Der Zündfunk organisiert eine Podiumsdiskussion (am 09. September in München, Facebookevent) und ein Stundenfeature zum Thema Gentrifizierung und stolperte auf der Suche nach Meinungsträgern auch über dieses Blog. Leider schreibt hier kein Gentrifizierungsopfer, sondern eher ein Gentrifizierungstourist, dessen Meinung zum Thema durchaus ambivalent ist. Deshalb hier nun nur in schriftlicher Form kurz Gedanken zum Thema.
Gentrifizierung ist nicht schwarz/weiss und Stadtentwicklung nicht grundsätzlich schlecht. Es kommt halt wie immer drauf an. Wenn in Berlin ganze Kieze umgekrempelt und wirklich tolle individuelle, gewachsene und gar künstlerische Strukturen gesichtslos renoviert werden, dann ist das in der Tat verachtenswert. In Nürnberg dagegen wird durch Investoren überhaupt erst Leben in manche Ecken eingehaucht, siehe AEG-Gelände und nicht zuletzt in der Altstadt. Ich wage die These, dass Nürnberg vergleichsweise gentrifizierungssicher ist. Stadtentwicklung findet statt, aber es gibt kaum etwas, was man ausrotten könnte. Nürnberg hat keine ausgeprägte Medien- und Kreativszene und auch vergleichsweise wenig Studenten. Insgseamt kann das Stadtbild nur gewinnen. Deshalb hier ein kleiner Vorschlag: Weshalb nicht den doch arg gebeutelten Gentrifizierungsopfern aus München eine neue Heimat in Nürnberg bieten? Billigen Raum und Leerstand gibt’s nach wie vor genug und es passiert zu wenig damit. Was die eine Stadt tötet kann Chance für eine andere sein. Leipzig kann als Vorbild dienen, so wie schon das Spinnereigelände Vorbild für die Nutzung des AEG-Geländes ist. Der dortige Oberbürgermeister bot vertriebenen Individualisten aus Hamburg an nach Leipzig umzuziehen. Als Stadt die eine künstlerischen Ruf pflegt weiß man um das Potential einer kreativen Bohème. Nürnberg könnte also endlich mal eine Bohème haben!
Ich wünsche der Podiumsdiskussion gutes Gelingen und viele fruchtvolle Argumente. Bis dahin schleichen wir durch Friedrichshain und Kreuzberg und schauen uns Gentrifizierung in Echtzeit an:
Damit ein halbwegs interessantes Graffiti zu Tage kommt müssen in Nürnberg ganze Gebäude abgerissen werden. Aber eigentlich hätte der Bau (Luitpoldhaus) auch stehen bleiben können. So hässlich war der gar nicht. Nun ist er aber fast futsch und ich dokumentiere lieber noch mal schnell diese jetzt zur Schau gestellte Wandmalerei bevor sie auch weg ist. Dem leider schon vor über ein Jahr verhallten Kommentar von Baukunst Nürnberg zufolge entsteht an der Stelle nämlich ein auswechselbares Ikearegal. Also lieber jetzt noch mal vorbeigucken um etwas Individualität und Inspiration zu erahnen.
