Filed under: Alles außer Nürnberg

Berlin Impressionen #1

blu1

Man nimmt sie lustiger weise nach einer Weile fast gar nicht mehr wahr. Der Alltag in einer Großstadt verwischt den Blick für die Details. Jedoch sind sie es, die Spaziergänge durch die Bezirke und Kieze erst interessant machen, die unzähligen Straßenkunstwerke die von Namenlosen für alle zur Verfügung gestellt werden.

Warum ich Streetart so mag: Es ist die Attitüde der Künstler, etwas nicht für Geld und nicht als Selbstdarstellung zu tun, denn in der Regel bleiben sie ja anonym. Es ist der oft politische oder kritische Touch der Stencils oder Graffitis, oder auch deren Ironie. Der kleine Rebell in mir findet Streetart und den mitschwingenden Anarchocharme auch toll. Streetart ist eine wohltuende Alternative zu den hässlichen Werbeflächen die mich überall anbrüllen. Und Streetart will mir nichts verkaufen, aber sie will mir manchmal etwas Interessantes und Richtiges sagen. Nicht zuletzt sind die Sachen oftmals unglaublich aufwändig gemacht. Darum mag ich sie.

Besonders möchte ich auf die drei Werke von Blu hinweisen. Durchs Web schwappen atemberaubende Stopmotion-Filme von ihm und in Berlin fallen einem direkt drei riesige unverkennbar von Blu gestaltete Wände auf. Alle in Bestlage rund um die Mediaspreeareale, was den Illustrationen eine besondere Note verleiht. Mögen sie noch lange leben.

3 Kommentare 22. September 2010

Die Sache mit der Gentrifizierung

Atrium Kino

Der Zündfunk organisiert eine Podiumsdiskussion (am 09. September in München, Facebookevent) und ein Stundenfeature zum Thema Gentrifizierung und stolperte auf der Suche nach Meinungsträgern auch über dieses Blog. Leider schreibt hier kein Gentrifizierungsopfer, sondern eher ein Gentrifizierungstourist, dessen Meinung zum Thema durchaus ambivalent ist. Deshalb hier nun nur in schriftlicher Form kurz Gedanken zum Thema.
Gentrifizierung ist nicht schwarz/weiss und Stadtentwicklung nicht grundsätzlich schlecht. Es kommt halt wie immer drauf an. Wenn in Berlin ganze Kieze umgekrempelt und wirklich tolle individuelle, gewachsene und gar künstlerische Strukturen gesichtslos renoviert werden, dann ist das in der Tat verachtenswert. In Nürnberg dagegen wird durch Investoren überhaupt erst Leben in manche Ecken eingehaucht, siehe AEG-Gelände und nicht zuletzt in der Altstadt. Ich wage die These, dass Nürnberg vergleichsweise gentrifizierungssicher ist. Stadtentwicklung findet statt, aber es gibt kaum etwas, was man ausrotten könnte. Nürnberg hat keine ausgeprägte Medien- und Kreativszene und auch vergleichsweise wenig Studenten. Insgseamt kann das Stadtbild nur gewinnen. Deshalb hier ein kleiner Vorschlag: Weshalb nicht den doch arg gebeutelten Gentrifizierungsopfern aus München eine neue Heimat in Nürnberg bieten? Billigen Raum und Leerstand gibt’s nach wie vor genug und es passiert zu wenig damit. Was die eine Stadt tötet kann Chance für eine andere sein. Leipzig kann als Vorbild dienen, so wie schon das Spinnereigelände Vorbild für die Nutzung des AEG-Geländes ist. Der dortige Oberbürgermeister bot vertriebenen Individualisten aus Hamburg an nach Leipzig umzuziehen. Als Stadt die eine künstlerischen Ruf pflegt weiß man um das Potential einer kreativen Bohème. Nürnberg könnte also endlich mal eine Bohème haben!

