Archiv des Jahres 2011

Neue Nürnberger Urbanität

Ein Text der in den Straßen von Nürnberg lange Zeit nachhallte war der Artikel “Geschmeidige Gangart – Demoskopen und Ökonomen haben die langweiligste Großstadt Deutschlands ermittelt: Nürnberg” (als PDF) aus dem SPIEGEL 31/1992. Der Autor dieses Blogs kam etwa 10 Jahre später in die Stadt und dennoch fing er an in fast genau demselben Ton mit denselben Beobachtungen zu schreiben und zwar unbeeinflusst von eben jenen Artikel, denn es mussten fast noch mal 10 Jahre vergeben bis der Autor Inhaltliche Kenntnis des Artikels erlangte.

Die Frage stellt sich nun, ob sich seit dem in Nürnberg irgendwas verändert hat. Vielleicht dazu ein kleines Beispiel. Zu Beginn des neuen Jahrtausends war es in Nürnberg auffällig leer auf den Straßen. Nicht nur fehlte (und nach wie vor fehlt) es an Kunst und Zierrat im öffentlichen Raum, überhaupt fiel die völlige Abwesenheit von Straßenkultur auf. Die Straßen waren, und sind es meist immer noch, auf ihre eigentliche Funktion als Wege reduziert. Bis heute gibt es in der Stadt keine Flaniermeile, geschweige denn einen Boulevard oder ähnliches. Also Orte die auf ihre Weise Eleganz oder Charme versprühen, Orte an denen man sich niederlässt um durch den Ort zu wirken, auf sich und auf andere, um die Wertigkeit des Ortes anzunehmen und um auch von anderen auf diese Weise wahrgenommen zu werden. Das alte Spiel von sehen und gesehen werden.
Der Spiegelartikel erklärt die Fränkische Seele als “selbstzweiflerisch, grüblerisch und nach innen gekehrt” und das spiegelte sich ganz offensichtlich in der Straßenkultur wider. Wer braucht schon ein schniekes Straßencafé, wenn man in der Nachkriegsbehausung vorm Fernseher sitzen kann?

Neue Nürnberger Urbanität 2

Mittlerweile kann man aber sonderbares in den Straßen der Stadt beobachten: kleine Tischgrüppchen sammeln sich vor den Bäckerstuben, Cafés, Restaurants, Bars und selbst vor Modeboutiquen als wäre es nie anders gewesen. Jede Eckkneipe hat Klapptische vor der Tür und selbst die Norma kommt nicht mehr ohne aus. Es scheint ein Bedürfnis nach Öffentlichkeit oder der beschrieben Straßenkultur zu herrschen. Schätzungsweise haben die Immigranten diese Lebensart nach Nürnberg geschleppt. Der fränkischen Mentalität wäre diese Art des urbanen Lebens nie entsprungen. Ich kann mich irren, aber der erste Stuhl auf einem Gehweg in Nürnberg stand bestimmt vor einem Obst- und Gemüseladen in Gostenhof. Kann auch sein, dass die Globalisierung mit ihren “McCafés” auch in der Frankenmetropole nicht haltgemacht hat (in der Globalisierung haben individuelle Kulturen nun mal zu leiden, warum soll es den Franken da anders gehen? Aber das führt zu weit jetzt).

Soweit, so gut. Nur gibt es da ein kleines peinliches Problemchen: Nürnberg wurde nie für ein öffentliches Leben gebaut. Die Architektur der Stadt funktioniert mit diesem Lebensstil nicht mehr. Die Straßen sind zu klein und zu eng, es gibt keine Plätze und es gibt vor allem keine einladenden Plätze (ja, es gibt den Tiergärtnertorplatz, aber der ist auch klein und eng). Selbst Neubauten werden in dem Stil der introvertierten Stadt geplant und errichtet. Der öffentliche Raum beschränkt sich meist auf drei-vier Meter Gehweg zwischen Fassade und zugeparkter und/oder befahrener Straße ohne Baumbestand und drum rum die ewig hässlichen eintönigen Fassaden die selbst einen üppigen Teil der Altstadt ausmachen. Und so kommt es dann, dass diese wenige Meter Gehweg die neue Nürnberger Urbanität definieren. Urbanes Flair auf fränkische Art.

Neue Nürnberger Urbanität 1

Und jetzt noch mal die Frage: Hat sich was seit 1992 verändert?

2 Kommentare 28. April 2011

Istanbul Exkursion

Istanbul 01

Istanbul ist die Stadt, die man besuchen sollte um jedes auf welche Weise auch immer entstandenes Bild türkischer Kultur anzupassen, umzudeuten oder zu korrigieren. Eine Reise nach Istanbul lohnt sich. Es gibt Eindrücke en masse, Überraschungen auch und nicht zuletzt hält die Stadt einen nicht unerheblichen Batzen Charme bereit, den man so nicht erwartet hätte. Meine erste Tour nach Istanbul, sicher nicht die Letze. Hier ein paar Handlungshinweise:

Unterkunft

Egal was alle anderen sagen, man besorgt sich ein Hotel oder Hostel in Taksim was praktisch das Zentrum der Stadt ist. Ok, bei so einer großen Stadt ist es schwer ein Zentrum zu definieren, aber nur Touristen glauben, dass sich das Zentrum durch die Altstadt (Sultanahmet oder Eminönü) definiert.

