Elektronische Musikwelten 2.0
19. September 2006 Sugar Ray Banister
zum Ende von Subsource
“Internet-Labels bieten ihre Musik kostenlos zum Download an”, schreibt oder besser sendete das Radiofeuilleton des Deutschlandradios. Und weiter heißt es:
Die großen Plattenfirmen kämpfen verzweifelt gegen illegale Downloads von Musik aus dem Internet. Doch inzwischen gibt es viele kleine unabhängige Labels, die ihre Musik ins Netz stellen und nichts dagegen haben, dass man sie sich herunter lädt. Im Gegenteil: Musik, kostenlos, für alle, das ist Kern ihrer Philosophie. Auch die Künstler profitieren von dieser virtuellen musikalischen Visitenkarte
Den ganzen Artikel gibt es hier zu lesen oder noch besser, es gibt ihn auch zu hören:
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Schön ist, dass es die Netzmusik mittlerweile auch in den Bereich der Feuilletonisten geschafft hat. Leider kommt dieser Schritt einige Jahre zu spät. Die im Artikel genannten alteingesessenen Labels haben ihre großen Tage spätestens so um 2003/2004 herum gehabt. Die ganze Szene ist aufgeweicht. Die vielen kleinen Pilze, die aus dem Boden geschossen wurden machten die Netlabelwelt unübersichtlich. Der musikalischen Einheitsbrei bzw. die Massenproduktion, wie sie durch die einfache Herstellung der Musik nur allzu leicht passieren konnte, verwässerte die Suppe zusätzlich. Wirkliche Alleinstellungsmerkmale blieben die Ausnahme und sie sind zugegebenermaßen im virtuellen Raum auch nur schwer zu realisieren. Spätestens wenn die Musik an Schnittstellen kommt (brennen auf CD, wegsharen via Tauschbörse) ist jegliche noch so kreative Eigenständigkeit verloren.
Das Konzept Netlabel hat sich jetzt durch web2.0 endgültig überholt. In Portalen wie Myspace kann durch Vernetzung, Tags und Ratings eine ganz andere Verbreitung von freier Musik stattfinden und sich der Künstler viel persönlicher präsentieren, als auf einer Seite, die (verglichen mit den rieseigen Portalen) irgendwo im Netz verschwindet. Eine Aufgabe die vor ein paar Jahren noch von den Netlabel übernommen wurde geht auf das social Network über. Es kann schon alleine durch die Verbreitung und die generelle Akzeptanz einen weitaus besseren Vertrieb gewährleisten, als es die Netaudioszene je konnte.
Für Subsource* habe ich am Anfang die Musiker in den Chats der frühen Tauschbörsen kennen gelernt. Es gab damals außer Filesharing einfach keine andere vernünftige Art, seine eigene Musik kostengünstig zu verbreiten. Gefunden wurde man als Musiker in den Tauschbörsen aber nur sehr schwer, da man noch keinen Namen hatte. Als Netlabel hat man einen Namen, der unbekannten Musikern ad hoc eine Identität gibt, die sie alleine im Netz nicht ohne weiteres hätten.
So ging es mit Subsource los. Auf diese Weise sind andere frühe Netlabel auch schnell relativ bekannt geworden. Die Musik war gut und sie passte in die Zeit und in die Gehörgänge der Community. Dazu kam die Attitüde einen neuen Weg gefunden zu haben, Musik zu verbreiten und zu hören. Es war kostenlos und es war neu. Wow, was für eine Zeit.
Das Projekt Subsource habe ich nun nach langem zögern endgültig beendet. Für die, die es interessiert, soll dieser Eintrag eine Begründung sein und auch eine Anregung zur Diskussion, falls der Wunsch danach besteht.