Ich wünsche der Podiumsdiskussion gutes Gelingen und viele fruchtvolle Argumente. Bis dahin schleichen wir durch Friedrichshain und Kreuzberg und schauen uns Gentrifizierung in Echtzeit an:

ps: Gentrify This!!! und auch ein schöner Text bei Telepolis mit weiteren Links zum generellen Diskurs: Schöner wohnen: Wie uncool ist die Kritik an der Gentrifizierung? (No Sex in the City)

3 Kommentare 28. August 2010

Krakau Exkursion

Krakau Altstadt

Nürnbergs Partnerstadt Krakau gehört nicht unbedingt zu den Alphazielen wenn es um Städtereisen geht. Aber genau das hat es so interessant gemacht. So mancher schwärmte schon von der Stadt und ihrer Lebendigkeit und dem Flair. Geheimtipp. Es brauchte also nicht viel Überredungskunst und die Reise, die vom Cafe/Bar Wanderer/Bieramt zusammen mit Polenreisen organisiert wurde war gebucht, galt es doch den eher enttäuschenden Aufenthalt in Prag wieder gut zu machen und ums kurz zu machen: Mission accomplished! Krakau fesselt, insbesondere das schön ranzig und leicht skurrile jüdische Viertel Kazimierz saugt einen direkt an. Idealparkett für die Bohème. Dicke Auswahl an Cafés, haufenweise kleine Läden und Boutiquen, viel Antiquitäten, Restaurants, Kneipen, Bars, Clubs und wer weiß was alles. Haufenweise tolle und inspirierende Orte. Viele Leute, insbesondere junge und sehr schöne Menschen auf den Straßen und das alles äußerlich in einem recht runtergekommenen aber insgesamt in einem kultivierten Stil. Die Fassaden zu renovieren würde den Charme vernichten. Man guckt einfach viel zu verträumt auf die herrlichen alten Häuser mit den verblichenen Beschriftungen und dem bröckelnden Putz. Was anderswo direkt renoviert wird gehört hier scheinbar zum guten Ton, denn die Bars und Läden selber sind mit viel Liebe zum Detail und sehr individuell eingerichtet. Was gerade an den Ostkneipen so herrlich stimmig ist (und bei Ostkneipen beginnt der Osten in den neuen Bundesländern), sind die oftmals sehr künstlerisch, aufwändig und gerne auch mit einem guten Schuss Humor und Ironie gestalteten Räume. Sterile und funktionale Bars gibt es auch in Krakau aber sie kuscheln sich gemütlich an die Künstlerkneipen und haben sich gern. Man staunt also beim Kaffee und beim Bier, dass man je nach Ort mit Händen und Füssen oder mit gebrochenem Englisch bestellt bekommt. Die Zlotys rinnen einem aus der Hand, manchmal auch etwas unfreiwillig, aber egal. Es hat Charme!

Krakau Singer Cafe

Manchmal wird man auch eingeladen, von einer hyperaktiven Kunsthistorikerin z.B. die der Reisegruppe eine fulminante Tour durch die Stadt und ihre Geschichte spendierte (bzw. hat wohl die Städtepartnerschaft eine Rolle gespielt. Danke an dieser Stelle!), vorbei an viel Jüdischer Historie, Originalschauplätzen aus Hollywood Filmen (Schindlers Liste), der prächtig und touristisch renovierten Altstadt, vorbei an ruhmreichen Königen und atemberaubenden weil unglaublich aufwändig und präzise gearbeiteten Kunstschätzen bis hin zu umstrittenen Gegebenheiten der Neuzeit, wie dem Grab des jüngst verstorbenen Polnischen Präsidenten Kaczinski. Eher wenig prächtig und wenig ruhmreich aber nun liegt er halt da und Menschen stehen Schlange um sein Grab anzufassen.

Prag gab seine Authenzität nicht gerne preis. Viel zu überladen war die gewollte touristische Attraktivität die es am Ende halt versaut hat. Da ist Krakau anders. Kazimierz wirkt zum einen noch recht unverfälscht und mit der Bimmelbahn gelangt man auch schnell nach Nova Huta und ist direkt in einer Satellitenstadt, einem künstlichen Arbeiterviertel, eine korrekte kommunistische Planstadt aus dem Bilderbuch, rund um ein Eisenhüttenkombinat vom Fließband gebaut und nach wie vor bewohnt und gut in Schuss. Keine schönen Menschen mehr auf den Straßen und keine Bohème. Dafür das echte Leben (vermutlich) und die Arbeit oder halt auch keine Arbeit. Man munkelt, dass Nova Huta der Gegenpol zu Kazimierz ist. Es stößt sich ab. Man mischt sich nicht. Obwohl Nova Huta nicht unfreundlich oder unangenehm ist, nur hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Krakau, eine Stadt mit zwei Welten und zwei Herzen. Nicht uninteressant.

