Die Weserstr. in Berlin Neukölln hat noch nicht ganz die Kneipen- und Touristendichte wie die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain, aber dafür wird man dort auch (noch) nicht um 23:00 Uhr langsam, aber bestimmt von der Außenbestuhlung in die Bars gedrängt um den Anwohnern Ruhe zu geben. Die Anwohner dort haben nicht den Einfluss und möglicherweise auch nicht das Bedürfnis sich Ruhe einzuklagen. Die Flachbildschirmdichte in den Bars ist überschaubar. Noch herrscht dort dieses Fünkchen Anarchie, das Friedrichshain einst bekannt und begehrt gemacht hat. Auch hier wird es erlöschen. Die Weserstr. ist jetzt schon jetzt cooler. Es spricht sich rum und wird immer bekannter und attraktiver und ich war auch noch schuld, denn ich schrieb drüber und publizierte es. Ein Teufelskreis. Bringen wirs hinter uns.
4. Oktober 2011
Stadt der Liebe, der Mode, des Charmes, der Baguettes bzw. der kulinarischen Überzeugungen überhaupt (Baguette kann ja schließlich alles sein, was irgendwie lang und dünn ist) und vermutlich einzige Europäische Metropole in der man mit Englisch mehr oder weniger Verständigungsprobleme hat. Paris hat sich einen Ruf erarbeitet und wenn man Paris besucht wird man ihn auch an jeder Ecke bestätigt finden.
Allerdings meinte jemand mal, dass Paris mittlerweile tot sei, erschlagen und erdrückt von eben jenem Ruf und den Erwartungen der Touristen. Und in der Tat muss man wirklich etwas buddeln um an einen etwas anderen Blick auf die Stadt kommen, aber er ist da und er ist sogar recht offensichtlich wenn man ihn einmal gefunden hat. Hat man die Wahrnehmung einmal kalibriert fallen die viele mosaikartig gepixelten und aus Kacheln gefertigten Space Invader auf, die an etlichen möglichen und unmöglichen und teilweise auch sehr prominenten Plätzen angebracht sind. Manche von ihnen sind nummeriert und im Rahmen einer Ausstellung im „La Générale“ im Juni in Paris wurde der 1000ste Space Invader auf Erden gefeiert und dem ganzen hippen und vergleichsweise gut gekleideten Publikum vom Invader persönlich näher gebracht.
Die Space Invader sind eine von diesen Streetartideen, die praktisch auf der ganzen Linie überzeugen (überzeugt vielleicht sogar die Wandeigentümer, die die Kacheln kostenlos betoniert bekommen). Vom Konzept der heimlichen urbanen Invasion bis hier zur retrochicen 8-bit-Ästhetik. Alles da, was man braucht um sie zu mögen. Und sie sind weder zu politisch noch zu anstößig, dafür gibt’s die richtige Portion Anarchie um der übertouristifizierten Stadt wie Paris wieder etwas wildes zu geben, aber auch nicht zu kaputt um in eine komplette Antihaltung abzudriften. Und sie sind etwas, was das zwar sehr hübsche aber dennoch arg konstruierte Stadtbild etwas auflockert (wenn man die Augen offen hat).
Die possierlichen Geschöpfe sind auch etwas, was man mit Paris verbinden kann. Aus Paris stammen sie bzw. hier wurde Invader zum ersten Mal aktiv, bevor er seine Berufung in die Welt trug. Mögen sie noch lange leben.
Weitere Fotos der Ausstellung “Invader 1000″ bei Flickr.
Technik: Canon EOS 1000D, Standardobjektiv 18-55 mm
bzw. HTC Desire HD mit mit Vignette (Retro/vintage styles app)
X-posts: Dieser Beitrag wurde auch bei Spreeblick (im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion) und als Gastbeitrag mit schöner Einleitung von Stephan Schwingeler im Blog der Next Level Conference veröffentlicht.
