Browsing articles tagged with "Beobachtung Archive - Seite 3 von 5 - Sugar Ray Banister Fotoblog"
21. August 2011

Städteranting

Falls man mit dem eigenen Wohnort oder mit der Wohnsituation oder mit dem sozialen Umfeld, dem kulturellen Angebot, dem Ansehen, der Hippness oder der Strahlkraft des Aufenthaltsortes leicht unzufrieden ist, dann könnte man sich vielleicht bei Gelegenheit in zwei Diskurse einlesen die unterschiedlicher und gleichzeitig gleicher nicht sein könnten und möglicherweise sogar exemplarisch sind.

Städtera(n)ting Berlin

Da haben wir zum einen die leicht an Identitätsarmut leidende ewige Nummer zwei in Bayern. Der Stadt in der, seit dem der Vorschlag aufgetaucht ist, wieder die Sperrzeiten zu verkürzen, es praktisch niemanden mehr gibt, der nicht irgendeine Meinung über die Lebensqualität von Nürnberg hat. Manifestiert hat sich das in den Kommentaren zu dem Artikel “Nürnberg: Die langweiligste Großstadt Deutschlands?“. Alle möglichen Meinungen die man zu Nürnberg haben kann wurden niedergeschrieben bzw. gerne auch mal hingekotzt. Wer in Nürnberg wohnt bzw. in vergleichbaren Städten, dürfte die eigene Meinung in den Kommentaren wiederfinden.

Gentrification Berlin

Zum anderen haben wir eine Stadt die defacto Hauptstadt ist und sich in der Selbst- und Fremdwahrnehmung quasi über den Rest im Lande stellt, aber eigentlich mitten in der Pubertät steckt. Eine Stadt, die mehr Probleme hat, als der ganze Rest in Deutschland zusammen, aber gleichzeitig über die Anziehungskraft eines schwarzen Loches verfügt und nicht nur theoretisch Lebendigkeit versprüht. Vorbild und Heilsbringer für Orte und Leute mit Profilneurosen. Nun herrscht dort auch ein ganz eigener Diskurs, der in den Kommentaren zu dem anderthalb Jahre alten und immer noch fröhlich kommentierten Text “Der Berliner Szenemensch” hervortritt, denn offenbar nervt es gewaltig, wenn Leute endlich im Hedonisten-Mekka angekommen sind, sich uniformieren und stereotypisieren und zwanghaft versuchen sich abzugrenzen und zu individualisieren und das Schlachtfeld die eigene Stadt ist.

Tja, wo man auch hinkommt, es wird gemeckert. Allerdings ist die Diskussion dieselbe auch wenn das Thema ein anderes ist. Selbst die Argumente sind ähnlich. Es geht um diese leichte Unzufriedenheit mit sich und dem Universum und dagegen hilft ganz gut einfach mal den Blick zu weiten, auf beiden Seiten und über den Tellerrand. Und Humor.

30. Juli 2011

Nürnberg und das Image

Nürnberg Leonhardstr.

Es lebt sich unspektakulär in Nürnberg. Die Stadt will zwar irgendwie was sein, irgendwo vorne mitspielen, irgendwas tollstes größtes bestes haben. Will Historie und Urbanität haben, will Nachtleben haben und Urlaubsziel sein mit Flair und Lebensgefühl und vergisst/übersieht dabei leider den größten Vorteil: Nürnberg ist Großstadt (faktisch, nicht gefühlt) in Slowmotion.
Man kann zwei Monate weg sein und man verpasst nichts. Es ist allen einfach verdammt egal was ist und was werden könnte. Und das ist ein Vorteil, in einer Zeit in der der Rest der Welt beim laufen die Beine nicht nach bekommt. Nürnberg ist der Fels in der Brandung. Die Stadt ist offensichtlich gegen jede Art von gesellschaftlicher oder kultureller Strömung immun (seit dem Wiederaufbau).