Cracovia Nova Huta

Eine Auffälligkeit hat Krakau zusätzlich zu bieten: es besitzt eine fast schon unangenehme Anzahl an Überwachungskameras. Es ist auffällig, dass viele Plätze und Ecken, insbesondere Eingänge von Gebäuden von Kameras überwacht werden. So richtig unbeobachtet fühlt man sich in der Stadt nicht. Etwas Sicherheit gibt da die Tatsache, dass einige der Kameras Placebos sind, ohne Innenleben oder nicht verkabelt. Interessanterweise war sich selbst eine Reiseführerin, die sich ja mit der Stadt auskennen sollte, der Kameras nicht bewusst. Krakau hat eine stark jüdisch geprägte Geschichte und da in Deutschland jüdische Friedhöfe stark überwacht werden, kam die Vermutung hoch, dass Krakau aus Vorsicht vor Antisemitismusattacken die Stadt überwacht. Das wurde jedoch dementiert. Die Kameras sind wohl eher ein Wahn der Einwohner.

Das Jüdische Kulturfestival war eher klein bzw. wirkte unterbesucht, jedenfalls wenn man den Ankündigungen geglaubt hat. Es gab auch Stimmen, die in den Vorjahren mehr Aktivität festgestellt hatten. Egal, es ist ein lebendiges Straßenfest mit viel Flair, ohne Sperrzeiten und mit tanzenden Rabbinern. Sehr angenehm, aber ich will noch etwas über Auschwitz schreiben, einen Ort den man von Krakau aus mit dem Bus leicht erreicht. Die Frage, wie es denn war, lässt sich nur schwer beantworten da Wörter wie “toll” einfach nicht greifen. Es führt einem die Grausamkeit des Holocaust sehr plastisch vor Augen und zwar spätestens in den Räumen in denen die originalen Schuhe, Brillen und Koffer der Opfer bergeweise gestapelt sind. Wenn man die Namen auf den Koffern liest die von Leuten angebracht wurden, die ihre Koffer später wieder haben wollten, dann kommt die Geschichte ganz nah in die Gegenwart zurück und zwar in Farbe, denn es sind die verdammten Originalkoffer die da liegen und nicht die ewig wiederholten verwackelten und surreal wirkenden Schwarzweis-Filmdokumente. Ein Ort der wirkt, auch wenn die Besuchermassen etwas zu routiniert und fliessbandartig geführt werden. Ausschwitz ist eine Gradwanderung aus touristischem Ausverkauf und historischem Erbe.

Touristenmassen in Auschwitz

Ok, viel zu kurzer aber umso intensiverer Trip nach Krakau. Lohnt sich. Die Partnerkneipe heißt übrigens Prowincja unweit vom großen Hauptmarkt in der Altstadt.

3 Kommentare 25. Juli 2010

Shanghai Exkursion

Shanghai 01

Es ist eigentlich eine Schnapsidee im Winter nach Shanghai zu reisen. Die Stadt erwartet einen zwar nicht mit Schnee und Glatteis, dennoch sind Mantel und Mütze ständige Begleiter bei den Touren durch die Stadt. Es gibt mildere Tage mit dezenter bzw. gedimmter Sonne, aber auch Tage mit einem unbarmherzigen eisigen Wind. Unterm Strich herrscht ein Grau in Grau, außer wenn abends und nachts die Lichter der Stadt funkeln und wie wild zucken.