16. Juli 2011
In Franken herrscht akute Wasserflächenarmut. Was schade ist, da man keine schöne Runde um den See drehen kann (zumindest um keinen schönen See) oder man kann auch nicht abends mit ner Flasche Wein runter ans Meer und den Tag zu begießen. Man kann sich aber unterwürfig der Macht von Wetter hingeben, auch wenn der Charme von einem Tag mit Starker Brandung und Orkanböen etwas fehlt, so gibt es doch stark wechselhafte Tage mit Sonne und kräftigen Schauern, wie heute am Walberla. Und auf einmal denkt man auch nicht mehr an Waserflächenarmut, weil nämlich gerade eine Wasserfläche auf einen zukommt. Zwar nicht ganz mit dem Thrill den möglicherweise Tornadofotografen verspüren aber doch mit der Gewissheit, dass gleich alles klitschepatschenass ist wenn die Wolke von dem Dorf ablässt und das Frischfleisch am Hang wittert…
19. Juni 2011
Istanbul ist die Stadt, die man besuchen sollte um jedes auf welche Weise auch immer entstandenes Bild türkischer Kultur anzupassen, umzudeuten oder zu korrigieren. Eine Reise nach Istanbul lohnt sich. Es gibt Eindrücke en masse, Überraschungen auch und nicht zuletzt hält die Stadt einen nicht unerheblichen Batzen Charme bereit, den man so nicht erwartet hätte. Meine erste Tour nach Istanbul, sicher nicht die Letze. Hier ein paar Handlungshinweise:
Unterkunft
Egal was alle anderen sagen, man besorgt sich ein Hotel oder Hostel in Taksim was praktisch das Zentrum der Stadt ist. Ok, bei so einer großen Stadt ist es schwer ein Zentrum zu definieren, aber nur Touristen glauben, dass sich das Zentrum durch die Altstadt (Sultanahmet oder Eminönü) definiert.
Allgemeines
Alle Taxis haben ein Taxameter und es sollte an sein. Sind sie auch normalerweise aber die Taxifahrer sind auf Touristennapping spezialisiert und man sollte besser prüfen ob es läuft. Wenn nicht, dann steigt man aus und nimmt das nächste Taxi. Es gibt Tages- und Nachtfahrpreise. Die Fahrer sprechen nicht viel mehr als Türkisch und sie fahren gerne die längere Tour zum Ziel um einen höheren Fahrpreis zu bekommen. Ihnen Adressen zu geben hilft nicht viel, man muss ihnen Hotelnamen, Sehenswürdigkeiten oder Landmarken sagen oder was im Reiseführer zeigen oder so. Wenn sie das Ziel nicht kennen, fahren sie trotzdem irgendwo hin. Am Ende kommt man aber an. Beim Wechselgeld wird dann auch noch mal gerne geschummelt.
Es gibt auch eine U-Bahn und in Taksim eine tief unter der Erde steckende Station aber man wundert sich, was man von Taksim aus alles locker zu Fuß erreichen kann. Die Altstadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten auf jeden Fall, endlos viele Shops und Clubs und Bars sowieso.
Wenn man im Restaurant etwas bestellt sollte man drauf achten, dass man vorher den Preis kennt. Wenn z.B. der Preis fürs Essen ok aussieht und man sich einfach einen Drink dazu bestellt (in der Annahme, der Preis sei dann wohl auch ok) kann man möglicherweise sein kleines Wunder erleben. Nachverhandlungen sind aussichtslos. Wenn man etwas zum Drink dazu bekommt (z.B. Nüsse in einer Bar) sollte man auch besser mal nach dem Preis fragen. Die sind meist nicht kostenlos.
Wenn man wie ein Tourist aussieht bzw. nicht türkisch, wird man gerade an den Läden, Bars und Restaurants an den touristischen Orten von auf Touristen spezialisieren und sehr aufmerksamen Mitarbeitern sehr offensiv umworben doch bitte in genau ihr Geschäft zu kommen. Man wird teilweise sehr gekonnt und manchmal nicht mal auffällig in ein Gespräch verwickelt (gerne auch auf fließend Deutsch) und man landet dann wenn man nicht aufpasst in eben jener Lokalität. Diese Läden sind nicht per se schlecht, aber teilweise halt doch. Die wirklich guten Läden haben solch Offensivmarketing nicht nötig. Protipp (macht man nach dem 35sten Touristenfänger eh automatisch): diese Leute einfach eiskalt ignorieren.