Natürlich will sich die Stadt auch als Marke verkaufen, klappt nur nicht wenn Realität und Werbung etwas auseinanderklaffen. Egal was es zu sein gibt, Nürnberg ist es nicht und das ist verdammt nochmal ein Aushängeschild mit gestrecktem Mittelfinger und eine Oase in einer Welt, in der alles eine Marke sein muss!

10. Juli 2011

AdBK Sommerfest Rezipienten

Am 09. Juli fand wie jedes Jahr das Sommerfest der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg statt. Ein Anlass den man nicht ungenutzt lassen kann wenn man Kunstinteressierte ungestört in freier Wildbahn beobachten möchte.

ADBK_1486

Technik: Canon EOS 1000D, Standardobjektiv 18-55 mm (leider mit zu wenig Akkuladung).
Fotos sind manchmal leicht gecropped und farblich etwas mit Sepia abgemischt.

28. April 2011

Neue Nürnberger Urbanität

Ein Text der in den Straßen von Nürnberg lange Zeit nachhallte war der Artikel “Geschmeidige Gangart – Demoskopen und Ökonomen haben die langweiligste Großstadt Deutschlands ermittelt: Nürnberg” (als PDF) aus dem SPIEGEL 31/1992. Der Autor dieses Blogs kam etwa 10 Jahre später in die Stadt und dennoch fing er an in fast genau demselben Ton mit denselben Beobachtungen zu schreiben und zwar unbeeinflusst von eben jenen Artikel, denn es mussten fast noch mal 10 Jahre vergeben bis der Autor Inhaltliche Kenntnis des Artikels erlangte.

Die Frage stellt sich nun, ob sich seit dem in Nürnberg irgendwas verändert hat. Vielleicht dazu ein kleines Beispiel. Zu Beginn des neuen Jahrtausends war es in Nürnberg auffällig leer auf den Straßen. Nicht nur fehlte (und nach wie vor fehlt) es an Kunst und Zierrat im öffentlichen Raum, überhaupt fiel die völlige Abwesenheit von Straßenkultur auf. Die Straßen waren, und sind es meist immer noch, auf ihre eigentliche Funktion als Wege reduziert. Bis heute gibt es in der Stadt keine Flaniermeile, geschweige denn einen Boulevard oder ähnliches. Also Orte die auf ihre Weise Eleganz oder Charme versprühen, Orte an denen man sich niederlässt um durch den Ort zu wirken, auf sich und auf andere, um die Wertigkeit des Ortes anzunehmen und um auch von anderen auf diese Weise wahrgenommen zu werden. Das alte Spiel von sehen und gesehen werden.
Der Spiegelartikel erklärt die Fränkische Seele als “selbstzweiflerisch, grüblerisch und nach innen gekehrt” und das spiegelte sich ganz offensichtlich in der Straßenkultur wider. Wer braucht schon ein schniekes Straßencafé, wenn man in der Nachkriegsbehausung vorm Fernseher sitzen kann?

Neue Nürnberger Urbanität 2

Mittlerweile kann man aber sonderbares in den Straßen der Stadt beobachten: kleine Tischgrüppchen sammeln sich vor den Bäckerstuben, Cafés, Restaurants, Bars und selbst vor Modeboutiquen als wäre es nie anders gewesen. Jede Eckkneipe hat Klapptische vor der Tür und selbst die Norma kommt nicht mehr ohne aus. Es scheint ein Bedürfnis nach Öffentlichkeit oder der beschrieben Straßenkultur zu herrschen. Schätzungsweise haben die Immigranten diese Lebensart nach Nürnberg geschleppt. Der fränkischen Mentalität wäre diese Art des urbanen Lebens nie entsprungen. Ich kann mich irren, aber der erste Stuhl auf einem Gehweg in Nürnberg stand bestimmt vor einem Obst- und Gemüseladen in Gostenhof. Kann auch sein, dass die Globalisierung mit ihren “McCafés” auch in der Frankenmetropole nicht haltgemacht hat (in der Globalisierung haben individuelle Kulturen nun mal zu leiden, warum soll es den Franken da anders gehen? Aber das führt zu weit jetzt).