Es dauert auch etwas bis sich ein verklärter Blick auf die Großstadt einstellt, denn die Stadt bietet nicht unbedingt das, was man von einer Millionenstadt erwartet. Eigentlich bietet sie sogar verdammt wenig wenn man bedenkt, dass die 20 Millionen Menschen doch irgendwas tun müssen um nicht zu versauern. Das offensichtliche ist das Verdienen von Geld und das unverzügliche Ausgeben des selbigen. Keinen Anderen Sinn scheint Shanghai zu haben, doch das Gefühl bleibt, dass da doch mehr sein muss.

Shanghai ist die Stadt gewordene Shoppingmeile eines X-beliebigen Flughafens. So schick, teuer, gestyled und ästhetisch wie auswechselbar, oberflächlich und künstlich. Bei dem schnellen Wachstum blieb wohl die Substanz auf der Strecke. Die Stadt ist westlich orientiert und als Westler mit etwas Taschengeld hat man auch alle Privilegien. Tolle Bars und Restaurants mit viel Service und gutem Essen, manchmal auch mit gutem Wein. Touristische Sehenswürdigkeiten gibt es, aber man hat sie in zwei, drei Tagen alle abgeklappert. Man steht staunend vor Chinesischer Landschaftsarchitektur, Tempeln, Museen und einladenden europäisch anmutenden Stadtviertel, voll mit den buntesten Bars, Restaurants und Shops. Alles toll und super und sehr einfach, jedoch besser nicht groß nachdenken oder hinterfragen, denn Inspiration gibt die Stadt nur in homöopathischen Dosen her. Es gibt sie, diese kleinen und kreativen Künstlerareale aber sie gehen unter zwischen Massen an Gesichtslosen Hochhäusern die nur zum Schlafen und Arbeiten gebaut sind. Die Stadt ist eine Arbeiter- und Businessstadt, jeder kommt und versucht sein Glück aber die Kulturrevolution hat offensichtlich zu einer Gleichschaltung geführt die sich in Großstädten wie Shanghai, die in der ersten Liga der Weltstädte spielen wollen, negativ bemerkbar macht. Reife Städte erneuern sich ständig von innen heraus und tragen diese Kraft auch nach außen. In Shanghai fehlt das. Mag daran liegen, dass Individualismus nicht unbedingt fest zur Chinesischen Kultur gehört. Kann aber auch sein, dass die Jahre der staatlichen medialen Kontrolle ihre Spuren hinterlassen haben. Die Leute kommen einfach nicht auf die Idee bestehendes zu hinterfragen oder in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Aber das sind nur Mutmaßungen, denn Areale wie das M50 zeigen ja, dass es eine Szene gibt, wenn auch nur eine kleine. Auch gab es eine Ausstellung mit bekannten Graffiti-Künstlern, allerdings in einem 5-Sternekomplex in Bestlage am Bund und nicht standesgemäß in einem abgefuckten Industrieareal. Folglich wird die Kreativität und der Rock&Roll nach Shanghai eingekauft und nicht von innen heraus selbst produziert.

Shanghai 04

Aber wie fühlt sich Shanghai nun an? Ein erster und bleibender Eindruck hämmert sich direkt beim Anflug ins Hirn. Da wo eigentlich die Stadt liegen sollte, liegt ein Meer aus Dunst und Wolken aus dem vereinzelt Hochhäuser raus stechen. Was man eingangs dann noch als romantische Nebeldecke abtut entpuppt sich als ständige Dunstglocke um die Stadt. Je nach Wetterlage lässt diese Dunstglocke blaugrauen Himmel zu oder trübt die Sicht nach wenigen hundert Metern schon deutlich. Was man da alles einatmet will man gar nicht so genau wissen. Da im Zentrum rund um die Uhr gebaut wird ist auch eine Menge Baustaub mit dabei der sich spür- und sichtbar auf die Kleidung, Autos und Fassaden legt. Leute laufen mit Atemschutzmasken rum, aber nicht übermäßig viele. Raucher haben es in Shanghai durch ihr Training sicherlich einfacher, alle anderen müssen halt die Ablagerungen im Hals öfter mal abhusten. Ein Ritual was schamlos und unentwegt auf den Strassen zelebriert wird. Es fegen und putzen pausenlos Leute und überhaupt durchzieht eine beeindruckende Geschäftigkeit die Strassen. Jeder scheint was zu tun zu haben oder was erledigen zu müssen. In jeder Ecke wuselt irgendwer oder man will irgendwo hin. Erst später fallen einem die Leute auf, die zwar offensichtlich einem Beruf nachgehen, aber effizient nur darauf warten, dass der Tag rum ist. Wie die unzähligen Bewacher von Eingangstüren z.B. oder die Leute die einem in riesigen Gebäuden einfach nur den Weg weisen oder auf der Toilette das Handtuch reichen.