Sultanahmet
Das ist der historische Teil der Stadt und hat viele große und kleine Sehenswürdigkeiten. Wenn man sich die Führungen spart und sich einfach nur treiben lässt, schafft man die Altstadt zu Fuße leicht an einem Tag mit Sachen wie:
- Die Sultan-Ahmed-Moschee mit ihren sechs Minaretten (weswegen die Moschee in Mekka ein zusätzliches Minarett bauen musste)
- Hagia Sophia, eigentlich eine Orthodoxe Kirche aus den Zeiten Konstantinopels, dann zur Moschee umgebaut und heute ein Musem
- Topkapı-Palast, der alte Palast des Sultans
- Die Cisterna Basilica, oft auch Versunkener Palast genannt, ist eine spätantike Zisterne westlich der Hagia Sophia. Szenen aus dem Bondstreifen „Liebesgrüße aus Moskau“ wurden hier gedreht.
- Der große Basar. Ok, sollte man mal gesehen haben wie unglaublich groß, bunt und wuselig ein Basar sein kann. Allerdings verderben einem die oben genannten Touristenfänger die Laune und es ist zu voll und zu wuselig. Kaufen will man eh nichts. Man findet all das Zeug anderswo auch und vermutlich sogar billiger.
Taksim
İstiklal Caddesi ist die Hauptstraße mit hunderten von Geschäften, Restaurants, Cafes und all das. In den Seitengassen verstecken sich dann auch zu allem Überfluss noch viel mehr davon. Es ist sicher nicht die beste Einkaufmeile, die ganzen globalisierten Standartmarken finden sich zuhauf hier. Individuelles findet man wenn, dann in den Seitengassen der Seitengassen aber man findet hier lecker Essen. Viele Clubs findet man hier auch, die mainstreamingen direkt an der Straße, die besseren etwas versteckter in den Seitengassen (eh klar).
Wenn man was essen geht entweder Efes (Bier) trinken oder lecker Türkischen Wein (trocken). Dazu als Starter oder vollwertige Mahlzeit „Meze“, die türkischen Tapas.
Läuft man die Straße bis zum Ende kommt man an den „Taksim square“. Ein riesiger, aber nicht sonderlich schöner Platz und Verkehrsknotenpunkt. Hier wedelt man entweder eine türkische Fahne auf irgendeiner Kundgebung oder taucht in die angrenzenden Stadtteile ab.
Beşiktaş
Schonwieder ein Zentrum der Stadt. Barbaros Bulvari ist die Hauptstraße inkl. Den tausenden von Restaurants. In der Nähe ist der Dolmabahçe-Palast, der neue Palast des Sultans direkt am Bosporus, der sehr europäisch aussieht und vor Superlativen fast platzt. Von Beşiktaş kommt man mit der Fähre auch rüber nach Asien (von woanders auch). Vom Palast mal abgesehen ist diese Ecke schon nicht mehr so touristisch. Man wird nicht mehr in alle möglichen Läden gezerrt sondern höflich bedient, auch die Bars sind angenehm.
Das Museum für Moderne Kunst, Istanbul Modern, ist glaub ich auch gerade noch in Beşiktaş gelegen. Kann man sich angucken, sind schöne Sachen drin, die man allerdings auch schon kennt, wenn man sich minimal für zeitgenössische Kunst interessiert. Falls man sich auf heißen Scheiß aus der Istanbuler Kunstszene freut, ist man hier falsch. Überhaupt wird wohl dem Vernehmen nach eine blubbernde Kunstszene in der Stadt ziemlich unterdrückt bzw. existiert diese nicht sonderlich, auch wenn man Spuren von ordentlicher Streetart findet, ist diese zwar da, aber wenig originell im Sinne von bekannt aus anderen Städten.