Soweit, so gut. Nur gibt es da ein kleines peinliches Problemchen: Nürnberg wurde nie für ein öffentliches Leben gebaut. Die Architektur der Stadt funktioniert mit diesem Lebensstil nicht mehr. Die Straßen sind zu klein und zu eng, es gibt keine Plätze und es gibt vor allem keine einladenden Plätze (ja, es gibt den Tiergärtnertorplatz, aber der ist auch klein und eng). Selbst Neubauten werden in dem Stil der introvertierten Stadt geplant und errichtet. Der öffentliche Raum beschränkt sich meist auf drei-vier Meter Gehweg zwischen Fassade und zugeparkter und/oder befahrener Straße ohne Baumbestand und drum rum die ewig hässlichen eintönigen Fassaden die selbst einen üppigen Teil der Altstadt ausmachen. Und so kommt es dann, dass diese wenige Meter Gehweg die neue Nürnberger Urbanität definieren. Urbanes Flair auf fränkische Art.

Neue Nürnberger Urbanität 1

Und jetzt noch mal die Frage: Hat sich was seit 1992 verändert?

20. April 2011

Istanbul Exkursion

Istanbul 01

Istanbul ist die Stadt, die man besuchen sollte um jedes auf welche Weise auch immer entstandenes Bild türkischer Kultur anzupassen, umzudeuten oder zu korrigieren. Eine Reise nach Istanbul lohnt sich. Es gibt Eindrücke en masse, Überraschungen auch und nicht zuletzt hält die Stadt einen nicht unerheblichen Batzen Charme bereit, den man so nicht erwartet hätte. Meine erste Tour nach Istanbul, sicher nicht die Letze. Hier ein paar Handlungshinweise:

Unterkunft

Egal was alle anderen sagen, man besorgt sich ein Hotel oder Hostel in Taksim was praktisch das Zentrum der Stadt ist. Ok, bei so einer großen Stadt ist es schwer ein Zentrum zu definieren, aber nur Touristen glauben, dass sich das Zentrum durch die Altstadt (Sultanahmet oder Eminönü) definiert.

Allgemeines

Alle Taxis haben ein Taxameter und es sollte an sein. Sind sie auch normalerweise aber die Taxifahrer sind auf Touristennapping spezialisiert und man sollte besser prüfen ob es läuft. Wenn nicht, dann steigt man aus und nimmt das nächste Taxi. Es gibt Tages- und Nachtfahrpreise. Die Fahrer sprechen nicht viel mehr als Türkisch und sie fahren gerne die längere Tour zum Ziel um einen höheren Fahrpreis zu bekommen. Ihnen Adressen zu geben hilft nicht viel, man muss ihnen Hotelnamen, Sehenswürdigkeiten oder Landmarken sagen oder was im Reiseführer zeigen oder so. Wenn sie das Ziel nicht kennen, fahren sie trotzdem irgendwo hin. Am Ende kommt man aber an. Beim Wechselgeld wird dann auch noch mal gerne geschummelt.

Es gibt auch eine U-Bahn und in Taksim eine tief unter der Erde steckende Station aber man wundert sich, was man von Taksim aus alles locker zu Fuß erreichen kann. Die Altstadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten auf jeden Fall, endlos viele Shops und Clubs und Bars sowieso.

Wenn man im Restaurant etwas bestellt sollte man drauf achten, dass man vorher den Preis kennt. Wenn z.B. der Preis fürs Essen ok aussieht und man sich einfach einen Drink dazu bestellt (in der Annahme, der Preis sei dann wohl auch ok) kann man möglicherweise sein kleines Wunder erleben. Nachverhandlungen sind aussichtslos. Wenn man etwas zum Drink dazu bekommt (z.B. Nüsse in einer Bar) sollte man auch besser mal nach dem Preis fragen. Die sind meist nicht kostenlos.