Und riesige Gebäude gibt es in Shanghai wahrlich genug. Auf den ersten Blick merkt man das kaum, erst wenn man die ersten dieser Monster besteigt bekommt man eine Ahnung der Masse und des Umfangs der Bebauung. Egal in welche Richtung man schaut, bis zum Horizont (bzw. Dunstsichtgrenze) Betonburgen. 30, 40 oder 50 Stockwerke, manchmal mehr. Gerne in Gruppen von etlichen identischen Wohnklötzen, schnell und effizient hingezimmert und dazwischen immer noch Platz für die nächsten Hochhäuser die natürlich auch schon wieder im Bau sind. Aber so richtig unbegreiflich wird die Bebauung erst, wenn man im Stadtplanungsmuseum ein Tennisplatzgrosses und detailverliebtes Modell der Innenstadt (innerer der drei Autobahnringe) sieht, und man genau die Lage und Gestaltung der Hauser und Strassen begutachten kann. Ganze Stadtteile mit hunderten von Wolkenkratzern (wie z.B. die berühmte Skyline in Pudong) waren vor 20 Jahren noch Sumpfland. Es wird wie wild gebaut. Geld spielt keine Rolle. Shanghai soll das nächste Hongkong werden. Das ist beschlossene Sache und es gilt keine Zeit zu verlieren.
Dazu kommt der Verkehr. Normal kann man sich in der Innenstadt relativ luftig bewegen. Zu den Rushhours spürt man dann, dass man in einer Millionenstadt ist. In der riesigen U-Bahnstation am Peoples Square quetschen sich die Menschen und werden von hunderte Meter langen U-Bahnen im Takt von wenigen Minuten braunkohleartig weggebaggert. Das passiert für die Beteiligten sehr konzentriert und routiniert. Drängeln wird erwartet.

Shanghai 09

Auf der Strasse sieht es nicht anders aus. Verkehrsregeln gibt es möglicherweise, es gibt ja auch Ampeln und Verkehrspolizisten, nur es hält sich keiner dran. Ampeln gelten nur an den richtig großen Strassen, ansonsten wuselt sich jeder, ob Fußgänger, Elektromofas (es gibt praktisch keine Mofas mit Verbrennungsmotor) oder Auto, gleichzeitig über eine Kreuzung. Und das klappt berührungslos und effizienter als wenn die eine Hälfte auf ein ominöses grünes Licht warten müsste. Die flinken E-Mofas schlängeln sich um die Passanten, welche ihrerseits etwas die Taxis in Schach halten die gerne mal etwas zu nahe kommen, aber eigentlich auch nur spielen wollen. Macht man als Fußgängergruppe beim überqueren der Strasse aber den Fehler und lässt eine Lücke, dann schafft es manch ein Auto und schlüpft durch. Aber halb so wild, so lange sie einen nicht beim gehen behindern. Nur eine Rasse hat auf der Strasse keine natürlichen Feinde: der Linienbus. Größe schafft Respekt. Vor ihm haben und sollten alle anderen kuschen wenn sie leben wollen.

