellung gedreht. Der Typ der die Weinerei erklärt bin ich :)

21. Februar 2013

Schwesternwohnheim 2013

Nürnberg Schwesternwohnheim 2013 #01

Das Schwesternwohnheim am Nordklinikum in Nürnberg war einst der Artikel hier im Blog, mit dem hier alles losging. Fast sieben Jahre ist das her und eben solange hat es gedauert, bis ich das alte Wohnheim wieder genauer ins Auge genommen habe. Abgerissen, wie damals zu lesen war, wurde es bislang nicht, auch wenn es innen so aussieht, als wäre es versucht worden; und man denkt wohl immer noch über ein neues Parkhaus anstelle des Wohnheims nach.
Es ist offensichtlich wirklich sehr ramponiert. Die Polizei hat geübt, Kids haben gefeiert, Sprayer sind ihrer Profession nachgegangen, Filme wurden gedreht. Und der Zahn der Zeit hat auch Spuren hinterlassen. Viele Fenster stehen offen, es kann reinregnen und es ist dementsprechend feucht und schimmelig in etlichen Räumen. Das Gebäude soll nun richtig versiegelt und zugemauert werden, wohl um weiteren Vandalismus zu vermeiden. Es ist auch nicht so ganz ungefährlich sich in dem Block zu bewegen (Kaputte Treppen, Löcher in Wänden), das Klinikum will offenbar vermeiden, dass jemand zu schaden kommt.

Vielleicht möchte man auch die Überreste und Spuren menschlicher Zivilisation konservieren, denn davon gibt es sehr viel in dem Gebäude. Ich habe mich bei meinem Besuch auf eben diese Spuren konzentriert. Es gibt fast keinen Raum in dem Hochhaus, in dem nicht irgendwas zu finden ist, was auf fremdartige Kulturen hinweist. Es ist eine Mischung aus Originalen, erstellt und hinterlassen von den Mädchen bzw. Schwestern die in dem katholischen Wohnheim einst wohnten, und Graffitis bzw. eher halbherzige Versuche der Wandgestaltung, die während des Leerstandes entstanden sind. Künstlerisch würde ich die Werke eher in die Kategorie der infantilen Experimente stecken, aber vereinzelt sind auch ganz nette Sachen zu finden, die etwas mehr Aufwand verlangten. Eine Auswahl kann man in der Fotogalerie weiter unten sehen.

Nürnberg Schwesternwohnheim 2013 #28

Das Highlight des ganzen Gebäudes ist die Dachterrasse. Sie bietet einen tollen Blick über Nürnberg, hat vermutlich schon etliche grandiose Sessions in lauen Sommernächten erlebt. Heutzutage hat sie einen tollen verranzten Subkultur-Charme durch all die Graffitis.

Nürnberg Schwesternwohnheim 2013 #32

 

Die Fotogalerie mit weiteren Fotos aus dem Schwesternwohnheim. Einfach auf die Bilder klicken.

Es gibt zudem weitere Fotos von René Rdmsky und von Danko.Green.

Seiten:12345678910»


Soziales Nerdswerk

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um dieses Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Unterstützung

Wer die Arbeit von Sugar Ray Banister unterstützen möchte, kann das gerne über Flattr tun oder eine kleine Spende via Paypal senden. Dankeschön!