Wenn man wie ein Tourist aussieht bzw. nicht türkisch, wird man gerade an den Läden, Bars und Restaurants an den touristischen Orten von auf Touristen spezialisieren und sehr aufmerksamen Mitarbeitern sehr offensiv umworben doch bitte in genau ihr Geschäft zu kommen. Man wird teilweise sehr gekonnt und manchmal nicht mal auffällig in ein Gespräch verwickelt (gerne auch auf fließend Deutsch) und man landet dann wenn man nicht aufpasst in eben jener Lokalität. Diese Läden sind nicht per se schlecht, aber teilweise halt doch. Die wirklich guten Läden haben solch Offensivmarketing nicht nötig. Protipp (macht man nach dem 35sten Touristenfänger eh automatisch): diese Leute einfach eiskalt ignorieren.

Sultanahmet

Das ist der historische Teil der Stadt und hat viele große und kleine Sehenswürdigkeiten. Wenn man sich die Führungen spart und sich einfach nur treiben lässt, schafft man die Altstadt zu Fuße leicht an einem Tag mit Sachen wie:

  • Die Sultan-Ahmed-Moschee mit ihren sechs Minaretten (weswegen die Moschee in Mekka ein zusätzliches Minarett bauen musste)
  • Hagia Sophia, eigentlich eine Orthodoxe Kirche aus den Zeiten Konstantinopels, dann zur Moschee umgebaut und heute ein Musem
  • Topkapı-Palast, der alte Palast des Sultans
  • Die Cisterna Basilica, oft auch Versunkener Palast genannt, ist eine spätantike Zisterne westlich der Hagia Sophia. Szenen aus dem Bondstreifen „Liebesgrüße aus Moskau“ wurden hier gedreht.
  • Der große Basar. Ok, sollte man mal gesehen haben wie unglaublich groß, bunt und wuselig ein Basar sein kann. Allerdings verderben einem die oben genannten Touristenfänger die Laune und es ist zu voll und zu wuselig. Kaufen will man eh nichts. Man findet all das Zeug anderswo auch und vermutlich sogar billiger.

Istanbul 09

Taksim

İstiklal Caddesi ist die Hauptstraße mit hunderten von Geschäften, Restaurants, Cafes und all das. In den Seitengassen verstecken sich dann auch zu allem Überfluss noch viel mehr davon. Es ist sicher nicht die beste Einkaufmeile, die ganzen globalisierten Standartmarken finden sich zuhauf hier. Individuelles findet man wenn, dann in den Seitengassen der Seitengassen aber man findet hier lecker Essen. Viele Clubs findet man hier auch, die mainstreamingen direkt an der Straße, die besseren etwas versteckter in den Seitengassen (eh klar).
Wenn man was essen geht entweder Efes (Bier) trinken oder lecker Türkischen Wein (trocken). Dazu als Starter oder vollwertige Mahlzeit „Meze“, die türkischen Tapas.
Läuft man die Straße bis zum Ende kommt man an den „Taksim square“. Ein riesiger, aber nicht sonderlich schöner Platz und Verkehrsknotenpunkt. Hier wedelt man entweder eine türkische Fahne auf irgendeiner Kundgebung oder taucht in die angrenzenden Stadtteile ab.

Beşiktaş

Schonwieder ein Zentrum der Stadt. Barbaros Bulvari ist die Hauptstraße inkl. Den tausenden von Restaurants. In der Nähe ist der Dolmabahçe-Palast, der neue Palast des Sultans direkt am Bosporus, der sehr europäisch aussieht und vor Superlativen fast platzt. Von Beşiktaş kommt man mit der Fähre auch rüber nach Asien (von woanders auch). Vom Palast mal abgesehen ist diese Ecke schon nicht mehr so touristisch. Man wird nicht mehr in alle möglichen Läden gezerrt sondern höflich bedient, auch die Bars sind angenehm.