China ist Entwicklungsland. Shanghai versucht das zwar zu überspielen mit den vielen Shoppingcentern und Boutiquen, mit den Luxusmarken und teuren Autos auf den Strassen, die selbst in den Vororten noch das Straßenbild prägen. Und mit den Hinweistafeln in den citynahen Vierteln, dass die Leute doch bitte aufhören ihre Wäsche draußen zu trocknen. Doch das dürfte ähnlich wirkungsvoll sein wie das Hupverbot, an dass sich auch niemand zu halten scheint. Wenn die Expo kommt, wird sich die Stadt nicht in einen Tempel verwandeln. Vielleicht wird sich der Dunst etwas verziehen wenn zur Expo der Verkehr eingeschränkt wird wie in Beijing in der Zeit der Olympischen Spiele. An Beijing wird man auch verwiesen, wenn man nach Kunst, Kultur und dem echten China fragt. Man macht sich gar nicht erst die Mühe Shanghai zu glorifizieren, sondern verweist auf die Stadt die wirklich Substanz zu haben scheint.
Unterm Strich kann man die Zeit in Shanghai angenehm verbringen, wenn man hedonistische Genüsse zu schätzen weiß und nicht groß nachdenken mag.

Shanghai 24

Zensur
Natürlich ist das Internet zensiert, daran wird auch Google nichts ändern. Twitter, Facebook und Youtube funktionieren nicht. Man bekommt aber kein Stoppschild, sondern einen DNS-Error (die Seite kann einfach nicht aufgerufen werden). Wikipedia funktioniert zwar, auch kann man Artikel über Chinesische Zensur aufrufen, aber nur einmal. Beim wiederholten klick auf einen entsprechenden Link existiert die Seite nicht mehr. Sie wurde aktiv weggefiltert. Auf einmal spürt man den Atem des Großen Bruders im Nacken und man fragt sich, ob nun schon die Staatspolizei unten vorm Hotel auf einen wartet. Als kleine Entschädigung kann man sich dafür offiziell unter www.google.cn/music praktisch alles an Musik kostenlos runterladen ohne an Urheberrechte denken zu müssen. Ein Service der überrascht, weil Google hierzulande mit dem Verweis auf Urheberrechtsverletzungen nicht mal eine spezielle Musiksuche anbietet, geschweige denn einen Downloadservice.
Paradoxerweise kann man sich die Freiheit kaufen. VPN-Dienste bieten für wenige Dollar im Monat Zugang zu westlichen Proxys und damit die Umgehung der Chinesischen Kontrollen. Das wird offensichtlich geduldet, vermutlich weil es einfach Devisen ins Land spült und solch ein Service vornehmlich von Expats in Anspruch genommen wird.

Links
http://www.smartshanghai.com (Webzine)
http://www.lonelyplanet.com/china/shanghai (Shanghai Travelguide)
http://travel.ninemsn.com.au/shanghai/ (“Shanghai: Boring but important”)

4 Kommentare 17. Januar 2010

Authentizität in Prag

Prag von hinten

Man wird das Gefühl nicht los, dass sich Prag komplett dem Tourismus hingegeben und unterworfen hat und das stößt etwas unangenehm auf. Man ist ja in eine Hauptstadt eines fremden Landes, einer fremden Nation und somit in eine fremde Kultur gefahren, von der man was erfahren oder zumindest mal gesehen haben möchte und zwar unverfälscht. Aber in Prag kann man die Altstadt und alles in näherer Umgebung nur als „Disneyland“ bezeichnen. Es schieben sich Massen an Touristen im Schneckentempo über die Karlsbrücke. Davor und dahinter säumen Unmengen der immer gleichen Andenkenshops die Strassen und man glaubt gar nicht wie viele Überwachungskameras nötig sind, um selbst kleine Nebengassen im Blick zu behalten. Nix mit Authentizität, so gar nicht. Es haben nur noch Schiessbuden und Zuckerwattestände zum perfekten Rummel gefehlt.

Auch ein anderes Thema kam direkt am zweiten Tag auf die Agenda: Korruption! Tschechien ist laut Transparency International gerade mal Mittelklasse was dieses heikle Thema angeht. Als Tourist bekommt man davon sicherlich nicht viel mit, wenn man nicht grade aufgefordert wird das Hotelzimmer zu wechseln weil jemand anders rein will oder wenn einem beim Mittagessen von Fremden am Tisch erzählt bekommt mit was für Hürden man als Ausländer zu kämpfen hat wenn man ein Gründstück verwalten möchte. Ok, es ist nichts bewiesen aber man geht auf einmal mit einem ganz anderen Blick durch die Strassen. Korruption ist unfair und schwer zu greifen aber auf einmal war sie auf eine unheimliche Art gegenwärtig.