Nürnbergs Partnerstadt Krakau gehört nicht unbedingt zu den Alphazielen wenn es um Städtereisen geht. Aber genau das hat es so interessant gemacht. So mancher schwärmte schon von der Stadt und ihrer Lebendigkeit und dem Flair. Geheimtipp. Es brauchte also nicht viel Überredungskunst und die Reise, die vom Cafe/Bar Wanderer/Bieramt zusammen mit Polenreisen organisiert wurde war gebucht, galt es doch den eher enttäuschenden Aufenthalt in Prag wieder gut zu machen und ums kurz zu machen: Mission accomplished! Krakau fesselt, insbesondere das schön ranzig und leicht skurrile jüdische Viertel Kazimierz saugt einen direkt an. Idealparkett für die Bohème. Dicke Auswahl an Cafés, haufenweise kleine Läden und Boutiquen, viel Antiquitäten, Restaurants, Kneipen, Bars, Clubs und wer weiß was alles. Haufenweise tolle und inspirierende Orte. Viele Leute, insbesondere junge und sehr schöne Menschen auf den Straßen und das alles äußerlich in einem recht runtergekommenen aber insgesamt in einem kultivierten Stil. Die Fassaden zu renovieren würde den Charme vernichten. Man guckt einfach viel zu verträumt auf die herrlichen alten Häuser mit den verblichenen Beschriftungen und dem bröckelnden Putz. Was anderswo direkt renoviert wird gehört hier scheinbar zum guten Ton, denn die Bars und Läden selber sind mit viel Liebe zum Detail und sehr individuell eingerichtet. Was gerade an den Ostkneipen so herrlich stimmig ist (und bei Ostkneipen beginnt der Osten in den neuen Bundesländern), sind die oftmals sehr künstlerisch, aufwändig und gerne auch mit einem guten Schuss Humor und Ironie gestalteten Räume. Sterile und funktionale Bars gibt es auch in Krakau aber sie kuscheln sich gemütlich an die Künstlerkneipen und haben sich gern. Man staunt also beim Kaffee und beim Bier, dass man je nach Ort mit Händen und Füssen oder mit gebrochenem Englisch bestellt bekommt. Die Zlotys rinnen einem aus der Hand, manchmal auch etwas unfreiwillig, aber egal. Es hat Charme!
Manchmal wird man auch eingeladen, von einer hyperaktiven Kunsthistorikerin z.B. die der Reisegruppe eine fulminante Tour durch die Stadt und ihre Geschichte spendierte (bzw. hat wohl die Städtepartnerschaft eine Rolle gespielt. Danke an dieser Stelle!), vorbei an viel Jüdischer Historie, Originalschauplätzen aus Hollywood Filmen (Schindlers Liste), der prächtig und touristisch renovierten Altstadt, vorbei an ruhmreichen Königen und atemberaubenden weil unglaublich aufwändig und präzise gearbeiteten Kunstschätzen bis hin zu umstrittenen Gegebenheiten der Neuzeit, wie dem Grab des jüngst verstorbenen Polnischen Präsidenten Kaczinski. Eher wenig prächtig und wenig ruhmreich aber nun liegt er halt da und Menschen stehen Schlange um sein Grab anzufassen.
Prag gab seine Authenzität nicht gerne preis. Viel zu überladen war die gewollte touristische Attraktivität die es am Ende halt versaut hat. Da ist Krakau anders. Kazimierz wirkt zum einen noch recht unverfälscht und mit der Bimmelbahn gelangt man auch schnell nach Nova Huta und ist direkt in einer Satellitenstadt, einem künstlichen Arbeiterviertel, eine korrekte kommunistische Planstadt aus dem Bilderbuch, rund um ein Eisenhüttenkombinat vom Fließband gebaut und nach wie vor bewohnt und gut in Schuss. Keine schönen Menschen mehr auf den Straßen und keine Bohème. Dafür das echte Leben (vermutlich) und die Arbeit oder halt auch keine Arbeit. Man munkelt, dass Nova Huta der Gegenpol zu Kazimierz ist. Es stößt sich ab. Man mischt sich nicht. Obwohl Nova Huta nicht unfreundlich oder unangenehm ist, nur hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Krakau, eine Stadt mit zwei Welten und zwei Herzen. Nicht uninteressant.
Eine Auffälligkeit hat Krakau zusätzlich zu bieten: es besitzt eine fast schon unangenehme Anzahl an Überwachungskameras. Es ist auffällig, dass viele Plätze und Ecken, insbesondere Eingänge von Gebäuden von Kameras überwacht werden. So richtig unbeobachtet fühlt man sich in der Stadt nicht. Etwas Sicherheit gibt da die Tatsache, dass einige der Kameras Placebos sind, ohne Innenleben oder nicht verkabelt. Interessanterweise war sich selbst eine Reiseführerin, die sich ja mit der Stadt auskennen sollte, der Kameras nicht bewusst. Krakau hat eine stark jüdisch geprägte Geschichte und da in Deutschland jüdische Friedhöfe stark überwacht werden, kam die Vermutung hoch, dass Krakau aus Vorsicht vor Antisemitismusattacken die Stadt überwacht. Das wurde jedoch dementiert. Die Kameras sind wohl eher ein Wahn der Einwohner.
