Falls man mit dem eigenen Wohnort oder mit der Wohnsituation oder mit dem sozialen Umfeld, dem kulturellen Angebot, dem Ansehen, der Hippness oder der Strahlkraft des Aufenthaltsortes leicht unzufrieden ist, dann könnte man sich vielleicht bei Gelegenheit in zwei Diskurse einlesen die unterschiedlicher und gleichzeitig gleicher nicht sein könnten und möglicherweise sogar exemplarisch sind.
Da haben wir zum einen die leicht an Identitätsarmut leidende ewige Nummer zwei in Bayern. Der Stadt in der, seit dem der Vorschlag aufgetaucht ist, wieder die Sperrzeiten zu verkürzen, es praktisch niemanden mehr gibt, der nicht irgendeine Meinung über die Lebensqualität von Nürnberg hat. Manifestiert hat sich das in den Kommentaren zu dem Artikel “Nürnberg: Die langweiligste Großstadt Deutschlands?“. Alle möglichen Meinungen die man zu Nürnberg haben kann wurden niedergeschrieben bzw. gerne auch mal hingekotzt. Wer in Nürnberg wohnt bzw. in vergleichbaren Städten, dürfte die eigene Meinung in den Kommentaren wiederfinden.
Zum anderen haben wir eine Stadt die defacto Hauptstadt ist und sich in der Selbst- und Fremdwahrnehmung quasi über den Rest im Lande stellt, aber eigentlich mitten in der Pubertät steckt. Eine Stadt, die mehr Probleme hat, als der ganze Rest in Deutschland zusammen, aber gleichzeitig über die Anziehungskraft eines schwarzen Loches verfügt und nicht nur theoretisch Lebendigkeit versprüht. Vorbild und Heilsbringer für Orte und Leute mit Profilneurosen. Nun herrscht dort auch ein ganz eigener Diskurs, der in den Kommentaren zu dem anderthalb Jahre alten und immer noch fröhlich kommentierten Text “Der Berliner Szenemensch” hervortritt, denn offenbar nervt es gewaltig, wenn Leute endlich im Hedonisten-Mekka angekommen sind, sich uniformieren und stereotypisieren und zwanghaft versuchen sich abzugrenzen und zu individualisieren und das Schlachtfeld die eigene Stadt ist.
Tja, wo man auch hinkommt, es wird gemeckert. Allerdings ist die Diskussion dieselbe auch wenn das Thema ein anderes ist. Selbst die Argumente sind ähnlich. Es geht um diese leichte Unzufriedenheit mit sich und dem Universum und dagegen hilft ganz gut einfach mal den Blick zu weiten, auf beiden Seiten und über den Tellerrand. Und Humor.
21. August 2011
Es lebt sich unspektakulär in Nürnberg. Die Stadt will zwar irgendwie was sein, irgendwo vorne mitspielen, irgendwas tollstes größtes bestes haben. Will Historie und Urbanität haben, will Nachtleben haben und Urlaubsziel sein mit Flair und Lebensgefühl und vergisst/übersieht dabei leider den größten Vorteil: Nürnberg ist Großstadt (faktisch, nicht gefühlt) in Slowmotion.
Man kann zwei Monate weg sein und man verpasst nichts. Es ist allen einfach verdammt egal was ist und was werden könnte. Und das ist ein Vorteil, in einer Zeit in der der Rest der Welt beim laufen die Beine nicht nach bekommt. Nürnberg ist der Fels in der Brandung. Die Stadt ist offensichtlich gegen jede Art von gesellschaftlicher oder kultureller Strömung immun (seit dem Wiederaufbau).
Natürlich will sich die Stadt auch als Marke verkaufen, klappt nur nicht wenn Realität und Werbung etwas auseinanderklaffen. Egal was es zu sein gibt, Nürnberg ist es nicht und das ist verdammt nochmal ein Aushängeschild mit gestrecktem Mittelfinger und eine Oase in einer Welt, in der alles eine Marke sein muss!
30. Juli 2011
Stadt der Liebe, der Mode, des Charmes, der Baguettes bzw. der kulinarischen Überzeugungen überhaupt (Baguette kann ja schließlich alles sein, was irgendwie lang und dünn ist) und vermutlich einzige Europäische Metropole in der man mit Englisch mehr oder weniger Verständigungsprobleme hat. Paris hat sich einen Ruf erarbeitet und wenn man Paris besucht wird man ihn auch an jeder Ecke bestätigt finden.
Allerdings meinte jemand mal, dass Paris mittlerweile tot sei, erschlagen und erdrückt von eben jenem Ruf und den Erwartungen der Touristen. Und in der Tat muss man wirklich etwas buddeln um an einen etwas anderen Blick auf die Stadt kommen, aber er ist da und er ist sogar recht offensichtlich wenn man ihn einmal gefunden hat. Hat man die Wahrnehmung einmal kalibriert fallen die viele mosaikartig gepixelten und aus Kacheln gefertigten Space Invader auf, die an etlichen möglichen und unmöglichen und teilweise auch sehr prominenten Plätzen angebracht sind. Manche von ihnen sind nummeriert und im Rahmen einer Ausstellung im „La Générale“ im Juni in Paris wurde der 1000ste Space Invader auf Erden gefeiert und dem ganzen hippen und vergleichsweise gut gekleideten Publikum vom Invader persönlich näher gebracht.
Die Space Invader sind eine von diesen Streetartideen, die praktisch auf der ganzen Linie überzeugen (überzeugt vielleicht sogar die Wandeigentümer, die die Kacheln kostenlos betoniert bekommen). Vom Konzept der heimlichen urbanen Invasion bis hier zur retrochicen 8-bit-Ästhetik. Alles da, was man braucht um sie zu mögen. Und sie sind weder zu politisch noch zu anstößig, dafür gibt’s die richtige Portion Anarchie um der übertouristifizierten Stadt wie Paris wieder etwas wildes zu geben, aber auch nicht zu kaputt um in eine komplette Antihaltung abzudriften. Und sie sind etwas, was das zwar sehr hübsche aber dennoch arg konstruierte Stadtbild etwas auflockert (wenn man die Augen offen hat).
Die possierlichen Geschöpfe sind auch etwas, was man mit Paris verbinden kann. Aus Paris stammen sie bzw. hier wurde Invader zum ersten Mal aktiv, bevor er seine Berufung in die Welt trug. Mögen sie noch lange leben.
Weitere Fotos der Ausstellung “Invader 1000″ bei Flickr.
Technik: Canon EOS 1000D, Standardobjektiv 18-55 mm
bzw. HTC Desire HD mit mit Vignette (Retro/vintage styles app)
X-posts: Dieser Beitrag wurde auch bei Spreeblick (im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion) und als Gastbeitrag mit schöner Einleitung von Stephan Schwingeler im Blog der Next Level Conference veröffentlicht.
16. Juli 2011
Am 09. Juli fand wie jedes Jahr das Sommerfest der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg statt. Ein Anlass den man nicht ungenutzt lassen kann wenn man Kunstinteressierte ungestört in freier Wildbahn beobachten möchte.
Ein Fotoset mit Polaroidversionen der Bilder gibts drüben bei Flickr.
Technik: Canon EOS 1000D, Standardobjektiv 18-55 mm (leider mit zu wenig Akkuladung).
Fotos sind manchmal leicht gecropped und farblich etwas mit Sepia abgemischt.
10. Juli 2011