Nürnberger Lebkuchen
Nürnberg, Kilianstr. im Dezember 2012
Der Goldene Saal der Zeppelintribüne
Seit neuestem ist die Besichtigung der Innenräume der Zeppelintribüne im Rahmen einer Führung über das ehemalige Reichsparteitagsgelände möglich. Zu diesen Innenräumen gehört insbesondere der “Goldene Saal”, in dem sich einst die Größen des Naziregimes trafen, bevor sie zu ihren Ehrenplätzen geleitet wurden. Mehr Infos hier oder dort.
Die Räume sind in einem etwas besseren Zustand als es das marode Äußere der Tribüne vermuten lassen würde. So richtig lange dürfte das Bauwerk von selbst aber nicht mehr durchhalten. Einige Räume im Inneren werden bereits abgestützt. Das Geld für eine Sanierung (man munkelt derzeit von 75 – 80 Mio €) hat niemand und mittlerweile müsste man die Tribüne auch zu 80% wenn nicht gar komplett sanieren. Erneuerte man aber die ganze Fassade würde die Tribüne am Ende wirken wie ein Neubau. Ein kleines Dilemma. Wie rechtfertigt man den Neubau von Nazi-Architektur? Vor dem Hintergrund ist eine Sanierung ein etwas heißeres Eisen, das dem Vernehmen nach niemand so richtig anfassen mag.
Nürnberg Impressionen #17
Edition Gostenhof
Dies war dann vorerst der letzte Fotowalk mit Terence Jones. Nach den eher etwas blutleeren Ecken der Fotospaziergänge der letzten Wochen war zum Abschluss dann Gostenhof dran. Jenes Viertel in Nürnberg das durchaus das Prädikat „lebendig“ verdient. Es ist zwar auch hier noch genug Luft nach oben übrig, aber für Nürnberger Verhältnisse ist in dieser Ecke noch am ehesten was los. Man sieht, dass mehr Menschen unterwegs und draußen sind als anderswo in der Stadt. Es gibt recht viele Läden, Büdchen, Bars und sonst wie Orte, an denen Leben stattfindet und es wird in Gostenhof mit der Stadt gelebt, sprich es wird modifiziert, gestaltet, verändert, geprägt. So wie es sich gehört. Auch wurden wir vergleichsweise oft angesprochen. Mit unseren Kameras und unseren grenzdebilen Blicken auf Fassaden sind wir dann wohl doch aufgefallen. Z.B. passierten wir die Straße in der das Foto der hübschen Unbekannten am Geländer für die Nürnberger Presse entstanden ist. Die Puppe war mittlerweile verschwunden. Dafür war ein Bekannter des Besitzers da, der uns mehr oder weniger stolz erzählte, dass die Puppe letztens in der Zeitung war. Ich gab mich als Urheber jenes Presseartikels nicht zu erkennen, äußerte aber meine Begeisterung ob der artifiziellen Gestaltung des Rohbaus.
Als wir die Flecken an den Neubauten in der Mittleren Kanalstraße fotografierten kam einer der Bewohner bzw. Besitzer eines der Reihenhäuser auf uns zu und stellte uns zur Rede, warum wir denn gerade diese Fassade fotografierten und es kam zu einem kurzen Austausch bzw. einer aufkeimenden Gentrifizierungsdiskussion. Es sieht so aus als gibt es in Gostenhof sowas wie eine Gentrifizierungsgegenbewegung. Die Mieten steigen, hin und wieder wird mal ein Gebäude saniert oder neu gebaut und reflexartig wird in dem Kiez gegen Bonzen, Yuppies und saubere Fassaden Stimmung gemacht, insbesondere wurden die Neubauten in der Mittleren Kanalstraße mit Farbbeuteln beschmissen. Der Schaden ist nicht unerheblich. Nun könnten diese grauen Fassaden in der Tat etwas Farbe gebrauchen aber es geht hier um was anderes. Hier wird echte Gentrifizierung wie in Berlin oder London mit Stadtentwicklung in Nürnberg verwechselt. Ich will nicht bestreiten, dass es auch in Nürnberg Gentrifizierung gibt, aber sie findet im Kleinen statt und ist auf Parzellen begrenzt. In der Stadt werden bei weitem keine Stadtteile umgekrempelt und yuppiisiert. Vielmehr werden Brachen wiederbelebt. Das Mieten steigen ist unbestritten, aber das liegt weniger am Zuzug von Bonzen oder an Luxussanierungen, sondern eher am Wohnungsmangel in der Stadt. Gentrifizierungskritik wirkt in Nürnberg aufgesetzt und ist vielleicht eher eine Modeerscheinung als berechtigte Kritik. Auf der anderen Seite verleiht sie Gostenhof diesen punkigen Anarchocharme der Nürnberg als Großstadt sonst komplett fehlen würde.
Auf die schönste Litfasssäule möchte ich auch noch kurz hinweisen. An dieser urbanen Tauschbörse startete der Fotowalk und dort habe ich mittlerweile auch einige Dinge aus meinem Haushalt den innerstädtischen Verteilungsprozessen zugeführt. Schöne Idee!