Das Museum für Moderne Kunst, Istanbul Modern, ist glaub ich auch gerade noch in Beşiktaş gelegen. Kann man sich angucken, sind schöne Sachen drin, die man allerdings auch schon kennt, wenn man sich minimal für zeitgenössische Kunst interessiert. Falls man sich auf heißen Scheiß aus der Istanbuler Kunstszene freut, ist man hier falsch. Überhaupt wird wohl dem Vernehmen nach eine blubbernde Kunstszene in der Stadt ziemlich unterdrückt bzw. existiert diese nicht sonderlich, auch wenn man Spuren von ordentlicher Streetart findet, ist diese zwar da, aber wenig originell im Sinne von bekannt aus anderen Städten.

Istanbul 14

Nişantaşı

Der Shoppingstadtteil, falls man eine gut gefüllte Portokasse übrig hat. Auch mit zehntausenden von Bars und Restaurants. Außergewöhnlich ist, dass hier die Einkaufsläden sonntags geschlossen haben, wohingegen man in Taksim sonntags um 23:00 Uhr noch seine Turnschuhe kaufen kann, die sich übrigens auch preislich von hiesigen Einkaufsstraßen nicht unterscheiden. Überhaupt sollte man nicht glauben, dass Istanbul besonders billig ist.

Hat man diese Teile der Stadt abgelaufen, hat man sicher schon einen guten Einblick bekommen bzw. den Charme gerochen. Ist man erst mal von den Touristenfängern weg fallen tolle Kleinigkeiten auf, wie z.B. wunderhübsche Frauen/Menschen auf den Straßen, viele freundliche Gesichter, häufiger Körperkontakt untereinander bzw. auch gerne mal ein tapfere Klopfer auf die Schulter als Entschuldigung wenn man mal angerempelt wurde. Natürlich auch die komplett bis auf das Gesicht verhangenen Frauen, die aber manchmal auch nicht ohne Desingerbrille auskommen. Und auf einmal entdeckt man dann, was für eine wohlklingende und schöne Sprache Türkisch doch ist. Kein Vergleich mit dem bekannten Unterschicktendialekt aus den U-Bahnen der Republik. Auch wenn man nix versteht, ist die Sprache phonisch sehr interessant und es macht Spaß Leuten beim Meze bestellen zuzuhören (oder was auch immer da geredet wurde).

Achja, unbedingt testen sollte man auch ein Hamam für ein zwei Stunden und sich auch ein Extra gönnen wie eine Schrubbung. Ein kräftiger und haariger Mann kommt dann an und seift, rubbelt und schrubbt einen so richtig blitzeblank (bei den Frauen ists ähnlich. Nur hat der Schrubbmeister weniger Haare und noch mehr Brustumfang). Die Geschlechter sind strikt getrennt und zumindest bei den Männern wird zu dem peinlich drauf geachtet, dass einem das kleine Handtuch nicht verrutscht, was einer gewissen Putzigkeit nicht entbehrt.

Die Stadt lädt also zum Eintauchen ein und überrascht mit einer besonderen Szenerie wenn zu bestimmten Zeiten die Geräusche der Stadt durch den Muezzin übertönt werden. Hat schon was Unverwechselbares wenn man sonst nur Kirchengebimmel gewohnt ist.

Technik: Panasonic Lumix DMC-FZ28 und HTC Desire HD mit Vignette

19. März 2011

Frankendämmerung

Frankendämmerung (Diesiger Nürnberg Burgblick)

Statusupdate: Mittlerweile verbreitet die Stadt so ein kleines wohliges Aufschwunggefühl. Es wird gebaut. An allen Ecken und Enden schwingen Bagger und Abrissbirnen umher. Gebäude werden entkernt und von Gerüsten umzingelt. Selbst einzelne das (Alt-)Stadtbild prägende Nachkriegsbauten müssen um ihre Existenz fürchten. Ohne es jetzt besser zu wissen vermutet der Autor dieser Zeilen, dass investiert wird, irgendein Konjunkturpaket greift oder beides. All die Jahre ist nix passiert und die Frage stand im Raum, was denn all die Leute machen, wenn sie sich schon nicht um ihre Stadt kümmern. Jetzt sieht’s so aus, als wäre man auf die Idee gekommen, doch mal wieder ein bisschen was zu erneuern und aufzubauen bzw. sich um Brachen und Ruinen zu kümmern. Gut so. Wird auch Zeit.