Allgemeines

Alle Taxis haben ein Taxameter und es sollte an sein. Sind sie auch normalerweise aber die Taxifahrer sind auf Touristennapping spezialisiert und man sollte besser prüfen ob es läuft. Wenn nicht, dann steigt man aus und nimmt das nächste Taxi. Es gibt Tages- und Nachtfahrpreise. Die Fahrer sprechen nicht viel mehr als Türkisch und sie fahren gerne die längere Tour zum Ziel um einen höheren Fahrpreis zu bekommen. Ihnen Adressen zu geben hilft nicht viel, man muss ihnen Hotelnamen, Sehenswürdigkeiten oder Landmarken sagen oder was im Reiseführer zeigen oder so. Wenn sie das Ziel nicht kennen, fahren sie trotzdem irgendwo hin. Am Ende kommt man aber an. Beim Wechselgeld wird dann auch noch mal gerne geschummelt.

Es gibt auch eine U-Bahn und in Taksim eine tief unter der Erde steckende Station aber man wundert sich, was man von Taksim aus alles locker zu Fuß erreichen kann. Die Altstadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten auf jeden Fall, endlos viele Shops und Clubs und Bars sowieso.

Wenn man im Restaurant etwas bestellt sollte man drauf achten, dass man vorher den Preis kennt. Wenn z.B. der Preis fürs Essen ok aussieht und man sich einfach einen Drink dazu bestellt (in der Annahme, der Preis sei dann wohl auch ok) kann man möglicherweise sein kleines Wunder erleben. Nachverhandlungen sind aussichtslos. Wenn man etwas zum Drink dazu bekommt (z.B. Nüsse in einer Bar) sollte man auch besser mal nach dem Preis fragen. Die sind meist nicht kostenlos.

Wenn man wie ein Tourist aussieht bzw. nicht türkisch, wird man gerade an den Läden, Bars und Restaurants an den touristischen Orten von auf Touristen spezialisieren und sehr aufmerksamen Mitarbeitern sehr offensiv umworben doch bitte in genau ihr Geschäft zu kommen. Man wird teilweise sehr gekonnt und manchmal nicht mal auffällig in ein Gespräch verwickelt (gerne auch auf fließend Deutsch) und man landet dann wenn man nicht aufpasst in eben jener Lokalität. Diese Läden sind nicht per se schlecht, aber teilweise halt doch. Die wirklich guten Läden haben solch Offensivmarketing nicht nötig. Protipp (macht man nach dem 35sten Touristenfänger eh automatisch): diese Leute einfach eiskalt ignorieren.

Sultanahmet

Das ist der historische Teil der Stadt und hat viele große und kleine Sehenswürdigkeiten. Wenn man sich die Führungen spart und sich einfach nur treiben lässt, schafft man die Altstadt zu Fuße leicht an einem Tag mit Sachen wie:

  • Die Sultan-Ahmed-Moschee mit ihren sechs Minaretten (weswegen die Moschee in Mekka ein zusätzliches Minarett bauen musste)
  • Hagia Sophia, eigentlich eine Orthodoxe Kirche aus den Zeiten Konstantinopels, dann zur Moschee umgebaut und heute ein Musem
  • Topkapı-Palast, der alte Palast des Sultans
  • Die Cisterna Basilica, oft auch Versunkener Palast genannt, ist eine spätantike Zisterne westlich der Hagia Sophia. Szenen aus dem Bondstreifen „Liebesgrüße aus Moskau“ wurden hier gedreht.
  • Der große Basar. Ok, sollte man mal gesehen haben wie unglaublich groß, bunt und wuselig ein Basar sein kann. Allerdings verderben einem die oben genannten Touristenfänger die Laune und es ist zu voll und zu wuselig. Kaufen will man eh nichts. Man findet all das Zeug anderswo auch und vermutlich sogar billiger.
Istanbul 09

Taksim

İstiklal Caddesi ist die Hauptstraße mit hunderten von Geschäften, Restaurants, Cafes und all das. In den Seitengassen verstecken sich dann auch zu allem Überfluss noch viel mehr davon. Es ist sicher nicht die beste Einkaufmeile, die ganzen globalisierten Standartmarken finden sich zuhauf hier. Individuelles findet man wenn, dann in den Seitengassen der Seitengassen aber man findet hier lecker Essen. Viele Clubs findet man hier auch, die mainstreamingen direkt an der Straße, die besseren etwas versteckter in den Seitengassen (eh klar).
Wenn man was essen geht entweder Efes (Bier) trinken oder lecker Türkischen Wein (trocken). Dazu als Starter oder vollwertige Mahlzeit „Meze“, die türkischen Tapas.
Läuft man die Straße bis zum Ende kommt man an den „Taksim square“. Ein riesiger, aber nicht sonderlich schöner Platz und Verkehrsknotenpunkt. Hier wedelt man entweder eine türkische Fahne auf irgendeiner Kundgebung oder taucht in die angrenzenden Stadtteile ab.