Gostenhof ist und bleibt die mit Abstand lebendigste und interessanteste Ecke in Nürnberg. Wäre schön wenn sich das früher oder später mal auf z.B. Muggenhof oder andere angrenzende Kieze auswirken würde. Das AEG-Gelände ist zwar tendenziell wiederbelebt, aber drumrum regiert nach wie vor die Einfältigkeit.
Die Fotos (verdammt ähnliche und ganz andere) von Terence von der selben Tour befinden sich drüben in seinem Blog.
Technik: Canon EOS 550D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind teilweise gecropped und farblich kaum bis stark nachbearbeitet.
P.S.
Das Leben ist kein Gostenhof
— Michl Krist (@sprutz) August 10, 2012
Die kaputte Touristenattraktion
Wenn mich Freunde und Bekannte das erste Mal in Nürnberg besuchen, dann besteht das Programm bei mir natürlich immer auch aus einer Tour durch die Stadt, insbesondere wenn es sich um Besuch aus dem Ausland handelt. Solch eine Tour beginnt nicht mit der Altstadt, die kommt zum Schluss (wegen der Getränke), sondern immer mit der Nazi-Vergangenheit, sprich mit dem Reichsparteitagsgelände und dort besonders mit der Tribüne. Diese dunkle Geschichte Deutschlands und auch Nürnbergs ist etwas, was gerade meine ausländischen Bekannten ziemlich fasziniert.
So ist es z.B. bei meinen finnischen Freunden so, dass es zum guten Ton gehört irgendeinen Bildband über den zweiten Weltkrieg oder über Nazideutschland zu Hause im Regal zu haben. Die Leute scheinen fasziniert von dieser Zeit und der Ästhetik zu sein und ich glaube es ist kein Zufall, dass so eine Nazi-Parodie wie „Iron Sky“ gerade aus Finnland kommt. Jedenfalls war mein Freund Matti schon etwas verwundert und zugleich überrascht, dass so ein Bauwerk wie die Steintribüne überhaupt noch existiert aber auch in was für einem schlechten Zustand sie ist. Er findet jedenfalls schon, dass man so ein Bauwerk pflegen und erhalten sollte. Es ist ein Stück Geschichte und er würde es schade finden, wenn so etwas einfach so weg wäre. An der Stelle zu stehen wo einst ein grausamer Diktator seine Reden schwang, oder wo medienwirksam ein Hakenkreuz weggesprengt wurde; das sind Sachen, die er aus Filmen und den Bildbänden kennt, die er aber so noch nie in echt gesehen hatte und auch so nicht so oft zu sehen bekommt, wenn er nicht gerade nach Nürnberg kommt.
Und dann gibt es da noch ein besonderes Erlebnis mit meiner chinesischen Kollegin Ling, die bei ihrem ersten Besuch in Deutschland auch direkt nach Nürnberg gekommen ist und somit auch direkt auf der Steintribüne stand. Sie ließ es sich nicht nehmen auf die Kanzel zu gehen und dort nicht nur so zu reden, sondern auch so zu gestikulieren wie es einst ein gewisser Diktator dort getan hatte. Mit ihrem chinesischen Akzent und den nicht vorhandenen Deutschkenntnissen war das zwar nicht sehr authentisch, vielmehr lustig, aber ich musste intervenieren, um es nicht mit dem Verfassungsschutz zu tun zu bekommen. Ich Spielverderber versuchte ihr zu erklären, dass wir Deutschen sehr sensibel mit dieser Vergangenheit umgehen, und das sie etwas aufpassen sollte bei gewissen Gesten, gerade in der Öffentlichkeit. So frei wie es überall heißt, ist man in Deutschland dann nämlich doch nicht, philosophierte ich. Und in meiner Erklärungsnot sagte ich ihr dann, dass ich ja auch nicht nach China käme und dort so rede und rumhampele wie Mao Zedong. Ich wüsste zwar nicht, wie ich hampeln müsste um so auszusehen wie Mao, aber ich glaube sie wusste was ich meinte.
Nürnberg Impressionen #15
Edition Maxfeld
Die Initiative für diesen Fotowalk kam von Terence S Jones. Er hatte mich bzw. dieses Blog erst vor kurzem entdeckt obwohl er schon einige Zeit in Nürnberg lebte. Die Stadt und ihr Internetkosmos ist manchmal doch nicht so klein wie man immer denkt. Jedenfalls ist Terence auf dem Sprung rüber in die Staaten und bevor seine Zeit in Nürnberg vorbei ist will er noch mal so richtig die Stadt erkunden und die wichtigen Orte abfotografieren. Natürlich bin ich als alter Hase in dem Metier genau der richte Ansprechpartner. Wir einigten uns auf eine Tour durch die Nürnberger Nordstadt mit einem Schlenzer Richtung Osten, also im Groben so Maxfeld. Es ging dann auch vorbei am alten Gelände der Tucherbrauerei, durch den Stadtpark und dann wurde in etwa alles links und rechts vom Rennweg abgelaufen. Vielleicht haben wir auch Schoppershof gekratzt oder Teile von Wöhrd. So genau kann man das nicht sagen.