25. Juli 2010

Krakau Exkursion

Krakau Altstadt

Nürnbergs Partnerstadt Krakau gehört nicht unbedingt zu den Alphazielen wenn es um Städtereisen geht. Aber genau das hat es so interessant gemacht. So mancher schwärmte schon von der Stadt und ihrer Lebendigkeit und dem Flair. Geheimtipp. Es brauchte also nicht viel Überredungskunst und die Reise, die vom Cafe/Bar Wanderer/Bieramt zusammen mit Polenreisen organisiert wurde war gebucht, galt es doch den eher enttäuschenden Aufenthalt in Prag wieder gut zu machen und ums kurz zu machen: Mission accomplished! Krakau fesselt, insbesondere das schön ranzig und leicht skurrile jüdische Viertel Kazimierz saugt einen direkt an. Idealparkett für die Bohème. Dicke Auswahl an Cafés, haufenweise kleine Läden und Boutiquen, viel Antiquitäten, Restaurants, Kneipen, Bars, Clubs und wer weiß was alles. Haufenweise tolle und inspirierende Orte. Viele Leute, insbesondere junge und sehr schöne Menschen auf den Straßen und das alles äußerlich in einem recht runtergekommenen aber insgesamt in einem kultivierten Stil. Die Fassaden zu renovieren würde den Charme vernichten. Man guckt einfach viel zu verträumt auf die herrlichen alten Häuser mit den verblichenen Beschriftungen und dem bröckelnden Putz. Was anderswo direkt renoviert wird gehört hier scheinbar zum guten Ton, denn die Bars und Läden selber sind mit viel Liebe zum Detail und sehr individuell eingerichtet. Was gerade an den Ostkneipen so herrlich stimmig ist (und bei Ostkneipen beginnt der Osten in den neuen Bundesländern), sind die oftmals sehr künstlerisch, aufwändig und gerne auch mit einem guten Schuss Humor und Ironie gestalteten Räume. Sterile und funktionale Bars gibt es auch in Krakau aber sie kuscheln sich gemütlich an die Künstlerkneipen und haben sich gern. Man staunt also beim Kaffee und beim Bier, dass man je nach Ort mit Händen und Füssen oder mit gebrochenem Englisch bestellt bekommt. Die Zlotys rinnen einem aus der Hand, manchmal auch etwas unfreiwillig, aber egal. Es hat Charme!

Krakau Singer

Manchmal wird man auch eingeladen, von einer hyperaktiven Kunsthistorikerin z.B. die der Reisegruppe eine fulminante Tour durch die Stadt und ihre Geschichte spendierte (bzw. hat wohl die Städtepartnerschaft eine Rolle gespielt. Danke an dieser Stelle!), vorbei an viel Jüdischer Historie, Originalschauplätzen aus Hollywood Filmen (Schindlers Liste), der prächtig und touristisch renovierten Altstadt, vorbei an ruhmreichen Königen und atemberaubenden weil unglaublich aufwändig und präzise gearbeiteten Kunstschätzen bis hin zu umstrittenen Gegebenheiten der Neuzeit, wie dem Grab des jüngst verstorbenen Polnischen Präsidenten Kaczinski. Eher wenig prächtig und wenig ruhmreich aber nun liegt er halt da und Menschen stehen Schlange um sein Grab anzufassen.

