19. Mai 2012

Gebt Pinterest ne Chance!

Neue Dinge passieren ja die ganze Zeit und seit einiger Zeit passiert der Bild-Bookmarking-Sharing-Dienst Pinterest. Nach wie vor bekommt man nur auf Einladung Zugang zu dem Netzwerk, was aber keine sehr große Hürde darstellt und eher als Marketingaktion zu verstehen ist, denn als Beschränkung um den Kreis der Betatester klein zu halten.

Erklärt wurde der Dienst bereits ausreichend: Nutzer fischen Bilder aus dem Netz und heften diese an ihre virtuellen Pinnwände. Man kann mit einem Klick liken und repinnen und interessanten Usern oder nur einzelnen Boards folgen. Wenn man Lust hat, kann man auch kommentieren. Aber der Reiz ist insbesondere, dass der Dienst grundsätzlich ohne Worte auskommt („Twitter für Legastheniker“). Für ein weltweites Netzwerk ist das ein spannender Aspekt.

Für den optisch getriggerten Menschen gibt es wenig (Kritik kommt weiter unten) auszusetzen an dem Dienst und für Fotografen bietet die Plattform einen einfachen Weg, die eigenen Bilder unters Volk zu bringen. Nun hört man allerdings immer öfter, dass der Hype um Pinterest bereits wieder rum ist. Die Google+ophobie schleicht sich ein, also die Angst, dass ein vielversprechendes Netzwerk in die Bedeutungslosigkeit verschwindet, einfach weil sich der Anbieter doof anstellt, und gleichzeitig Facebook allgegenwärtig ist. Dem ist offenbar (hoffentlich!) nicht so. Der japanische Onlinehandels-Konzern Rakuten hat gerade 100 Millionen Dollar in das junge Unternehmen gesteckt und man geht derzeit von 20 Millionen Nutzern aus. Das sollte eine gute Basis sein um noch etwas durchzuhalten.

Der wohl wichtigste und ärgerlichste Fallstrick bei Pinterest, zumindest in Deutschland, ist die Urheberrechtsdebatte. Spreerecht erklärt die Problematik im Detail. Kurz: durch das pinnen eines Bildes wird eine Kopie angefertigt und weiterverbreitet. Das ist nach deutschem Urheberrecht ohne Einwilligung des Urhebers unzulässig und gleichzeitig ein ungelöstes Problem. Um rechtskonform zu pinnen müsste man also jedes Mal eine Einwilligung vom Urheber einholen oder das pinnen im Zweifelsfall sein lassen. Das ist unrealistisch und nicht mehr zeitgemäß. Und es ist reichlich unverständlich, warum gerade Pinterest in den Sog der Urheberrechtsdebatte gekommen ist. Im Gegensatz zu den anderen populären Bildblogplattformen wie z.B. Tumblr, hat Pinterest einen gigantischen Vorteil: es verlinkt (bei Benutzung des Bookmarklets oder Pinbuttons) automatisch auf die Quelle eines Bildes. Damit ist rausfindbar wo ein Bild herkommt und wer es gemacht hat. Somit handelt Pinterest sogar tendenziell urheberfreundlich. Wenn Bilder kopiert und in ein Tumblerblog geladen werden, dann verliert es den Bezug, den Link, zur Quelle und damit zum Urheber. Das geht allerdings auch bei Pinterest. Nunja.

Aber nun kann man sich genau diesen Umstand (als semiprofessioneller Fotograf mit Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom) zunutze machen um die eigenen Werke zu promoten. Man speist die Fotos ins Pinterestnetzwerk ein. Im Idealfall verbreiten sie sich dort (durch Repins) und erfreuen die eigenen Follower. Ähnlich wie bei einem RSS-Feed. Und ähnlich wie bei einem RSS-Feed bleibt immer der Bezug zur Quelle, also dem eigenen Blog, erhalten und es werden im Idealfall Zugriffe generiert.

Auf diesem Blog stehen die Fotos unter einer Creative Commons Lizenz, sind also ohnehin zum teilen und verbreiten freigegeben. Somit steht der Nutzung von Pinterest auf diesen Seiten nichts im Wege. Aber auch ohne CC-Lizenz und als Urheberrestsfetischist sollte man sich mal überlegen, ob Pinterest wirklich ein Problem ist, oder ob die Baustellen nicht woanders liegen.

Und dann noch zu einem Vorurteil, das nicht zuletzt von Sascha Lobo auf der re:publica noch mal so richtig breit getreten wurde: „Pinterest ist 4chan für Mädchen“, rief er der nahezu komplett versammelten deutschen Internetszene zu. Und naja, dem ist leider so. Es werden wirklich unangenehm viele Bilder verteilt und diskutiert die für die nächsten Monate sämtliche Frauenzeitschriften und „schöner Wohnen“ –Klone versorgen könnten. Auch wird man gefühlt von 98% Frauen (bzw. weiblichen Namen) verfolgt, geliket und repinned. Was im echten Leben ganz nett ist, hat auf Pinterest so ein „Geschmäckle“. Man tendiert zu dem Glauben, dass man sich mit den eigenen Pins auf das Niveau von Wartezimmerfrauenzeitschriften zubewegt. Beängstigend.

Und dann ist Pinterest auch noch fromm wie ein Lamm. Im Gegensatz zu 4chan, wo sich Geschmacksgrenzen noch nicht mal am Horizont abzeichnen, lässt Pinterest keine Bilder zu, die auch nur ansatzweise als NSFW gekennzeichnet sind. So lässt sich z.B. dieses schöne Bild nicht pinnen.

Der süße Duft von Anarchie und Rock’n’roll fehlt Pinterest somit komplett. Es geht vielmehr um Schöngeist. Pinterest ist die Museumsbuchhandlung und nicht der Bahnhofskiosk. Das ist angenehm. Und es ist nicht so hässlich elitär wie z.B. FFFFOUND!, das zwar reifer und nicht ganz so fromm daher kommt, aber Neulingen und Leuten ohne Kontakt in die Szene (yo!) die kalte Schulter zeigt. Gebt also Pinterest ne Chance!

Info: Der Autor ist auf Pinterest als srbanister unterwegs.

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