Das Jüdische Kulturfestival war eher klein bzw. wirkte unterbesucht, jedenfalls wenn man den Ankündigungen geglaubt hat. Es gab auch Stimmen, die in den Vorjahren mehr Aktivität festgestellt hatten. Egal, es ist ein lebendiges Straßenfest mit viel Flair, ohne Sperrzeiten und mit tanzenden Rabbinern. Sehr angenehm, aber ich will noch etwas über Auschwitz schreiben, einen Ort den man von Krakau aus mit dem Bus leicht erreicht. Die Frage, wie es denn war, lässt sich nur schwer beantworten da Wörter wie “toll” einfach nicht greifen. Es führt einem die Grausamkeit des Holocaust sehr plastisch vor Augen und zwar spätestens in den Räumen in denen die originalen Schuhe, Brillen und Koffer der Opfer bergeweise gestapelt sind. Wenn man die Namen auf den Koffern liest die von Leuten angebracht wurden, die ihre Koffer später wieder haben wollten, dann kommt die Geschichte ganz nah in die Gegenwart zurück und zwar in Farbe, denn es sind die verdammten Originalkoffer die da liegen und nicht die ewig wiederholten verwackelten und surreal wirkenden Schwarzweis-Filmdokumente. Ein Ort der wirkt, auch wenn die Besuchermassen etwas zu routiniert und fliessbandartig geführt werden. Ausschwitz ist eine Gradwanderung aus touristischem Ausverkauf und historischem Erbe.
Ok, viel zu kurzer aber umso intensiverer Trip nach Krakau. Lohnt sich. Die Partnerkneipe heißt übrigens Prowincja unweit vom großen Hauptmarkt in der Altstadt.
Bilder werden interessant wenn es einen Kontrast gibt, wenn sich etwas reibt. Dieser Blog lebt davon, dass die eher morbiden Ecken einer Stadt dokumentiert werden, die sich mit für die schönste und schärfste auf dem Planeten hält (und ich suche immer noch den Beweis). Egal. Hier haben wir eine Eckkneipe in Gostenhof, einem Viertel in dem den Tags zufolge die Revolution kurz bevor steht. Nur passieren tut nix. Vielleicht auch deshalb, weil sich die Revoluzzer gerade in der Eckkneipe vorm verdunsten retten.
Eine abendliche Tour durch Gostenhof lohnt sich fast immer, gerade wenn man etwas länger nicht mehr dort gewesen ist. In der ansonsten recht sterilen Dammstraße zwinkerte mir dann auch die Dame auf dem Foto zu und ich konnte meinen Blick nicht von ihr wenden.
Die Diskussion wie man denn nun im Internet mit Inhalten Geld verdienen kann ist fast so alt wie das Netz selber. Tauschbörsen z.B. stellten und stellen praktisch alles was irgendwie digitalisierbar ist kostenlos zur Verfügung. Man bezahlt gemeinhin nicht monetär, sondern mit der Freigabe der Inhalte seiner eigenen Sammlung. Das funktioniert gut, allerdings ist das Prinzip nicht auf die reale Welt übertragbar. Geld für Rechnungen kann so nicht erwirtschaftet werden und wird für Content Geld investiert kann eine Refinanzierung auch nicht statt finden. Bis der Kapitalismus abgeschafft ist muss also eine Alternative her und da bietet sich nun Flattr an. Seit dem Flop mit den Paypal Spenden-Buttons ist das die erste Idee, der ich ernsthaft was zutraue, da sie so einfach funktioniert wie die magich-Buttons auf Facebook.
Beim Micro-Payment-Service Flattr bezahlt der Nutzer monatlich einen frei wählbaren Abonnements-Betrag auf ein Konto ein. Die Medienanbieter platzieren auf ihrer Website einen flattr-Button, den der Nutzer anklicken kann, wenn ihm der Internet-Inhalt gefällt. Am Monatsende wird der Abonnements-Betrag des Nutzers gemäß seinen Klicks an die Medienanbieter verteilt.