Was kann man in Prag nun sehen? Vorzeige-Enfant terrible David Cerný hat Spuren in der Stadt hinterlassen die es zu entdecken gilt. Am auffälligsten sind seine krabbelnden Babies am hübsch spacigen Fernsehturm und auch seine „Pissing Men“, die gemütlich SMS-Textnachrichten auf eine Karte von Tschechien pinkeln sind einen Blick wert. Und nicht zuletzt hängt das EU-Aufrege-Kunstwerk Entropa zurzeit im DOX Zentrum für Gegenwartskunst, ein Ort der im Vergleich zur Karlsbrücke angenehm unterbesucht ist.

Die Straßenbahnlinie 22 verrät etwas mehr von der Stadt als das touristische Zentrum. Zwar auch nix um in Poesie zu schwelgen, aber auf der Suche nach der sozialistischen Vergangenheit und den in die Jahre gekommenen Vorortdatschas mit dem Lada im Hof wird man so am ehesten fündig. Auch sieht man so die Millionen von kleinen Geschäften die jede Strasse säumen und die was Asiatisches haben und die Leute selbst die mit Kleidung und Ausdruck den Westen verinnerlicht haben. Mit ihren Autos sowieso. Wenn jemand osteuropäisch aussieht, dann sind’s russische Touristen.

Eine Offenbarung war der Cross Club unweit des DOX, ein mit viel Liebe, noch mehr Zeit und Hingabe gestalteter industrieller Cyberpunktempel. Von alten Bohrköpfen über metallene Nähmaschinen bis hin zu Motorblöcken wurde hier alles zu Licht-, Sitz- und Raumelementen verbaut was man auf einem gut sortierten Schrottplatz finden kann. Dazu glasklarer Sound, ein Kino, viele Bars und noch mehr Areas mit Garten auf mehreren Etagen und entspanntem Publikum. Ein Club wie aus dem Bilderbuch.
Wohingegen sich der Parukarka Bunker Club als Flop herausgestellt hat. Nicht alles was hinter einer dicken Stahltür und mehrere Stockwerke tief in der Erde steckt hat auch direkt Flair. Aber wer ein bunt gepinseltes Jugendzentrum mit billigem Bier mag ist hier sicher richtig. Aber billiges Bier kann man auch in einer der vielen Prekariatskneipen haben. Das bringt zudem die lang vermisste Authentizität mit und gerne auch einen Altherrenmonolog unter starkem Alkoholeinfluss während der Typ hinter einem es sich schon auf der Eckbank für die Nacht gemütlich macht.

Prag hinterlässt einen gemischten Geschmack. Sicherlich sind zweieinhalb Tage zu wenig um in eine Kultur einzutauchen. Auf der anderen Seite gibt es Orte die weniger Zeit brauchen um zu begeistern. Im Zweifelsfall noch mal besuchen.

Hinterlasse einen Kommentar 15. August 2009

Finnland Exkursion

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Es sah so aus, als wäre ich nicht fünf Wochen in Urlaub gefahren, sondern in ein Trainingscamp. Ich hatte mich eigentlich seelisch auf etwas freie Zeit mit und in Finnland vorbereitet aber dann stand die Arbeit doch im Vordergrund. Und zwar mehr als sonst, hatte auch mehr Zeit für die Arbeit als sonst und lustigerweise war es auch interessanter als sonst. Die ganzen finnischen Kollegen (von denen etliche chinesisch, indisch, deutsch oder wer weiß was gewesen sind) machten den Job um einiges interessanter als wenn man normal zu Hause hocken würde. War Klimawechsel, war schon ne andere Welt und ein paar Erfahrungen durfte ich dann trotzdem noch machen, oben bei den kleinen Finnen, man hat ja nicht den ganzen Tag nur gearbeitet:

Fortfahren 10 Kommentare 25. Juni 2009


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Friedrich-Ebert-Enge 06 Paladin / Bayerische Milchversorgung - Gelände Städtera(n)ting Berlin Sprengung Milchhofturm 05 Scheiss Sauberkeit revisited Prag - Cross Club

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