Nişantaşı
Der Shoppingstadtteil, falls man eine gut gefüllte Portokasse übrig hat. Auch mit zehntausenden von Bars und Restaurants. Außergewöhnlich ist, dass hier die Einkaufsläden sonntags geschlossen haben, wohingegen man in Taksim sonntags um 23:00 Uhr noch seine Turnschuhe kaufen kann, die sich übrigens auch preislich von hiesigen Einkaufsstraßen nicht unterscheiden. Überhaupt sollte man nicht glauben, dass Istanbul besonders billig ist.
Hat man diese Teile der Stadt abgelaufen, hat man sicher schon einen guten Einblick bekommen bzw. den Charme gerochen. Ist man erst mal von den Touristenfängern weg fallen tolle Kleinigkeiten auf, wie z.B. wunderhübsche Frauen/Menschen auf den Straßen, viele freundliche Gesichter, häufiger Körperkontakt untereinander bzw. auch gerne mal ein tapfere Klopfer auf die Schulter als Entschuldigung wenn man mal angerempelt wurde. Natürlich auch die komplett bis auf das Gesicht verhangenen Frauen, die aber manchmal auch nicht ohne Desingerbrille auskommen. Und auf einmal entdeckt man dann, was für eine wohlklingende und schöne Sprache Türkisch doch ist. Kein Vergleich mit dem bekannten Unterschicktendialekt aus den U-Bahnen der Republik. Auch wenn man nix versteht, ist die Sprache phonisch sehr interessant und es macht Spaß Leuten beim Meze bestellen zuzuhören (oder was auch immer da geredet wurde).
Achja, unbedingt testen sollte man auch ein Hamam für ein zwei Stunden und sich auch ein Extra gönnen wie eine Schrubbung. Ein kräftiger und haariger Mann kommt dann an und seift, rubbelt und schrubbt einen so richtig blitzeblank (bei den Frauen ists ähnlich. Nur hat der Schrubbmeister weniger Haare und noch mehr Brustumfang). Die Geschlechter sind strikt getrennt und zumindest bei den Männern wird zu dem peinlich drauf geachtet, dass einem das kleine Handtuch nicht verrutscht, was einer gewissen Putzigkeit nicht entbehrt.
Die Stadt lädt also zum Eintauchen ein und überrascht mit einer besonderen Szenerie wenn zu bestimmten Zeiten die Geräusche der Stadt durch den Muezzin übertönt werden. Hat schon was Unverwechselbares wenn man sonst nur Kirchengebimmel gewohnt ist.
Technik: Panasonic Lumix DMC-FZ28 und HTC Desire HD mit Vignette
20. April 2011
Der Natur-Park Südgelände (Webseite, Wikipedia) wurde eigentlich bis vor einigen Jahrzehnten als Rangierbahnhof Tempelhof genutzt. Nach der Stilllegung hat sich später eine Bürgerinitiative erfolgreich dagegen gewehrt, dass das Gelände einer neuen Nutzung zugeführt wurde. Jetzt ist es ein sehr interessantes Areal und Naherholungsgebiet, in dem man zugucken kann, wie ein alter Rangierbahnhof langsam von der Natur zurückerobert wird. Die Gleise versinken im Moos oder wehren sich tapfer gegen die immer kräftiger werdenden Birken. Tafeln informieren über Tiere, die dort gar nicht beheimatet sein dürften, sondern damals von den Güterzügen eingeschleppt wurden. Sprayer freuen sich über alte Tunnelanlagen und werden geduldet. Der Eisenbahnnerd freut sich über eine alte Drehscheibe und der Intellektuelle über ein Künstlerareal mit haufenweise Stahlskulpturen und Plastiken. Ein Restaurant gibts auch. Und nicht zuletzt freut sich der Urbexer, der hier einer posthumanistischen Szenerie beim verrosten und ergrünen zugucken kann. Am Ende bleibt das Gefühl, dass mit dem Südgelände das absolut richtige getan wurde.
26. September 2010