* Subsource wurde 1999 als persönliche Musikplattform gegründet und verwandelte sich schnell zur Heimat von jungen internationalen Musikern. Es war für mich als Betreiber zudem auch Spielplatz für Netzgestaltungsexperimente. Das Spiel wurde ernst, als ernsthaftes Pressefeedback in Form von Artikeln im Netz- und im Printbereich kam. Renommierte und bekannte Magazine, vom szenigen Musikmagazin bis zum “Spiegel”, hatten ein Auge auf die Seite geworfen. Ich bekam als Laptop-DJ durch Subsource ernsthafte Bookings. Nachdem der Anspruch an das Projekt immer weiter gewachsen war, die Zeit dagegen immer knapper wurde und sich zu dem die Welt weiter gedreht hat (siehe oben), ist es nun Zeit gewesen die Geschichte zu beenden. Es ist nicht leicht gewesen. Subsource hat mich lange begleitet, hat mir viele schöne Erfahrungen und tolle Kontakte gegeben und ist ein Teil von mir geworden, aber was vorbei ist, ist vorbei.
Danke vor allem an János Krueger. Er hat geholfen, die letzten Release noch auf den Weg zu bringen.
Filed under: Netzkultur
Thematisch ähnliche Artikel:



9 Kommentare
1. fukkle bim jerry » &hellip | 19. September 2006 um 19:28
[...] Siehe: Elektronische Musikwelten 2.0 [...]
2.
Axel alias Legolas | 19. September 2006 um 23:43
Tja, schade schade Marmelade.
3.
Rondomat | 20. September 2006 um 09:44
Tja, schade das du aufhörst. Habe insbesondere die [in]anace Mixsets sehr genossen (gerade als es noch sehr jung war).
Aber die Frage die sich stellt, wenn man aufhört, ist:
Was jetzt? Ich meine man hört ja nicht einfach so auf. Man fängt ja was anderes an, oder?
;-)
4.
Sugar Ray Banister | 20. September 2006 um 14:54
@Rondomat:Vielen Dank.
was jetzt? Natürlich ist mein Aktionismus nicht verschwunden aber er wird anders und wie ich finde sinnvoller kanalisiert. Arbeit ist ein Stichwort dazu. Mehr verrate ich nicht :)
5.
Q-Man | 21. September 2006 um 23:49
Auf jeden Fall vielen Dank für die vielen schönen Subsource Releases. Auch wenn ich deine Meinung nicht teile, dass die Zeit der Netlabels vorbei ist.
Im Gegensatz zu MySpace und Co hat ein Netlabel die Chance, als Marke für etwas zu stehen, einen eigenen Sound (falls darauf ausgerichtet), eine eigene Philosopie und konstante Qualität. Dass viele Netlabels diese Chance nicht ergreifen, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Aber jedes einzelne Label hat für sich die Chance, sich eine Reputation und ein Publikum zu erarbeiten und aus der Masse hervorzustechen. Gerade dieses Hervorstechen ist in Massencommunities wie MySpace schwer zu erreichen.
Ein ganz spezieller Dank geht noch an dich, weil du Zerinnerung mit deinem Mix + Verlinkung von Subsource am Anfang einen ersten, ganz wichtigen Anschub gegeben hast und damit eine kleine Initialzündung zum Erfolg des Projekts ausgelöst hast.
Alles Gute weiterhin dir,
Q-Man/Zerinnerung
6.
recnahne | 22. September 2006 um 11:24
Ich schließe mich sehr gerne Q-Man an und danke Dir nicht nur für viele schöne subsource-releases und ganz besonders submixes, sondern vor allem dafür, dass es Dein Label war, das mir überhaupt den Zugang zur Welt der Netlabels eröffnete. Bevor ich auf subsource.de gestoßen bin, wusste ich nicht einmal, dass es Netlabels gab.
Ich kann als reiner Konsument die Auffassung, durch web2.0 sei die Zeit der Netlabels vorbei, nicht nachvollziehen. Gerade renommierte Netlabels ermöglichten mir immer wieder, Musiker zu entdecken, nach denen ich gar nicht gesucht hatte. Die Eigenschaft solcher Lables (zu denen ich subsource gerne mitzähle!), in gewisser Weise eine Marke darzustellen, fungierte hierbei als das Alleinstellungsmerkmal, das ich in den neuen personalisierten und damit unüberschaubaren Portalen vermissen würde. Für mich ist diese (ein)ordnende und natürlich auch bewertende Eigenschaft der Netlabels unverzichtbar.