Prag gab seine Authenzität nicht gerne preis. Viel zu überladen war die gewollte touristische Attraktivität die es am Ende halt versaut hat. Da ist Krakau anders. Kazimierz wirkt zum einen noch recht unverfälscht und mit der Bimmelbahn gelangt man auch schnell nach Nova Huta und ist direkt in einer Satellitenstadt, einem künstlichen Arbeiterviertel, eine korrekte kommunistische Planstadt aus dem Bilderbuch, rund um ein Eisenhüttenkombinat vom Fließband gebaut und nach wie vor bewohnt und gut in Schuss. Keine schönen Menschen mehr auf den Straßen und keine Bohème. Dafür das echte Leben (vermutlich) und die Arbeit oder halt auch keine Arbeit. Man munkelt, dass Nova Huta der Gegenpol zu Kazimierz ist. Es stößt sich ab. Man mischt sich nicht. Obwohl Nova Huta nicht unfreundlich oder unangenehm ist, nur hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Krakau, eine Stadt mit zwei Welten und zwei Herzen. Nicht uninteressant.

Cracovia Nova Huta

Eine Auffälligkeit hat Krakau zusätzlich zu bieten: es besitzt eine fast schon unangenehme Anzahl an Überwachungskameras. Es ist auffällig, dass viele Plätze und Ecken, insbesondere Eingänge von Gebäuden von Kameras überwacht werden. So richtig unbeobachtet fühlt man sich in der Stadt nicht. Etwas Sicherheit gibt da die Tatsache, dass einige der Kameras Placebos sind, ohne Innenleben oder nicht verkabelt. Interessanterweise war sich selbst eine Reiseführerin, die sich ja mit der Stadt auskennen sollte, der Kameras nicht bewusst. Krakau hat eine stark jüdisch geprägte Geschichte und da in Deutschland jüdische Friedhöfe stark überwacht werden, kam die Vermutung hoch, dass Krakau aus Vorsicht vor Antisemitismusattacken die Stadt überwacht. Das wurde jedoch dementiert. Die Kameras sind wohl eher ein Wahn der Einwohner.

Das Jüdische Kulturfestival war eher klein bzw. wirkte unterbesucht, jedenfalls wenn man den Ankündigungen geglaubt hat. Es gab auch Stimmen, die in den Vorjahren mehr Aktivität festgestellt hatten. Egal, es ist ein lebendiges Straßenfest mit viel Flair, ohne Sperrzeiten und mit tanzenden Rabbinern. Sehr angenehm, aber ich will noch etwas über Auschwitz schreiben, einen Ort den man von Krakau aus mit dem Bus leicht erreicht. Die Frage, wie es denn war, lässt sich nur schwer beantworten da Wörter wie “toll” einfach nicht greifen. Es führt einem die Grausamkeit des Holocaust sehr plastisch vor Augen und zwar spätestens in den Räumen in denen die originalen Schuhe, Brillen und Koffer der Opfer bergeweise gestapelt sind. Wenn man die Namen auf den Koffern liest die von Leuten angebracht wurden, die ihre Koffer später wieder haben wollten, dann kommt die Geschichte ganz nah in die Gegenwart zurück und zwar in Farbe, denn es sind die verdammten Originalkoffer die da liegen und nicht die ewig wiederholten verwackelten und surreal wirkenden Schwarzweis-Filmdokumente. Ein Ort der wirkt, auch wenn die Besuchermassen etwas zu routiniert und fliessbandartig geführt werden. Ausschwitz ist eine Gradwanderung aus touristischem Ausverkauf und historischem Erbe.

Touristenmassen in Auschwitz

Ok, viel zu kurzer aber umso intensiverer Trip nach Krakau. Lohnt sich. Die Partnerkneipe heißt übrigens Prowincja unweit vom großen Hauptmarkt in der Altstadt.

15. August 2009

Authentizität in Prag

Prag von hinten

Man wird das Gefühl nicht los, dass sich Prag komplett dem Tourismus hingegeben und unterworfen hat und das stößt etwas unangenehm auf. Man ist ja in eine Hauptstadt eines fremden Landes, einer fremden Nation und somit in eine fremde Kultur gefahren, von der man was erfahren oder zumindest mal gesehen haben möchte und zwar unverfälscht. Aber in Prag kann man die Altstadt und alles in näherer Umgebung nur als „Disneyland“ bezeichnen. Es schieben sich Massen an Touristen im Schneckentempo über die Karlsbrücke. Davor und dahinter säumen Unmengen der immer gleichen Andenkenshops die Strassen und man glaubt gar nicht wie viele Überwachungskameras nötig sind, um selbst kleine Nebengassen im Blick zu behalten. Nix mit Authentizität, so gar nicht. Es haben nur noch Schiessbuden und Zuckerwattestände zum perfekten Rummel gefehlt.