Auch wenn wir uns auf diesem Fotowalk zum ersten Mal getroffen hatten waren wir sehr schnell auf einer fotografischen Linie. Wir haben in etwa denselben Blick auf die Stadt, aber unsere Fotos sind dennoch völlig unterschiedlich. Terence hatte eine schnieke handliche Olympus dabei und fotografierte ausschließlich in Schwarzweiß. Ich dagegen führte zum ersten Mal im großen Stil mein Lensbaby-Objektiv aus, also eine Linse, die die Qualität einer Spiegelreflexkamera auf das Niveau einer schäbigen alten Plastikkamera schrumpfen lässt. Oder anders gesagt: statt technischer Perfektion sollte wieder Charme und lomoeske Bilder in mein Repertoire Einzug halten. Ob das gelungen ist, entscheidet vielleicht jeder für sich. Ich für meinen Teil bin noch in der Experimentier- und Gewöhnungsphase. Es ist eine völlig andere Art zu fotografieren. Man muss den eigenen Blick und damit die Sicht auf die Dinge neu einstellen. Aber ich fange an die Bilder zu mögen.
Es entstanden nun zwei Fotoserien vom gleichen Spaziergang, und sie sind wie gesagt sehr unterschiedlich. Meine Fotos folgen hier, die Fotos von Terence wurden hier veröffentlicht.
Technik: Canon EOS 550D & Lensbaby Composer. Die Fotos sind teilweise gecropped und farblich leicht bis stark nachbearbeitet bzw retroisiert.
Umgestaltung
Fotos vom Gelände des ehemaligen Quelle Möbelhauses im Bereich Fürther Straße / Adam-Klein-Straße in Nürnberg Gostenhof. Auf dem Areal soll nun der zentrale Softwareentwicklerstandort der DATEV mit ca. 1.800 Büroarbeitsplätzen zuzüglich Software-Testplätzen sowie 850 Pkw-Stellplätzen (Tiefgarage/Parkhaus) errichtet werden.
Technik: Canon EOS 550D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind teilweise gecropped.
Nürnberg Impressionen #13
Edition St. Leonhard / Schweinau
Es ist beängstigend, wie leer, bedrückend und lieblos ein Stadtteil sein kann. St. Leonhard ist eine dieser Ecken, in der man an einem Sonntag-Nachmittag durchläuft und nicht Halt macht. Nichts lädt einen ein oder schmeichelt die Sinne. Die Häuser liegen schmuck- und regungslos und verschlossen da. Es wirkt zwar aufgeräumt und auch irgendwie sauber, aber wenn das farbenfrohste eines Viertels der Friedhof ist, dann lässt das auf die Lebendigkeit des Rests schließen.
Dazu gesellen sich verlassene Fensterfronten von Orten, die wohl mal Geschäfte gewesen sind. Verblichene Poster aus den 80ern schmücken mit Mühe die staubigen Fenster. Graffitis finden sich praktisch nicht, von einigen motivationslos hingekritzelten Tags mal abgesehen. Nicht mal für Unfug reicht der Antrieb in dieser Ecke, so scheint es, für Gestaltung der eigenen Umgebung zeigt sich erst recht keine Energie.
An Autos wird jedoch nicht primär gespart. Der Fuhrpark des Viertels kann sich durchaus sehen lassen. Falls es Finanzen, Ideale und Interessen in St. Leonhard gibt, dann sind sie nicht für den eigenen Ort bestimmt, sondern dienen anderen Zwecken.
Nürnberg Impressionen #12
Edition Humboldtstraße
„Nürnberg in zwei Stunden? Schlendern Sie durch die Humboldtstraße in der Südstadt!“, steht wohl in noch keinem einzigen Reiseführer. Zu Unrecht, findet der Autor. Die Humboldtstraße flankiert fast das ganze südliche Zentrum der Stadt und schlängelt sich bzw. sticht durch verschiedene Quartiere und Epochen. Von West nach Ost geht’s von schlichter Arbeitersiedlung und Nachkriegsarchitektur, vorbei an Backsteinindustrie bis hin zu Jugendstilensemblen. Vieles hat zwar schon mal bessere Tage gehabt, aber das ist ja in Nürnberg auch allgemein so. Ist dennoch ein guter und facettenreicher Querschnitt durch die Stadt. Etwas verträumt mit vielen verschlossenen Fenstern, schmucklosen Fassaden und insgesamt wenig einladend. Könnte ein quirliges Kiez sein, ist es aber nicht. Da ist noch viel Platz für Cafés, Boutiquen und Straßenleben, gerade im östlichen Teil. Aber für einen Fotowalk ists genau richtig:
Die Fassaden in der ganzen Straße sind übrigens erstaunlich frei von Graffitis, Stencil, Stickern und ähnlichem. Etwas bedenklich in einem urbanen Quartier wie diesem. Lässt insgesamt auf älteres, regungsloses, wenig studentisches Publikum schließen. Da wird so schnell nix hippes draus. Gostenhof ist dagegen ja das Leben pur.
Technik: Canon EOS 1000D 18-135mm f/3.5-5.6. Die Fotos sind gecropped und meist farblich etwas nachbearbeitet.
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