Das Video erklärt den Rest:
Ich bin nun einer der Tester der Betaphase von Flattr und habe Buttons hier im Blog und dort drüben eingebunden. Da es noch kaum Nutzer gibt, verspreche ich mir noch nicht viel von der Aktion aber vielleicht wird das System so populär wie die allgegenwärtigen Facebook-magich-Knöpfe und spätestens dann wird’s ernsthaft interessant. Bis dahin wird flattr aufmerksam beobachtet.
Und du, lieber Leser, könntest dich zwischenzeitlich auch schon mal registrieren und eifrig drauflos flattern (vorzugsweise auf meinen Seiten! :). Wenn alles glatt läuft haben wir hier die Lösung für die Contentindustrie und die gesuchte Alternative zur Kulturflatrate.
Mehr Info und Hintergründe gibts z.B. hier oder dort.
Update 19.05.
Gute Contraargumente in den Kommentaren zu dem Text “Warum ich flattr doof finde” und insgesamt guter und nachdenklicher Text “Ich habe flattr schiss!“, der die Unausgereiftheit und Untiefen des Systems gut darlegt.
Habe die flattr-Funktion aus meinem Zweitblog wieder entfernt. Es dreht sich dort um freie Musik aus dem Netz und da macht ein Bezahlbutton einfach den falschen Eindruck. Hinzu kommt ein gravierender Nachteil von Flattr. Das System honoriert zurzeit nur pure Massentauglichkeit. Für Nischen ist kein Platz. Selbst wenn man ein paar Gönner hat müssen diese einen Monat lang mit ihren Flattrreien gut haushalten um den Lieblingsbeiträgen einen nennenswerten Betrag zukommen zu lassen. Das ist eine konzeptionelle Lücke, die mir nicht gefällt. Die pure Gleichschaltung meiner Klicks empfinde ich zunehmend als Nachteil.
Falls ich mich dazu entscheiden sollte, mein Flattrkonto nicht mehr aufzuladen, dann verschwinden die Buttons hier aus dem Blog auch automatisch. Man kann nur Geld einsammeln, wenn man selber welches ins System pumpt, was natürlich den Anreiz gibt, das Flattrkonto liquide zu halten. Man bezahlt quasi für den Button und damit finanziert sich auch der Dienst, über die kleine Provision bei den Geldtransfers.
Momentan machen sich die Gegenargumente breit, allerdings ist der Dienst auch noch alles andere als ausgereift. Mal weiter gucken.
Update 20.05.
Die Taz führ Flattr ein. Und das ist eine Größe bei der sich das System durchaus lohnen könnte. Man kann bei Flattr sein Konto mit maximal 20 € im Monat aufladen. Man kann aber beliebig viele Klicks ernten. Wenn man nur genug Leser mobilisiert hat man das zum verklicken ausgegebene Geld schnell wieder eingespielt. Wie gesagt, man braucht Masse, keine Klasse.
Update 01.06.
Auf vielen Blogs findet man mittlerweile die Flattr-Buttons, insbesondere auf den wichtigen und insbesondere auch auf Blogs die man sicherlich nicht anders als in Vollzeit betreiben kann, wie z.B. netzpolitik.org. Auch kam heute die erste Abrechnung. Bei mir war es ein Nullsummenspiel: ich habe 2€ verflattert und 1,48€ erflattert. Nun bin ich auch nicht der aktivste Blogger, sondern eher der Gelegenheitsblogger. Ich blogge nicht, weil ich muss, sondern weil ich es möchte wenn ich etwas Zeit habe. Und diesen Grundsatz sollte man auch bei der Verwendung von Flattr berücksichtigen. Wenn das Blog Lebensinhalt und dominierend im eigenen Alltag ist, dann mach Flattr Sinn, weil es sich zu einem Nebenerwerb entwickeln kann und die investierte Zeit monetär kompensieren kann.
Als Hobbyblogger sollte man eher drauf verzichten die Hand auf zuhalten. Das Standing zu haben etwas nicht für Geld zu tun ist mehr wert als die paar Kröten die ggf. über Flattr kommen.