Auch ein anderes Thema kam direkt am zweiten Tag auf die Agenda: Korruption! Tschechien ist laut Transparency International gerade mal Mittelklasse was dieses heikle Thema angeht. Als Tourist bekommt man davon sicherlich nicht viel mit, wenn man nicht grade aufgefordert wird das Hotelzimmer zu wechseln weil jemand anders rein will oder wenn einem beim Mittagessen von Fremden am Tisch erzählt bekommt mit was für Hürden man als Ausländer zu kämpfen hat wenn man ein Gründstück verwalten möchte. Ok, es ist nichts bewiesen aber man geht auf einmal mit einem ganz anderen Blick durch die Strassen. Korruption ist unfair und schwer zu greifen aber auf einmal war sie auf eine unheimliche Art gegenwärtig.

Was kann man in Prag nun sehen? Vorzeige-Enfant terrible David Cerný hat Spuren in der Stadt hinterlassen die es zu entdecken gilt. Am auffälligsten sind seine krabbelnden Babies am hübsch spacigen Fernsehturm und auch seine „Pissing Men“, die gemütlich SMS-Textnachrichten auf eine Karte von Tschechien pinkeln sind einen Blick wert. Und nicht zuletzt hängt das EU-Aufrege-Kunstwerk Entropa zurzeit im DOX Zentrum für Gegenwartskunst, ein Ort der im Vergleich zur Karlsbrücke angenehm unterbesucht ist.

Die Straßenbahnlinie 22 verrät etwas mehr von der Stadt als das touristische Zentrum. Zwar auch nix um in Poesie zu schwelgen, aber auf der Suche nach der sozialistischen Vergangenheit und den in die Jahre gekommenen Vorortdatschas mit dem Lada im Hof wird man so am ehesten fündig. Auch sieht man so die Millionen von kleinen Geschäften die jede Strasse säumen und die was Asiatisches haben und die Leute selbst die mit Kleidung und Ausdruck den Westen verinnerlicht haben. Mit ihren Autos sowieso. Wenn jemand osteuropäisch aussieht, dann sind’s russische Touristen.

Eine Offenbarung war der Cross Club unweit des DOX, ein mit viel Liebe, noch mehr Zeit und Hingabe gestalteter industrieller Cyberpunktempel. Von alten Bohrköpfen über metallene Nähmaschinen bis hin zu Motorblöcken wurde hier alles zu Licht-, Sitz- und Raumelementen verbaut was man auf einem gut sortierten Schrottplatz finden kann. Dazu glasklarer Sound, ein Kino, viele Bars und noch mehr Areas mit Garten auf mehreren Etagen und entspanntem Publikum. Ein Club wie aus dem Bilderbuch.
Wohingegen sich der Parukarka Bunker Club als Flop herausgestellt hat. Nicht alles was hinter einer dicken Stahltür und mehrere Stockwerke tief in der Erde steckt hat auch direkt Flair. Aber wer ein bunt gepinseltes Jugendzentrum mit billigem Bier mag ist hier sicher richtig. Aber billiges Bier kann man auch in einer der vielen Prekariatskneipen haben. Das bringt zudem die lang vermisste Authentizität mit und gerne auch einen Altherrenmonolog unter starkem Alkoholeinfluss während der Typ hinter einem es sich schon auf der Eckbank für die Nacht gemütlich macht.

Prag hinterlässt einen gemischten Geschmack. Sicherlich sind zweieinhalb Tage zu wenig um in eine Kultur einzutauchen. Auf der anderen Seite gibt es Orte die weniger Zeit brauchen um zu begeistern. Im Zweifelsfall noch mal besuchen.

Seiten:«12345»