Beşiktaş

Schonwieder ein Zentrum der Stadt. Barbaros Bulvari ist die Hauptstraße inkl. Den tausenden von Restaurants. In der Nähe ist der Dolmabahçe-Palast, der neue Palast des Sultans direkt am Bosporus, der sehr europäisch aussieht und vor Superlativen fast platzt. Von Beşiktaş kommt man mit der Fähre auch rüber nach Asien (von woanders auch). Vom Palast mal abgesehen ist diese Ecke schon nicht mehr so touristisch. Man wird nicht mehr in alle möglichen Läden gezerrt sondern höflich bedient, auch die Bars sind angenehm.

Das Museum für Moderne Kunst, Istanbul Modern, ist glaub ich auch gerade noch in Beşiktaş gelegen. Kann man sich angucken, sind schöne Sachen drin, die man allerdings auch schon kennt, wenn man sich minimal für zeitgenössische Kunst interessiert. Falls man sich auf heißen Scheiß aus der Istanbuler Kunstszene freut, ist man hier falsch. Überhaupt wird wohl dem Vernehmen nach eine blubbernde Kunstszene in der Stadt ziemlich unterdrückt bzw. existiert diese nicht sonderlich, auch wenn man Spuren von ordentlicher Streetart findet, ist diese zwar da, aber wenig originell im Sinne von bekannt aus anderen Städten.

Istanbul 14

Nişantaşı

Der Shoppingstadtteil, falls man eine gut gefüllte Portokasse übrig hat. Auch mit zehntausenden von Bars und Restaurants. Außergewöhnlich ist, dass hier die Einkaufsläden sonntags geschlossen haben, wohingegen man in Taksim sonntags um 23:00 Uhr noch seine Turnschuhe kaufen kann, die sich übrigens auch preislich von hiesigen Einkaufsstraßen nicht unterscheiden. Überhaupt sollte man nicht glauben, dass Istanbul besonders billig ist.

Hat man diese Teile der Stadt abgelaufen, hat man sicher schon einen guten Einblick bekommen bzw. den Charme gerochen. Ist man erst mal von den Touristenfängern weg fallen tolle Kleinigkeiten auf, wie z.B. wunderhübsche Frauen/Menschen auf den Straßen, viele freundliche Gesichter, häufiger Körperkontakt untereinander bzw. auch gerne mal ein tapfere Klopfer auf die Schulter als Entschuldigung wenn man mal angerempelt wurde. Natürlich auch die komplett bis auf das Gesicht verhangenen Frauen, die aber manchmal auch nicht ohne Desingerbrille auskommen. Und auf einmal entdeckt man dann, was für eine wohlklingende und schöne Sprache Türkisch doch ist. Kein Vergleich mit dem bekannten Unterschicktendialekt aus den U-Bahnen der Republik. Auch wenn man nix versteht, ist die Sprache phonisch sehr interessant und es macht Spaß Leuten beim Meze bestellen zuzuhören (oder was auch immer da geredet wurde).

Achja, unbedingt testen sollte man auch ein Hamam für ein zwei Stunden und sich auch ein Extra gönnen wie eine Schrubbung. Ein kräftiger und haariger Mann kommt dann an und seift, rubbelt und schrubbt einen so richtig blitzeblank (bei den Frauen ists ähnlich. Nur hat der Schrubbmeister weniger Haare und noch mehr Brustumfang). Die Geschlechter sind strikt getrennt und zumindest bei den Männern wird zu dem peinlich drauf geachtet, dass einem das kleine Handtuch nicht verrutscht, was einer gewissen Putzigkeit nicht entbehrt.

Die Stadt lädt also zum Eintauchen ein und überrascht mit einer besonderen Szenerie wenn zu bestimmten Zeiten die Geräusche der Stadt durch den Muezzin übertönt werden. Hat schon was Unverwechselbares wenn man sonst nur Kirchengebimmel gewohnt ist.

Technik: Panasonic Lumix DMC-FZ28 und HTC Desire HD mit Vignette

Hinterlasse einen Kommentar 20. April 2011

Frankendämmerung

Frankendämmerung

Statusupdate: Mittlerweile verbreitet die Stadt so ein kleines wohliges Aufschwunggefühl. Es wird gebaut. An allen Ecken und Enden schwingen Bagger und Abrissbirnen umher. Gebäude werden entkernt und von Gerüsten umzingelt. Selbst einzelne das (Alt-)Stadtbild prägende Nachkriegsbauten müssen um ihre Existenz fürchten. Ohne es jetzt besser zu wissen vermutet der Autor dieser Zeilen, dass investiert wird, irgendein Konjunkturpaket greift oder beides. All die Jahre ist nix passiert und die Frage stand im Raum, was denn all die Leute machen, wenn sie sich schon nicht um ihre Stadt kümmern. Jetzt sieht’s so aus, als wäre man auf die Idee gekommen, doch mal wieder ein bisschen was zu erneuern und aufzubauen bzw. sich um Brachen und Ruinen zu kümmern. Gut so. Wird auch Zeit.

10 Kommentare 19. März 2011

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