Wie auch immer… vielen Dank für die Musik – für “touch tones” als mein Soundtrack des Herbstes 04, “nachtclub februar 03″ als mein Soundtrack des Winters 04/05, “bonbon foldings” als mein Soundtrack des Sommers 05, sowie für viele weitere Soundtracks! Viel Erfolg mit dem, was nun kommen mag wünscht
recnahne
7.
Sugar Ray Banister | 22. September 2006 um 12:34
Vielen vielen Dank für das ganze Lob (auch für das in meinem Postkasten). Ist alles gerne geschehen! :)
Als kleine Ergänzung: Es gibt mittlerweile einfach viele Wege Musik im Netz zu verbreiten. Netlabel sind eine Möglichkeit, die ich auch weiterhin gerne als Konsument nutzen werde. Allerdings darf man die Arbeit dahinter nicht vergessen. Um so ein Projekt wie Subsource ordentlich laufen zu lassen brauchts schon einige lange Wochenenden und mächtig Promotion und Qualität. Bis so eine Seite mit dem teilweise schon recht schrägen Output eine funktionierende Basis im Netz hat (haufenweise Links von überall) vergehen Jahre. Ich hab mir früher die Zeit gerne genommen, weil ich einfach geil drauf war. Das hat sich geändert. Auch habe ich mittlerweile andere Ansprüche an Musik bekommen. Anyway. web2.0 kann es schaffen guten und auch schrägen Output weitaus schneller zu verbreiten als eine einzelne Seite im Netz, die sich erst mal mühsam einen Kundenstamm aufbauen muss. Erstmal etabliert ist ein Netlabel natürlich eine feine Sache. Aber der Weg dahin und das permanente befeuern ist schon recht anstrengend.
8.
Bernhard | 24. September 2006 um 12:19
Auch von meiner Seite ein ganz grosses Dankeschön an Dich und die vielen Musiker auf subsource. Nachdem tonatom.net meine erste Begegnung mit einem Netlabel war, war subsource die wirkliche Initialzündung.
Und da sehe ich (als Konsument) den grossen Wert solcher Labels. Gerade Deine Mixe (oder auch denen von Sebastian Redenz z.B.) waren für mich das Tor zur Netlabel-Welt, eine Entdeckungsreise, die heute noch weitergeht…
Ich hatte selbst bis letztes Jahr (mit ganz anderem Hintergrund) eine Site nach 5 Jahren geschlossen, weil mir das “befeuern” echt auch zu mühsam wurde, kann Dich sehr gut verstehen, wenn’s einfach reicht. Andererseits sehe ich zum einen in Mixlabels (zerinnerung & co) einen Einstiegspunkt für eben den Konsumenten, der sonst im Netz ziemlich verloren ist.
Und ein gutes Netlabel hat für mich einfach auch den Wert, bei der Auswahl der Releases im Sound und der Qualität Einfluß zu nehmen. So schau ich gerne bei stadtgrün, thinner, filtro und wie sie alle heissen vorbei und darf jedesmal gespannt sein, wenn’s dort was Neues gibt.
MySpace & Co geht mir persönlich ziemlich auf den Keks. Das ist einfach nur noch ein buntes Chaos, Tags hin oder her, und ich habe nur wenig Zeit und Lust, mich dort nach dem Zufallsprinzip durchzuwühlen. Das ist ein bisschen als würde ich bei archive.org oder scene.org per FTP wahllos irgendwelche Folder herunterladen. Ein paar Perlen werden natürlich definitiv dabei sein, ist aber nicht mein Ding.
Aber ich vermute, dass ich da zu altmodisch bin, die Zeit und die Kultur geht “voran”, und ich bin in einem Alter, in dem man irgendwie nicht mehr alles mitmachen muss … ;-)
Weiterhin alles Gute!
Bernhard
9. Subaudible Experiences &r&hellip | 11. Dezember 2006 um 12:57
[...] Zum Ende von Subsource hab ich hier das hier gefunden. Interessanterweise gibt es noch ein Subsource. [...]